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Karrieresprung vor Mitternacht

Die ARD gibt mit dem »FilmDebüt im Ersten« dem Nachwuchs wieder eine Chance

Jedem Anfang, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse, wohnt ein Zauber inne. Und wenn dieser Anfang dann auch noch phonetisch französischen Ursprungs ist, klingt er sogar ziemlich zauberhaft: début. Stellen wir in diesen europameisterschaftsgesättigten Tagen also kurz mal alles aufs verdeutschte Debüt, dann kann es selbst im Umfeld des profanen Fußballs für ein paar Stunden im Frühsommer wirklich hinreißend werden.

Unter der Klammer »FilmDebüt im Ersten« zeigt die ARD nämlich bereits im 16. Jahr um diese Jahreszeit Erst- oder Zweitlingswerke junger Regisseure, die dem Leitmedium gelegentlich etwas Außergewöhnliches entlocken, besser noch abtrotzen: Wagemut. Den Wagemut zum Beispiel, überwiegend Filmemacher einfach mal machen zu lassen, die tendenziell halb so alt sind wie der öffentlich-rechtliche Durchschnittszuschauer, um - nun ja - visionäres Fernsehen herzustellen, das ansonsten eher selten ist im Regelprogramm.

Das bedarf insofern auch 2016 der Hervorhebung, als die so genannte Primetime ansonsten von den ewig gleichen »Tatort«- bis »Pilcher«-erprobten Namen dominiert wird: Den Hirschbiegels und Huntgeburths, Kehlers und Glasners, Schweigers und Schweighöfers. Seit Benjamin und Dominik Redings Auftaktwerk der Debütantenreihe »Oi!Warning« 2001 auch international für Furore gesorgt hat, achtet die Branche sehr genau darauf, was ab Mitte Juni sechs Wochen lang dienstags nach den »Tagesthemen« läuft. Kleine Namen sind auf diesem Platz groß geworden und große noch größer. Maren Ade, die mit ihrem jüngsten Film »Toni Erdmann« in diesem Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes Aufsehen erregte, hat 2006 mit »Der Wald vor lauter Bäumen« erstmals ein breites Publikum auf sich aufmerksam gemacht. Im Jahr drauf debütierte die versierte Dokumentaristin Aelrun Goette mit einem Spielfilm. Und die Schauspielerin Ina Weisse durfte zwölf Monate später an gleicher Stelle mit »Der Architekt« beweisen, dass sie auch hinter der Kamera Herausragendes leisten kann.

Drei Namen, die zweierlei bezeugen: Im unverdrossen patriarchalisch geprägten Krimi- und Schnulzenland D. gibt es offenbar doch Raum für Frauen mit ungewöhnlichen Themen. Daran dürfen sich dieses Jahr gleich fünf Geschlechtsgenossinnen messen lassen, die den branchenüblichen Anteil weiblicher Regisseure im einstelligen Prozentbereich vervielfachen. Da wäre die Hamburgerin Frauke Finsterwalder, deren Neunzigminütiger »Finsterworld« nach ein paar Kurz- und Sachfilmen am 19. Juli mit einem hinreißenden Reigen menschlicher Befindlichkeiten nach eigenem Drehbuch glänzt.

Da wäre im Finale (9. August) das melodramatische Märchen »Im Spinnenwebhaus« von Mara Eibl-Eibesfeldt aus dem Münchner Umland, das den realen Fall von vier Kindern, die nach der Flucht ihrer Mutter auf sich allein gestellt sind, zur schwarzweißen Liebeserklärung an den kindlichen Eigensinn macht. Da wäre Viviane Andereggens Komödie »Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut«, die das jüdische Leben im Land der Holocaust-Täternachfahren nächste Woche aus Sicht eines Zwölfjährigen schildert. Da wären überhaupt gleich fünf Werke, deren Inhalt auf unterschiedlichste Art mit den (Spät-)Folgen des Holocaust befasst ist.

Da wäre aber auch ein Auftaktfilm, der heute Abend zeigt, dass es in dieser Reihe gar nicht zwingend um radikale, am besten politisch korrekte Bild- oder Textsprache geht. »Zeit der Kannibalen« ist ein vielfach preisgekröntes, dramaturgisch jedoch konventionelles Lustspiel um zwei global tätige Unternehmensberater (Devid Striesow, Sebastian Blomberg), die im Luxusgefängnis ihrer Renditeziele Gegenwind kriegen, als ihnen ausgerechnet eine Frau (Katharina Schüttler) innerbetrieblich Konkurrenz macht. Ein toller Film, aber gewiss kein Experiment. Von Regisseur Johannes Naber aus Baden-Baden dürfte man trotzdem - oder gerade deshalb - noch hören. Das FilmDebüt im Ersten einzuleiten, ist ein Karrieresprungbrett ohne Beispiel.

ARD, 22.45 Uhr

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