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Stille unerwünscht

Das Filmfest in München beschäftigt sich diesmal auch mit dem Filmton

In einer Zeit, als Hollywood nur ein Viertel von L.A. war und der Zweite Weltkrieg fern, da revolutionierte Alan Crosland die Welt der Filme. Nachdem seine ersten 40 Filme allenfalls live vor der Leinwand beschallt worden waren, synchronisierte der Regisseur den Sound von »The Jazz Singer« 1927 passgenau mit den Bildern. Es war die Geburt des Tonfilms. Aus Kintopp wurde Kino, aus Kino ein Geschäft und daraus eine Industrie, die uns seither anbrüllt, als sei der Film kein visuelles Medium.

Aus Sicht von Frieder Butzmann und Jean Martin ist es das auch nicht. Jede Doku, jeder Blockbuster, jedes TV-Spiel, schreiben sie in ihrem Buch »Filmgeräusche«, sei »ein kleines Paralleluniversum« sensorischer Eindrücke abseits vom Schauwert. Den Zuschauer nennen sie daher »Sehhörer«. Und dem widmet das Filmfest München heute zum achten Mal die FilmTonArt. Bis in die Nacht debattieren Komponisten, Regisseure und Sounddesigner, Forscher, Feuilletonisten und Schauspieler den Klang der Dinge in Film und Fernsehen.

Sehhören wir uns also mal durch die Historie visueller Erzählung und siehe da: Schon zu Croslands Zeiten galt der Ton als beiläufige Begleitung des Gezeigten. Der beste, so Gerd Baumann von der Musikhochschule München, sei jener, »den man gar nicht hört«; an den man sich aus Sicht der Medienforscherin Claudia Gorbman also »nicht erinnert«. Dennoch ist Ton viel mehr als bloß Untermalung. »Er ist der halbe Film«, sagt »Star Wars«-Regisseur George Lucas.

Seitdem Lucas 1977 mit dem röchelnden Atmen Darth Vaders den Ton vom Neben- zum Hauptdarsteller beförderte, ist Ton große Oper. Ton ist ein sinisteres Zischen, wenn im Parkhaus ein Schatten vorbeihuscht. Ton ist oft tonaler als jede Wirklichkeit, weshalb er oft um seiner selbst willen dröhnt. Im akustischen Sperrfeuer von Thriller bis Melodram geht’s kaum noch darum, Stimmungen zu verstärken, gar Realität abzubilden; die Soundflut soll vielmehr das Denken dimmen.

Je massentauglicher der Mainstream brüllt, desto seltener sind Momente der Stille, um übers Gezeigte nachzudenken. RTL lenkt »Die Hindenburg« in den Absturz? Ein Klangteppich zeugt ab der ersten Filmsekunde von nichts anderem! Vaders Todesstern platzt? Da knallt es selbst im schalllosen All! In dieser Kakophonie ist Inhalt chancenlos. Seit Guido Knopp das Infotainment erfand, ähneln sogar Sachfilme Wagneropern. Und da ist noch nicht mal vom Showfernsehen die Rede. Das Spektakel duldet keine Pausen.

Dabei geht es auch anders. Wenn die Figuren der letzten Lückenlasser des deutschen Films von Christian Petzold bis Dominik Graf durch ihre Existenzen irren, bleibt fürs Ohr oft nur lautes Atmen. Skandinavische Serien, zuletzt Pernilla Augusts »Die Erbschaft«, kommen oft minutenlang ohne Geräusch aus, ohne dass darunter die Spannung leidet. Und wer Kubricks »2001« noch im Sinn hat, hört meistens - nichts. Spürt aber umso mehr, wie laut Leise lärmen kann.

In München versucht die Branche nun, dem Phänomen zwischen Redundanz und Langeweile auf den Grund zu gehen. Abgesehen vom Spielfilm, geht es dabei aber auch ums neue Kino: Serien. Gerade, wenn ganze Staffeln am Stück laufen, schreibt der gastgebende BR, dürfe »die Klangwelt nicht zu aufdringlich sein und sich doch immer neu gestalten«. Weder zu laut noch zu leise, zu viel noch zu wenig - der Kampf ums Augenohr der Sehhörer beginnt gerade neu.

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