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Das Herzblut der Katastrophe

Eine Ausstellung im Kulturhaus Karlshorst zeigt den Realismus im späten armenischen Sowjet-Sozialismus

  • Von Marc Hairapetian
  • Lesedauer: 4 Min.

»Entweder hörst du auf mit dem Affentanz oder du verlässt mein Haus!« Nikolai Nikogosian entschied sich am Ende für Letzteres und verließ im Jahr 1937 Jerewan sowie seinen Vater Bagrat, der wiederum acht Jahre zuvor noch im Ararat-Tal als »Kulak« (Landwirt mit Lohnarbeitern) denunziert und enteignet wurde, in Richtung Leningrad (heute wieder St. Petersburg). Nikolai Nikogosian war Absolvent einer Ballettschule und Mitglied im »Corps de Ballet« in der Hauptstadt der damaligen Sowjetrepublik Armenien, die nach dem Völkermord im Auftrag der osmanischen Machthaber in den Jahren 1915 und 1916 nur kurze Zeit eine unabhängige Demokratische Republik (1918-1920) war. Nach seinem Fortgang widmete Nikogosian sich in Russland der Malerei.

Das lag vor allem daran, dass er in der großen Stadt ohne Sprachkenntnisse, ohne Unterkunft und ohne jegliche persönlichen Verbindungen unmöglich seine Tanzkarriere fortführen konnte. Nach drei Hungerjahren gelang es dem am 2. Dezember 1918 im Dorf Mets Shagriar (jetzt Nalbandian) geborenen Hitzkopf, der sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt, in die Kunstschule und etwas später in die Fakultät für Bildhauerei der Akademie der Künste einzutreten, aus der er kurz vor dem deutschen Einmarsch im Jahr 1941 wegen Auseinandersetzungen mit Kollegen ausgeschlossen wurde.

Obwohl er in St. Petersburg inzwischen wichtige Kontakte wie mit Komponist Dimitri Schostakowitsch und Avantgarde-Maler Pavel Filonow geknüpft hatte, kehrte Nikolai Nikogosian später wieder nach Jerewan zurück. Von 1944 bis 1947 setzte er seine Ausbildung im Surikow Kunstinstitut in Moskau fort. Als Maler, Bildhauer und Grafiker fertigte er Porträts berühmter Zeitgenossen an: Zu seinen Modellen gehörten Schachweltmeister Tigran Petrosjan (1929-1984), die Ballerina Maja Plissezkaja (1925-2015) und Aram Chatschaturjan (1903-1978) der wohl berühmteste Komponist Armeniens.

Trotz des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs durfte er mehrfach in den kapitalistischen Westen reisen, wo er viele Freunde gewann. In Helsinki (1980) und Brüssel (1981) konnte er sogar Ausstellungen seiner Werke unterbringen. Ein kleiner Teil des Gesamtwerks des ungeheuer produktiven Künstlers, der mehr als 200 Büsten, 600 Ölgemälde und 3000 Kohlezeichnungen schuf, ist nun in der Ausstellung »Vier Lebenswege. Zwei Künstlerpaare in der armenischen Tradition« in der Galerie im Kulturhaus Karlshorst zu sehen.

Neben Arbeiten Nikogosians, der aufgrund seines hohen Alters von 97 Jahren nicht mehr zur gut besuchten Eröffnung anreisen konnte, aber von seiner Tochter Gayane Nikogosian vertreten wurde, sind auch Werke von Mariam Aslamazian (1907-2006, Nikogosian war in erster Ehe mit ihrer Schwester Tamara verheiratet) und dem Ehepaar Haroutiun Galentz (1910-1967, eigentlich Harutyun Kharmandarian) sowie Armine Galentz (geborene Paronyan, 1920-1987), das aus dem Libanon beziehungsweise Syrien in die damalige Sowjetrepublik einwanderte, vertreten. Bei dem 45-jährigen in Moskau geborenen, mittlerweile in Berlin lebenden Kurator Archi Galentz, der seine Sammlung für die Deutsch-Armenischen Kulturtage 2016 zur Verfügung gestellt hat, schließt sich der Kreis. Sein Großvater mütterlicherseits ist Nikolai Nikosgosian, die Großeltern väterlicherseits sind die beiden Galentz.

Der tragende Gedanke dieser Ausstellung ist die Verflechtung zweier Schulen des Realismus im (ausklingenden) armenischen Sowjet-Sozialismus. Die Verdichtung in der tradierten Formsprache der Gegenständlichkeit findet sich bei allen vier ausgestellten Künstlern. Das Bedürfnis, eine eigene nationale Malsprache zu entwickeln, wobei besonders eine offene Farbigkeit als Konstruktionsmittel der Bildtiefe zum Vorschein kommt, brachte ihnen im realexistierenden Sozialismus häufiger den Vorwurf des »Subjektivismus« ein. Heute gelten nicht nur im seit 1991 wieder unabhängigen Armenien Gemälde wie Mariam Aslamazyans »Sterbender Sevan-See« (1986), bei dem ein gekentertes Boot mit seinem zum Teil roten Farbanstrich das Herzblut der »armenischen Katastrophe« (Genozid) symbolisiert, zu den Meisterwerken der Moderne. Auch neueste Arbeiten von Nikolai Nikogosian sind in der Ausstellung zu bewundern. So eine 2015 entstandene Bronze-Skulptur des Dichters Paruyr Sevak (1924-1971) in Denker-Pose.

Nachdem in der vorvergangenen Woche die Resolution des Deutschen Bundestages zum Völkermord an den Armeniern einen Beleidigungsschwall der autoritären türkischen Regierung um Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nach sich zog, ist es erfreulich, wenn sich die Medien hierzulande auch wieder mit Kunst und Kultur der ersten christlichen Nation (Erhebung zur Staatsreligion bereits 301 n. Chr. durch König Trdat III.) auseinandersetzen, denn diese ist reichhaltig, eigenständig und oftmals von betörender Schönheit - wie auch im Fall von »Vier Lebenswege«.

Bis zum 3. Juli im Kulturhaus Karlshorst, Treskowallee 112. Eintritt frei.

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