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Abschied von einem ganz Großen

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 3 Min.

Bis heute kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, warum sich so viele nur ungern an die Europameisterschaft 2000 erinnern. Schon klar: Der DFB spielte damals den schlimmsten Fußball seiner an schlimmem Fußball so reichen Geschichte. Aber mein Opa hatte mir damals zum 15. Geburtstag meinen ersten eigenen Farbfernsehapparat geschenkt: 15 Zoll, 38 Zentimeter Glotzdiagonale und eine astreine Bildröhre. Der Zauber dieses Flimmerkastenanfangs machte mich rumpelfußballresistent.

Mittlerweile begleitet mich mein televisionärer Freund bereits im neunten großen Turnier nacheinander. Und obwohl sicher scheint, dass es diesmal mit dem deutschen Team weiter geht als bis zum Ende der Gruppenphase, bin ich bei der EM 2016 trauriger als 16 Jahre zuvor. Mein tapferer kleiner Gefährte muss es bemerkt haben. Trotzig ließ er am frühen Samstagabend die tapferen kleinen Isländer gegen Ungarn über seinen Bildschirm leuchten, die zur Halbzeit 1:0 in Führung lagen.

Da klingelte es an der Tür - und ein riesiges, einen Flachbildfernseher des neuesten Formats beherbergendes Paket wurde vorfristig ins Wohnzimmer geschoben. Wogegen ich mich jahrelang gewehrt hatte, sollte sich nun also doch vollziehen: Ich musste Abschied nehmen - wie man im Fußball so sagt - von diesem Kleinen, der in Wahrheit ein ganz Großer ist. Sorry, aber ich bin doch auch nur ein Opfer des bösen Konsumkapitalismus!

Um nicht ob meiner eigenen Niedertracht in Tränen auszubrechen, schaltete ich die alte Kiste ab, packte den Neuzugang aus und versuchte, ihn an der Wand zu befestigen. Was mich aufgrund der Abwesenheit meiner handwerklich begabten Freundin vor ein echtes Problem stellte. Da ich mich schon als Grundschüler mehr fürs Schreiben als fürs Schrauben interessierte, sah sich meine Verwandtschaft nie veranlasst, mich in ihre ausgeprägten technischen Kenntnisse einzuweihen.

Wie oft habe ich eine halbe Ewigkeit ein schief aufgebautes Ikea-Regal stehen lassen, weil ich noch nicht einmal mit einem popeligen Imbusschlüssel (heißt das überhaupt so?) umgehen kann? Wie oft habe ich mir beim Versuch, eine Konserve aufzumachen, bildhaft vorgestellt, wie ich verhungert mit einem Dosenöffner in der einen und mit verschlossener Büchse in der anderen Hand aufgefunden würde? Plastiniert wäre ich dann reif fürs Naturkundemuseum, ausgestellt für nach-menschliche Wesen, die sich über die Entfremdung des Homo sapiens von seinen natürlichen Anlagen kaputtlachen könnten.

Dann kam mir eine zündende Idee, die das Problem aushebelte wie ein Pass von Toni Kroos die gegnerische Abwehr. Aus dem Flur schleppte ich die vier leeren Bierkisten herein, die von meiner kleinen Geburtstagsfeier übrig waren, baute zwei Stapel mit je zwei Behältern, stellte sie einander gegenüber und legte ein schon ewig nutzlos in der Ecke stehendes Holzbrett obenauf. Da thronte er nun, dieser neue Superfernseher. Das 21. Jahrhundert konnte jetzt auch für mich beginnen!

Als ich mein neues Heimkino einschaltete, bugsierte Birkir Saevarsson den Ball gerade ins eigene Tor. Meine tapferen kleinen Isländer mussten kurz vor Schluss noch den Ausgleich hinnehmen. Wahrscheinlich hat mich der unbarmherzige Fußballfernsehgott bestraft, weil ich nicht wenigstens dieses eine Spiel noch auf meiner tapferen kleinen Minimattscheibe zu Ende geschaut habe. Geschieht mir recht. Aber die Isländer da reinzuziehen, das ist wirklich nicht nett. Damit keine sympathischen Teams mehr ausscheiden, werde ich mir den Rest der EM auf dem nunmehr im Schlafzimmer platzierten tapferen kleinen Röhrengerät ansehen - nur die England-Spiele natürlich nicht.

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