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Erster Weltgipfel der Ostkirche - oder nicht

Auf Kreta soll am Donnerstag das Allorthodoxe Heilige und Große Konzil zusammentreten, aber noch wird gestritten

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 4 Min.
Bis zuletzt herrscht vor dem Weltgipfel der Ostkirche ein erbittertes Gerangel um Vorherrschaft - wenn er denn am Donnerstag auf Kreta wirklich zustande kommt.

Gott will offenbar, aber einige seiner Stellvertreter auf Erden könnten das Mehr-Generationen-Projekt noch auf der Zielgeraden gegen die Wand fahren. Es geht um das Allorthodoxe Heilige und Große Konzil, das am 16. Juni auf Kreta zusammentreten soll. Es wäre der erste Weltgipfel der Ostkirche, mit über 300 Millionen Gläubigen die drittgrößte christliche Gemeinschaft.

Schon 1902 sah der damalige Patriarch von Konstantinopel, Joachim III., Handlungsbedarf. Doch immer wieder scheiterte der Gipfel an Kriegen und politischen Turbulenzen. Sie legten sich auch wie Mehltau über Anstrengungen zu konkreten Schritte der Vorbereitung, die bereits 1961 vorbereitet wurden. Erst 53 Jahre später einigen sich die Kirchenfürsten auf ein Datum: 2016. Tagen sollte das Konzil im Fener, dem alten Griechenviertel von Istanbul, wo der Patriarch von Konstantinopel bis heute seinen Sitz hat. Den Passus zu Ort und Zeit hatten die Unterhändler allerdings mit einem Stern versehen: So nicht etwas Unvorhergesehen geschehe.

Das war weise. Wegen Russlands zerrüttetem Verhältnis zur Türkei einigte man sich im Januar 2016 auf Kreta als neuen Tagungsort. Doch am 3. Juni sagte die Bulgarisch-Orthodoxe-Kirche ab. Die Brüder in Serbien und Georgien, mehrere griechische Kirchen sowie der Klosterstaat Athos drohten ebenfalls mit Boykott. Und die Russisch-Orthodoxe Kirche - die mit Abstand mitgliederstärkste - drängt auf Verschiebung und eine Vorkonferenz zur Klärung von Differenzen. Anderenfalls werde auch Patriarch Kirill von Moskau und ganz Russland dem Konzil fernbleiben. So jedenfalls zitierten russische Nachrichtenagenturen den für Außenbeziehungen zuständigen Metropoliten Hillarion.

Vordergründig dreht sich der Streit um theologische Spitzfindigkeiten. Um Sakramente, Dogmen und Diptychen - die Reihenfolge für die Namensnennung kirchlicher Würdenträger in der Liturgie, aus der sich die Rangfolge der einzelnen Kirchen ableitet. Unterschwellig geht es um sehr irdische Dinge. Um Macht und um hohe Politik. Vor allem in Russland, wo Kirche und Staat trotz formeller Trennung eng miteinander verzahnt sind. So eng, dass Präsident und Patriarch Ende Mai gemeinsam Athos besuchten. Russische Medien machten mit Fotos auf, die Wladimir Putin - etliche Zentimeter Kirill, Griechenlands Granden und das Führungspersonal der Mönchsrepublik überragend - in einem Bestuhl zeigen, der seit mehr als einem halben Jahrtausend verwaist ist, weil er angeblich dem Isapostolos vorbehalten war: dem apostelgleichen Kaiser von Byzanz.

Byzanz sah sich als Zweites Rom, Moskau sieht sich als drittes. Vor allem, seit Putin vor über 16 Jahren in den Kreml einzog und Russland eine Byzanz-light-Version als Entwicklungsmodell verpasste. Einen straff zentralisierten, paternalistischen Beamtenstaat, der der Orthodoxen Kirche die Rolle der obersten moralischen Instanz konzediert und Essentials ihres erzkonservativen Wertekanons - Homophobie etwa oder Unterordnung unter die von Gott gewollte Obrigkeit - gleich mitübernahm.

Eine Win-Win-Situation für Kreml und Klerus. In Treue fest steht Putin daher hinter Kirill beim Gerangel um die inoffizielle Führung der orthodoxen Christenheit. Denn eine Institution wie den Papst, dem der Klerus quasi militärischen Gehorsam schuldet, kennt die Ostkirche nicht. Zwar führt der Oberhirte von Konstantinopel traditionell den Titel »Patriarch des Erdkreises«. Doch er ist nur Primus inter pari. Als Erster unter Gleichen hat derzeit Bartholomäus I. den Titel, dadurch auch den Vorsitz beim Konzil und somit entscheidenden Einfluss auf die Beschlussfassung. An den Resolutionsentwürfen hat der liberale Bartholomäus maßgeblich mitgewirkt. Sie sind für orthodoxe Verhältnisse nachgerade revolutionär. Es geht um die Mission der Orthodoxen Kirche in der Moderne, um das Sakrament der Ehe und wem es zu verweigern ist sowie um das Verhältnis zu anderen christlichen Kirchen.

Die Ultraorthodoxen wollen sie verhindern. Allen voran die Klosterrepublik Athos, die sich als Gralshüter der reinen Lehre sieht und Putin und Kirill daher um ihren Beistand gegen die »Ketzer« um Bartholomäus bat.

Bartholomäus, so russische Medien, fürchte die Annäherung an Moskau, letztendlich sogar eine feindliche Übernahme der ihm unterstellten Mönchsrepublik und wollte die Russen daher erst nach dem Konzil in Athos sehen. Unmittelbar vor dem Besuch, schreibt die »Nesawissimaja Gaseta«, habe man sich zu einem Kompromiss zusammengerauft: Bartholomäus und damit Konstantinopel führt auf Kreta den Vorsitz, Kirill kann dafür per Veto alle für Moskau unannehmbaren Änderungen kippen.

Ob der Handel noch gilt, ist ungewiss. Das Patriarchat in Moskau wollte sich dazu bisher nicht äußern. Moskau wolle nicht die zweite, sondern »eine der ersten beiden Geigen spielen«, glaubt Alexei Malaschenko vom Moskauer Carnegie-Zentrum. Er meint damit die Forderung nach Ko-Vorsitz für Kirill. Auch die habe einen hochpolitischen Hintergrund, glauben Leitartikler. Werde Moskaus Oberhirte dem Patriarchen des Erdkreises im Rang faktisch gleichgestellt, sei das den russischen Ambition auf dem vorwiegend orthodoxen Balkan nur förderlich.

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