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Heiliges Leder

Seit Jahrzehnten hat sich im bengalisch-indischen Grenzgebiet ein reger Kuhschmuggel etabliert. Die Regierung Modi will dem Einhalt gebieten. Von Christian Faesecke und Gilbert Kolonko

  • Von Christian Faesecke und Gilbert Kolonko
  • Lesedauer: 8 Min.

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Vor den Toren des 18-Millionen-Einwohner-Monsters Dhaka in Bangladesch stehe ich auf dem Viehmarkt Gabtoli. Die Megametropole ist von der üblichen Dunstglocke aus Schwefeldioxid und Feinstaub eingehüllt, die nach einer Studie des Max Planck Instituts (2010) jährlich 30 000 Menschen dahinrafft. Vor mir stehen Transporter; darauf sind Kühe dicht an dicht gequetscht. Einigen wird Paracetamol oder Schmerzmittel eingeflößt, anderen Tabak oder Chili in die Augen gerieben, um sie daran zu hindern, vor Erschöpfung umzufallen - denn sie haben schon einen weiten Weg hinter sich und einen noch sehr qualvollen vor sich.

1000 Kilometer westlich, am heiligen Ganges im indischen Varanasi, sind Bilder wie in Gabtoli unvorstellbar. Die Kühe laufen gemütlich in den Straßen herum, stöbern in den Tragetaschen der Frauen nach Leckereien oder sonnen sich mitten auf einer Kreuzung. Als Zeichen, dass dies alles schon seine Richtigkeit hat, werden sie andauernd von Passanten ehrfürchtig berührt. Es gibt sogar Krankenhäuser, wo sie wegen ihrer Plastikfresserei notoperiert werden. Vor 15 Jahren wurde in Indien fast alles in Bananenblätter verpackt, doch mit der ersten Welle des westlichen Fortschritts kam das Plastik. Da den Kühen das jedoch schnuppe zu sein scheint, holen ehrenamtliche Mediziner den Verpackungsmüll aus den verstopften Därmen. In Delhi oder Kalkutta beginnt man die Kühe aus den Innenstädten zu verbannen, damit der Fortschritt seinen Weg gehen kann.

700 Kilometer östlich auf einem kleinen Viehmarkt in der Ortschaft Bagjola geht es schon weniger ehrfürchtig zu; die Stimmung unter den Bauern ist gedrückt. Der imaginäre Grenzstreifen zu Bangladesch ist zehn Kilometer entfernt und durch tropisches Dickicht verdeckt. 300 Kühe warten vergeblich auf einen Käufer; die Preise haben sich in den letzten Monaten halbiert. Ein anwesender indischer Journalist erklärt: »Unsere Soldaten kontrollieren die Grenze gerade besonders streng.« Und so ist der Kuhschmuggel hier zum Erliegen gekommen. Die örtlichen Bauern trifft das hart. »Alles, damit Premierminister Narendra Modi die Hindu-Fanatiker der radikalen Kaderorganisation RSS zufriedenstellen kann und diese, wenn schon nicht Indien, dann zumindest die Kühe retten dürfen«, sagt er. Er selbst sei wegen des Arsen verseuchten Grundwassers hier. Mit dem Sonnenuntergang trotten die Bauern mit ihren Kühen im Schlepptau zu ihren umliegenden Dörfern zurück.

