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Wozu die DDR-Aufarbeitung dient

Der Potsdamer Journalist und Buchautor Matthias Krauß glaubt an ein Ablenkungsmanöver

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Erst im Nachhinein, angesichts von Massenarbeitslosigkeit, erschien den Ostdeutschen die DDR in einem besseren Licht. Das war die Sunde der Aufarbeitung, meint Buchautor Matthias Krauß.

Mit welcher Absicht wird die DDR-Vergangenheit heute aufgearbeitet? Dies fragt der Potsdamer Journalist und Autor Matthias Krauß. Er hat vier Jahre lang die Enquetekommission des Landtags zur Aufarbeitung der Nachwendejahre intensiv beobachtet und dazu eine Reihe von Zeitungsbeiträgen verfasst, auch schon ein Buch darüber geschrieben. Nun legte er ein zweites Buch nach, in dem es nicht mehr um die Kommission geht, sondern in dem er einmal generell fragt: »Wem nützt die Aufarbeitung?« So lautet auch der Titel des Buches.

Es habe sich nach 1990 sehr schnell gezeigt, dass die Blütenträume nicht reiften, schreibt Krauß. Im Osten Deutschlands brachte die D-Mark nicht das Paradies, sondern für viele waren die ersten Jahre nach der Wende die Hölle. Es herrschte Massenarbeitslosigkeit, es mangelte an Lehrstellen. Dies ließ die Ostdeutschen, die ja mit übergroßer Mehrheit den schnellen Anschluss an die Bundesrepublik gewollt hatten, die DDR im Nachhinein in einem anderen, günstigeren Lichte erscheinen. Das trug auch zu den Wahlerfolgen der PDS bei, die das Establishment verstörten, wie Krauß feststellt. »Das war sie, die Stunde der Aufarbeitung«, glaubt Krauß. »Jetzt galt es, ideologisch zu gewinnen, was in der gesellschaftlichen Wirklichkeit verloren zu gehen drohte.«

Krauß analysiert die »Endlosabrechnung« mit der DDR, wie er es nennt, und kommt zu dem Ergebnis, dass die jetzige Propaganda im Kern nicht anders ist als einstmals die Agitation der Sozialistischen Einheitspartei SED: »Was heutzutage unter dem Label ›Aufarbeitung der DDR-Geschichte‹ stattfindet, ist seinem Wesen nach SED-Propaganda mit umgekehrten Vorzeichen.« Es werde nicht billig gelogen oder gefälscht. »Für die Art und Weise der Aufarbeitung, mit der das Publikum nachdrücklich belästigt wird, ist typisch, dass die vorgebrachten Einzelheiten stimmen, so wie die Einzelheiten auch in den Propagandasendungen eines Karl-Eduard von Schnitzler praktisch immer gestimmt haben. Und dennoch wurde beziehungsweise wird getäuscht, getrickst und manipuliert, was das Zeug hält.«

Natürlich wolle er nicht die DDR wiederhaben, beteuert der Autor. Aber in einer Situation, in der aktuell vor allem immer wieder die Schattenseiten der DDR herausgestellt werden - genau das ist seiner Meinung nach die Vorgehensweise bei der Agitation heute -, da erlaubt sich Krauß, an die guten Seiten zu erinnern. Etwa daran, was sich Senioren einst von ihrer Rente leisten konnten, als die Mieten lächerlich gering waren und die Eintrittskarten für Theater lächerlich wenig gekostet haben. Auch Urlaubsreisen sind drin gewesen. Dagegen reichen die schmalen Renten, mit denen viele Ostdeutsche heutzutage auskommen müssen, besonders, wenn sie nach der Wende lange arbeitslos waren oder nur sehr wenig Geld verdient haben, gerade einmal zum Überleben, wenn nicht noch zusätzlich Grundsicherung vom Staat bezogen werden muss.

Krauß rechnet Untaten des Ostblocks gegen Verbrechen des Westens auf, darunter die 136 Maueropfer gegen die mindestens 150 Opfer des »Todesstreifens« in den 1990er Jahren an der polnischen Grenze, als Flüchtlinge versuchten, illegal nach Deutschland einzureisen. Nicht einmal mitgezählt seien die Flüchtlinge, die in den Grenzflüssen Oder und Neiße ertrunken sind und deren Leichen unbemerkt fortgespült worden, erinnert Krauß. Die 1,5 Millionen Todesopfer in Indochina, die 1,2 Millionen in Algerien und die 80 000 in Madagaskar, die auf das Konto der Kolonialmacht Frankreich gehen, tauchen in dem Buch gleich an drei Stellen auf. Dazu die täglich 40 000 Kinder, die in den ärmsten Teilen der Welt »in den Hinterhöfen des Kapitalismus« verhungern.

Absurde Züge nimmt die Aufrechnerei spätestens in dem Moment an, in dem Krauß die Mauertoten gegen die Toten im Straßenverkehr nach der Wende setzt oder die Mauer quasi als Verhütungsmittel wertet, das die Ausbreitung der Immunschwächekrankheit Aids im Osten genauso verhinderte wie Missbildungen durch das Medikament Contergan. Das ist nicht völlig verkehrt, aber angemessen sind solche Rechenspielchen trotzdem nicht.

Allerdings untertitelt Krauß sein Buch als »eine Streitschrift« - und damit erlaubt er sich und dem Leser, kühne Formulierungen und starken Tobak als Stilmittel durchgehen zu lassen. Das Buch ist erstaunlicherweise lesenswert und streckenweise sogar amüsant, anders als Titel und Thema das zunächst vermuten lassen. Es gibt aber auch schwache Stellen, die so wirken, als seien sie mit Schaum vor dem Mund verfasst.

Das hat Matthias Krauß in seinen anderen Büchern, die sich alle mehr oder weniger mit der Nachwirken der DDR befassen, viel besser hinbekommen. So legte er mit »Der Wunderstaat« (2004) einen autobiografischen Schelmenroman vor, der zeigt, dass es in der DDR nicht nur die vielzitierten Nischen gegeben hat, sondern echte Freiräume. In seiner Angela-Merkel-Biografie »Das Mädchen für alles« (2005) zeigte Krauß, wie die Kanzlerin umgemodelte Stanzen der DDR-Propaganda in ihre Reden einwebt, was ihre konservativen Verehrer im Westen nicht bemerken. Ganz sachlich ging Krauß in »Völkermord statt Holocaust« (2007) vor. In diesem Buch demontierte er anhand seines eigenen Literaturunterrichts die These, in der DDR sei es immer nur um den kommunistischen Widerstand und nie um die Ermordung der Juden durch die Faschisten gegangen. In »Die Partei hatte manchmal Recht« (2009) nannte Krauß neben Anzeichen dafür, dass die DDR »besser als die beste aller Welten« gewesen sei, auch die schwerwiegenden Nachteile, und er rügte fehlende Freiheiten. So differenziert ist die Streitschrift leider nicht. Warum nur?

Matthias Krauß: »Wem nützt die ›Aufarbeitung‹?«, edition ost, 208 Seiten, 12,99 Euro

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