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Ohne Nachspielzeit

Beim Bau zum neuen Plenarbereich in Hannover ist Halbzeit - Zeit- und Kostenplan stimmen noch

  • Von Hagen Jung, Hannover
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Neubau des Plenarbereichs im Niedersächsischen Landtag wird voraussichtlich, wie geplant, 2017 fertig sein. Auch die veranschlagten Kosten von 53 Millionen Euro sollen nicht überschritten werden.

Funken sprühen vom Vierkantrohr, das ein Stahlwerker mit seinem Trennschleifer zerteilt. Ganz in der Nähe des künftigen Plenarsaals im Niedersachsenparlament. In ihm wird das Rohrstück seinen Platz finden. Dort, wo es jetzt nach heißem Metall, nach frischem Beton, nach Baustellenstaub riecht. Besser als an manchen Tagen im früheren Sitzungsdomizil, wenn mal wieder üble Dünste aus dem maroden Abwassersystem zum Plenum drangen.

Von dieser Stinkerei und auch von der stickigen Luft, die bei langen Debatten zusätzlich für Ermüden sorgten, bleiben Politiker und Besucher künftig verschont. Dafür sorgen drei Kilometer neue Sanitärleitungen, über vier Kilometer Lüftungsrohre und Lüftungskanäle, für die insgesamt 9300 Quadratmeter Stahlblech aufgewendet wurden. Zahlen, die Finanzminister Peter-Jürgen Schneider (SPD) bei einem Rundgang über die Baustelle nennt. »Die erste Halbzeit hier ist vorüber«, sagt er, auf das aktuelle Thema Fußball anspielend.

Vor einem Jahr war Grundsteinlegung, im Sommer 2017 soll der Betrieb wieder beginnen im neuen Plenargebäude, das nach außen hin das alte bleibt. Es war 1962 im Stil jener Zeit entstanden, Kritiker nannten es einen »kubistischen Klotz«. Direkt an das Leineschloss wurde er gesetzt, dem Sitz des Landtages in Hannover.

Schon vor dem Jahr 2000 war die Modernisierung des Plenarhauses im Gespräch, die Arbeitsbedingungen im Sitzungsaal waren kaum noch zumutbar, nicht zuletzt wegen fehlenden Tageslichts. Veraltete Technik, der Ruf nach Energie sparenden Maßnahmen und auch nach behindertengerechten Zugängen ließen über Abriss und Neubau debattieren. Denkmalschützer, Bürger und auch ein Teil der Politiker plädierten jedoch für den Erhalt des Vertrauten, und so entschied sich die Mehrheit im Parlamentsgebäude für dessen Entkernung und eine völlige Neugestaltung des Inneren.

Dessen Rohbau ist nun abgeschlossen, freut sich der Finanzminister, zeigt auf die vielen Glasflächen, die nun von allen Seiten Tageslicht in den Sitzungssaal lassen. Dort und anderswo auf der Gesamtbaufläche von rund 11 000 Quadratmetern sind nahezu 100 Mitarbeiter von 40 Unternehmen am Werk. Über die Hälfte der Aufträge sind an niedersächsische Firmen vergeben worden, berichtet Schneider.

Er erinnert bei Zwischenstopps in künftigen Funktionsräumen auch an »Unwägbarkeiten«. Unerwartete Schäden an Betonwänden waren entdeckt worden und mussten saniert werden, und eine der beteiligten Firmen hatte Insolvenz angemeldet. »Unvorhersehbare Risiken« seien auch in der zweiten Halbzeit nicht ausgeschlossen, warnt der Minister, führt die Besucher zum Tribünenbereich. Genau 261 Bürgerinnen und Bürger finden dort Platz, ebenfalls 30 Journalisten. Für die Landespressekonferenz entsteht zudem ein großzügiger Arbeitsraum.

Zählt zu den neuen Arbeitsräumen auch einer für streng vertrauliche Beratungen? Ein abhörsicherer, so wie er jetzt im Ausweichquartier des Landtages für jenen Ausschuss geschaffen werden muss, der sich mit Sicherheitsfragen zum radikalen Islamismus befasst? Fast 300 000 Euro verschlingt dieser Ausbau. Nein, so etwas gibt es nicht im neuen Haus, antwortet Landtagspräsident Bernd Busemann (CDU). Der spezielle Raum im Interimsdomizil bleibe für künftige Geheimberatungen bestehen.

Wie der Finanzminister, ist auch der Präsident mit dem Bauverlauf am und im Plenarhaus zufrieden und darüber, dass das Projekt bislang im finanziellen Rahmen geblieben ist. Der wäre vermutlich weit überschritten worden, wenn man noch eine nahe Tiefgarage gebaut hätte, wozu es schon 2009 Überlegungen gab. »Das hätte uns bis zu acht Millionen Euro mehr kosten können«, weiß Busemann und: Beim Buddeln in der historischen Altstadt, wären vermutlich Funde gemacht worden, die die Archäologen auf den Plan gerufen hätten, Folge: Vorübergehender Baustopp und Verzögerung des Gesamtvorhabens.

Interessante Funde im Leineschloss, dessen historische Substanz beim Bau des neuen Plenarbereichs berührt wird, hat es bisher nicht gegeben. Hobbyheimatkundler hatten spekuliert, vielleicht würden ja die Gebeine des Grafen Königsmarck entdeckt, der 1694 im Schloss verschwand. Weil er ein intimes Verhältnis zur Gattin des Kurprinzen Georg Ludwig unterhielt, soll er auf dessen Geheiß umgebracht worden sein. Über seinen Verbleib gibt es zwei Versionen: Sein Leichnam sei in den nahen Fluss Leine geworfen worden, sagt die eine, die andere: Man habe ihn im Schloss eingemauert.

Nein, Gruseliges gab es bislang nicht auf der Baustelle, und auch das Gespenst der Bauverzögerung und Kostenexplosion, das so manches öffentliche Großprojekt umschwebt, hat sich nicht gezeigt. Vieles spreche dafür, dass das Projekt pünktlich fertig wird und dass es nicht mehr als die veranschlagten 52,8 Millionen Euro erfordert, bekräftigt Präsident Busemann und fügt hinzu: »Wenn alle vernünftig planen, kann ein Kostenrahmen eingehalten werden.« Diese Worte dürften durchaus »als Signal« verstanden werden. Wohin, sagt Busemann nicht, die Rundgangsteilnehmer wissen es eh, und murmeln BER.

Sie müssen gut hinhören, denn auch der Präsident, der sich mit seiner Stimme bei Sitzungen stets erfolgreich gegen unruhige Parlamentarier durchsetzt, wird zurzeit noch übertönt in »seinem« Haus: von Bohrern, Sägen und auch von dem Mann, der mit dem Trennschleifer die Funken fliegen lässt. Die zweite Halbzeit hat begonnen.

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