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Krise, welche Krise?

Rund um den Madrider Stadtteil Lavapiés entstand die Bewegung, die Spanien verändert

  • Von Robert B. Fishman, Madrid
  • Lesedauer: 7 Min.

In Madrid, Spaniens Hauptstadt, verschmelzen die Kulturen des Landes. Die meisten Bewohner sind erst ab den 1950er Jahren zugewandert. Die Industrie suchte Arbeitskräfte. Ihre Eltern und Großeltern stammen aus Galicien, Andalusien, Asturien oder anderen spanischen Regionen. Obwohl weit weg vom Meer floriert am Rande Madrids der zweitgrößte Fischmarkt der Welt.

Wie unter einem Mikroskop zeigt sich der permanente Wandel der Metropole in dem einen halben Quadratkilometer kleinen Stadtteil Lavapiés am Südrand der Innenstadt. In die einst billigen Altbauwohnungen ziehen Künstler, Designer, Musiker und andere, die hier ihr schwierig gewordenes Leben selbst in die Hand genommen haben.

Auf dem eingezäunten Grundstück neben der etwas heruntergekommenen Markthalle La Cebada gedeihen in Holzkisten Kräuter, Spinat, Tomaten und anderes Gemüse. »Wir machen auf, wenn wir da sind«, steht in Sprühbuchstaben auf dem Rolltor zum Campo de la Cebada. Auf selbst gebauten Holzbänken sitzen junge Leute. Sie lesen, unterhalten sich und genießen die warmen Sonnenstrahlen. Auf dem betonierten Platz in der Mitte spielen einige Basketball. In einer Ecke des 2500 Quadratmeter großen Areals kniet ein Mann mit einem Maßband auf einer am Boden ausgebreiteten Plastikfolie.

»Die Folie hat uns das Theater da drüben geschenkt«, erzählt der Musiker Pedro und zeigt auf das Teatro La Latina. »Wir bauen uns daraus eine Kuppel für ein Veranstaltungszelt.« Pedro schreibt neben Liedern auch Gedichte. Zusammen mit Monica leitet er das Campo de la Cebada. Rund 15 Freiwillige organisieren den Gemüsegarten, Feste, Konzerte, Lesungen, Theateraufführungen und das Freiluftkino. Als Leinwand dient ein weiß gestrichenes Rechteck auf der Brandmauer am oberen Ende des Geländes. Wer etwas veranstalten möchte, bringt die Vorschläge montags auf der Vollversammlung ein.

Die seit fast zehn Jahren wütende Wirtschaftskrise hat Spanien verändert. Vor allem in den großen Städten helfen sich Menschen in Not gegenseitig, legen auf Brachflächen Gemüsegärten für die Selbstversorgung an. Was sie nicht mehr bezahlen können, stellen sie selbst her: Musik, Kunst, Lebensmittel. Das Campo de la Cebada stand lange leer: Pedro wundert sich heute noch, dass er im Rathaus auf offene Ohren stieß, als er fragte, ob er und Nachbarn das Theater nutzen können.

Er ist in Santander an der Nordküste aufgewachsen. Über die Sehnsucht nach dem Meer hat er ein Lied geschrieben. »Si arribas a mi puerto« (»Wenn Du an meine Tür kommst«), textete er in seiner ersten Wohnung in der Madrider Altstadt. Auf den Bänken am Nelson-Mandela-Platz oder an der U-Bahn-Station Lavapiés sitzen Afrikaner Tage ab. Jobs gibt es für sie nicht. Andere eröffnen ein Café, einen Imbiss, einen Laden oder betteln.

In Lavapiés gedeihen zahlreiche Welten, manche nebeneinander, viele miteinander: chinesische, pakistanische, westafrikanische und türkische Imbissbuden, alternative Cafés, uralte Kneipen, Bars, wohnstubenkleine Lebensmittelgeschäfte, wie sie aus anderen Städten längst verschwunden sind.

»Peluqueria«, Friseursalon, steht in einem geschwungenen Schriftzug über der Tür eines mehr als 100 Jahre alten Hauses an der Calle Embajadores. »Wir sind kein Friseur, sondern ein soziales Café«, hat jemand auf die Tafel am Eingang geschrieben. Drinnen arbeiten zwei junge Frauen die Bestellungen ab. Eine der beiden erklärt das Konzept: Ein selbstverwalteter Betrieb ohne Chef, von einer Handvoll Enthusiasten gegründet, verkauft Bio-Obst, Gemüse und Selbstgebackenes aus frischen Zutaten und Produkten aus fairem Handel.

Wer keinen Job findet, schafft sich einen oder versucht es zumindest: Architekten, die sich mit Stadtführungen selbstständig machen, ein ehemaliger Vodafone-Manager, der eine Kochschule eröffnet oder Kulturbegeisterte, die das Teatro del Barrio, das Theater des Viertels, gegründet haben. In einer dunklen Gasse raucht Fernando mit ein paar Partygästen eine Zigarette vor der Tür. Nein, erklären könne er das Konzept des Theaters heute nicht mehr, »zu betrunken« sei er, aber »komm doch rein und feiere mit«. Drinnen tanzt ein Dutzend Leute, andere schauen zu und unterhalten sich. Das Teatro trägt Kultur in die Nachbarschaft: Eigenproduktionen, Theaterworkshops, Gastspiele und eine eigene Universität. Montags und dienstags holt das Teatro del Barrio Wissenschaftler zu kostenlosen Vorträgen und Diskussionsabenden in seine Räume. Es geht um Politik, Wirtschaft, Naturwissenschaften - oft um Themen, »über die man sonst nicht so gerne spricht«: die Aufarbeitung der Franco-Diktatur oder das Königshaus.