Zwei Wochen später begleite ich im Morgengrauen eine indische Kuhherde den letzten Kilometer vom Grenzstreifen zum Viehmarkt in Bagachra. Er ist der größte seiner Art im Südwesten Bangladeschs. Das muslimische Opferfest Eid al-Adha steht vor der Tür, so sind trotz der intensiven indischen Patrouillen einige Tausend Kühe auf dem Markt. Er gehört dem Geschäftsmann Shariful I., der vom Staat mit einer Lizenz ausgestattet wurde, aus indischen Kühen Bengalische zu machen. Ich frage einen Schmuggler, wie seine Nacht verlaufen ist. Milon, 25 Jahre, vernarbte Schusswunden am Arm, antwortet stolz. »Wir haben uns gestern Nacht mit 30 Mann getroffen, dann ging es durch den Fluss über die Grenze. An einem vorher vereinbarten Ort warteten etwa 100 Kühe angebunden. Die indischen Grenzsoldaten sind bereits im Voraus bestochen worden. Nach nicht mal drei Stunden waren wir wieder zurück.« Aber manchmal gehe schon etwas schief, hake ich nach, worauf er grinsend antwortet: »Ja, dann müssen wir die Beine in die Hände nehmen. Wer nicht schnell genug ist, wird im besten Fall nur schwer verprügelt. Freunde von mir sind auch schon gefoltert worden.« Ich deute auf seine Narbe und er antwortet verschmitzt: »Ja, da war ich nicht schnell genug.« Wie er weiter erzählt, liegt seine Motivation nicht in den paar Euro, die er pro Nacht für seinen risikoreichen Einsatz verdient, sondern im Nervenkitzel. Den finanziellen Reibach machen andere. Ein Viehhändler, der nicht namentlich genannt werden will, erklärt: »Eine Herde von 100 Kühen kostet etwa 25 000 Euro. Die Bestechungsgelder für die indischen Polizisten oder Armeeangehörigen etwa 5000 Euro. 30 Schmuggler, die die gefährlichste Aufgabe übernehmen, sind dagegen schon für 200 Euro zu haben. In Bagachra bringt eine 100 köpfige Herde, je nach Größe der Tiere, 50 000 bis 60 000 Euro ein.« Das Zentrum des hiesigen Marktes bildet ein karger Betontempel. Hinter vergitterten Fenstern stellen Mitarbeiter von Shariful I. für 500 Takka (etwa sechs Euro) pro Kuh die passende Staatsbürgerschaft aus.

In Gabtoli machen sich die ersten Transporter bei Sonnenuntergang auf den Weg in das Zentrum von Dhaka, wo bis zu 135 000 Menschen auf einem Quadratkilometer leben. Zwischen verrosteten Bussen und überladenden Motor- und Fahrradrikschas schiebt sich der Kuhtransport Meter für Meter durch die Abgaswolke. Drei Stunden und 14 Kilometer weiter, als der Transporter in den Bezirk Motijheel hineinschleicht, mischt sich der Gestank von Tod und Verwesung in die mit Feinstaub verseuchte Luft. Kurz darauf wird der Gestank schier unerträglich und der Laster stoppt. Über Holzbollen stolpern die Kühe wie benommen auf die enge Gasse - dann öffnen sich die Türen des Schlachthauses.

Morgens gegen 4.30 Uhr füllt sich die offene Kanalisation in der Gasse mit Strömen aus Blut - beim Betreten der Schlachthalle weht mir ein schwül-warmer Gestank und dumpfer Krach entgegen. Auf dem glitschigen und rot gefärbten Betonboden liegen Haufen mit Rinderköpfen und Innereien, daneben hocken bunt gekleidete Frauen und waschen die Därme. Zwei Männer hetzen mit Trageeimern an mir vorbei, aus denen Darminhalte schwappen. An den Hufen verschnürt auf dem Boden liegend, röcheln Kühe und Büffel ihre letzten Züge, während das Blut aus ihren Kehlen rinnt. Schaut man einen der Arbeiter an, bekommt man ein strahlendes Lächeln geschenkt und sofort fühlt man sich noch schlechter - der Lebensmut der Bengalen beschämt einen an diesem Ort bis ins Mark. Ein Mittvierziger im weißen Kittel verteilt seelenruhig blaue Stempel auf die enthäuteten Rinderhälften und schlendert ab und zu gelassen zu einer zuckenden Kuh, um ihr ein Reagenzglas an die Kehle zuhalten. Wie sich herausstellt, ist er vom Gesundheitsamt, nimmt Blutproben und verteilt Gütesiegel, zum Zeichen, dass in diesem Schlachthaus alles seine Ordnung hat. Die Häute landen auf einem Haufen an einem Seitenausgang. Von dort kommen noch vor Sonnenaufgang die ersten Händler.