Hier ist die Bewegung entstanden, die Spanien verändert hat: 2011 lud ein Vorläufer von Podemos zu einer Versammlung ins Teatro del Barrio. Gegründet wurde die spätere Partei im Laden gegenüber. Von den Indignados, den Empörten und der Protestbewegung 15M, die monatelang den zentralen Platz Puerta del Sol im Stadtzentrum besetzt hielt, ist in Madrid kaum noch etwas zu sehen. In der Bewegung noch aktiv sind Fanni und ihre Freundin Yolanda. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein: schnell, klein, drahtig, hellwach und quirlig die eine. Groß, kräftig und ein wenig behäbig die andere. Fanni, die intellektuelle Informatikerin, analysiert die spanischen Zustände, sieht 2011 Tausende an der Puerta del Sol, die die gleichen Fragen stellen wie sie, sich über Korruption und Ungerechtigkeit im Lande empören: junge Leute, gut ausgebildet, ohne Chance auf einen Job. Polizisten tragen Familien mit kleinen Kindern aus ihren Wohnungen, weil sie, arbeitslos geworden, den Kredit nicht mehr bedienen können. Bittere Armut neben protzigem Reichtum, hungernde Bettler vor den Filialen internationaler Luxusmarken an der Preciados, einer der teuersten Einkaufsmeilen Europas.

Fanni war fasziniert von der Aufbruchstimmung an der »Sol«. Der diffuse Protest wurde zur Bürgerbewegung. Daraus entstand die Partei Podemos (»Wir können«), die seit Herbst 2015 mit in der Stadtregierung sitzt. Fanni geht neben ihrem Fulltime-Job zu Versammlungen und arbeitet in Bürgerinitiativen mit. »Privatleben habe ich keines mehr«, sagt die 36-Jährige. Sie klingt müde. Doch aufgeben kommt für sie ebenso wenig in Frage wie für Yolanda, die wegen einer Behinderung Rente bekommt. Abgekämpft wirkt auch sie, aber voller »ilusión« - ein Wort, das sich mit Illusionen, Träumerei übersetzen lässt - oder mit Hoffnung und (Vor)-Freude auf die Veränderungen, die Podemos in Spanien noch bewirken kann.

Yolanda engagiert sich in der Nachbarschaft, hilft Leuten in Not. Oft denkt sie an die Frau, die mit ihrem Baby weinend vor ihr stand: Das Kind schrie und die Mutter hatte kein Geld für etwas zu Essen. »Leute haben sich umgebracht, weil die Krankenkasse lebensnotwendige Medikamente nicht mehr bezahlt«, erzählt sie, selbst den Tränen nahe. Kraft schöpft sie aus den Veränderungen, die die Protestbewegung schon bewirkt hat: »Menschen wie Du und ich finden Gehör und regieren mit.«

Was Podemos landesweit erreichen will, setzen einige in Lavapiés und anderen Madrider Vierteln schon um. Der Künstler Mario Chaamaño feiert mit ein paar Freunden Geburtstag. Seine Werke wirken wie übergroße Alltagsfotos aus befremdlichen Perspektiven: Putzeimer auf schachbrettgemusteren Fußböden oder farbige Flächen. Realen Raum und Bilder kann ich kaum voneinander unterscheiden. »Ich male realistisch«, erklärt der junge Chilene. Sein Nachbar restauriert alte Kunstwerke. Gegenüber hat ein Bildhauer eine Galerie eröffnet. »Wir arbeiten zusammen«, erzählt der 33-Jährige. Jeden Mai öffnen die vielen Künstler unter dem Motto »Los Artistas del Barrio« ihre Ateliers. Dann ziehen Scharen von Besuchern durch den Stadtteil. Zum Leben reicht Marios Kunst noch nicht. In der nahen Tabacalera gibt er Malkurse.

Die Stadt hat die mehrere Häuserblocks große, stillgelegte Zigarettenfabrik vor ein paar Jahren zum Kulturzentrum umgebaut. In der oberen Hälfte betreibt sie Ausstellungsräume. Einige der weitläufigen Hallen und Innenhöfe verwalten junge Leute selbst. »Was sich nicht teilen lässt, ist keine Kultur«, bringen die Macher ihr Anliegen auf den Punkt. In eines der ehemaligen Fabrikgebäude ist eine Fahrradwerkstatt eingezogen. Andere bieten Werkstätten für Malerei, Bildhauerei oder Fotografie an.

Pedro, der Musiker vom Campo de la Cebada, erlebt die Vielfalt in Lavapiés »als Mehrwert, nicht als Barriere«. »Da arbeitet eine Afrikanerin mit einem Australier zusammen, Spanier mit Argentiniern, die gemeinsam eine Jam-Session spielen.« All das passiere von selbst. »Da brauchst Du keine Zuschüsse von der Stadt.«

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