Ein paar Stunden später bin ich im Nachbarbezirk Lalbagh. Hier haben die Leder-Zwischenhändler ihren Sitz. In einem Raum werden die noch bluttriefenden Felle nach Größe und Qualität zu kleineren Haufen verteilt. Ein Helfer spritzt das Kapital ein wenig ab, dann beginnt der Flüsterhandel: Mehrere Kaufinteressenten treten ein, begutachten die Ware und flüstern dem Zwischenhändler einen Preis ins Ohr. Der antwortet mit einem bestürzt-beleidigten Gesichtsausdruck oder mit einem gnädigen Nicken.

Nun wandern die Felle auf eine Rikscha. Nach einer halben Stunde verrät beißender, chemischer Gestank, dass wir in Hazaribagh angekommen sind; hier haben mindestens 200 Ledergerbereien ihren Sitz. Im Jahr 2013 hat das Schweizer Grüne Kreuz den Bezirk zum fünftverseuchtesten Ort unserer Erde gewählt. Schon damals sollen hier mehr als 160 000 Menschen erkrankt sein - bunte Ströme der giftigen Gerbereiabwässer in der offenen Kanalisation geben einen Hinweis auf das Warum. Zwar hatte der Oberste Gerichtshof in Dhaka die Regierung schon 2009 angewiesen, die Gerbereien umzusiedeln, aber passiert ist nichts. Im Gegenteil: Seitdem hat die Lederindustrie jährliche Umsatzsteigerungen bis zu 30 Prozent.

In der Gerberei werden die Felle zuerst gesalzen und gelagert. Später wandern sie mit ein paar Chemikalien zur Enthaarung in die Gerbtrommel. Anschließend wird die Fettschicht entfernt, danach geht es zusammen mit einer Lauge, die das umstrittene Chrom III enthält, zurück in die Trommel, wo die nativen Eiweiße der Haut zu Leder umgewandelt werden. Schutzkleidung wie Gummihandschuhe oder eine Schürze werden nur hastig übergezogen, wenn ein Vorabeiter mich wahrnimmt; ansonsten stehen die Arbeiter barfuß und einzig mit einem Lungi, einem baumwollenen Umhang, bekleidet, in der giftigen Lauge.

Deutsche Firmen kaufen zwar kaum noch Leder in Hazaribagh, die größten Einkäufer sind mittlerweile die Chinesen, da man anfängt daheim an die Umwelt zu denken, aber die in China hergestellten Lederschuhe werden dann bevorzugt von deutschen Händlern gekauft. Doch verraten die Namen der führenden deutschen Chemiehersteller auf den Säcken in der Gerberei, dass man vor Ort weiter mitmischt.

Wer darauf hofft, dass Modis Kuhrettungspolitik zu einem Produktionsstopp in den Gerbereien führen könnte, wird bei einem Blick in das Lager schwer enttäuscht: Meter hoch lagern dort eingesalzene Felle.

Vor der Gerberei sitze ich an einem Teestand, unter dem die giftigen Abwässer entlang fließen, und spreche mit einem älteren Arbeiter. Ob er das mit den indischen Kühen so fair finde, will ich von ihm wissen: »Schließlich sind die Inder euch 1971 gegen die pakistanische Armee zur Hilfe gekommen. Ohne Indien hätte es kein Bangladesch gegeben.« Im ausgemergelten Gesicht des Alten zuckt es kurz, dann antwortet er müde: »Mein Vater hat in Indien gehungert. Ich in Ost-Pakistan und in Bangladesch. In meinem Alter ist man kein Patriot mehr - da ist man froh, dass die Kinder und Enkel nicht mehr hungern müssen.«

Mit dem Sonnenuntergang stehe ich auf dem Dach der Gerberei. Der ölfarbene Buriganga-Fluss, in den täglich 20 000 Kubikliter ungefilterte Abwässer der Gerbereien geleitet werden, ist nur zu riechen. Überall am Horizont qualmt es schwarze Rauchwolken, dazwischen Hochspannungsmasten, Slums und die Skelette von Neubauten. Der diesige Himmel wechselt langsam in ein bizarres Lila - in einem schwachen Moment würde man jetzt die Apokalypse erwarten - ich drehe mich um: Da liegt es zum Trocknen an Nägeln aufgespannt, das Heilige Leder.

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