Proletarier und Prolet-Arier

Hat die gesellschaftliche Linke in Deutschland den Bezug zur »Unterschicht« verloren?

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der Berliner Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel sorgt mit einer steilen These für Aufsehen: Junge Linke, meint er, interessieren sich nicht mehr für Verteilungsfragen, sondern nur noch für Identitätspolitik.

Spätestens seit der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, als sich der Fußball durch die Meinungseliten erstmals zum Abfeiern eines »ungezwungenen Patriotismus« vereinnahmt sah, treten auch die Linken alle zwei Jahre zu jedem großen Turnier mit geladenen Shitstorm-Kanonen an.

Dabei fahren sie gerne besonders schwere Geistesgeschütze auf: Adorno! Es gibt ein Youtube-Video (»Adorno über Gruppenverhalten«), das unter Linken in Kneipengesprächen und sozialen Netzwerken zum Gassenhauer wurde. Darin verachtet der Theoretiker die Masse dafür, dass sie sich am Fußballspektakel erfreut. Um sich vom »ungebildeten Pöbel« abzugrenzen, holen Linke also den Lehnstuhlphilosophen mit Glatze und klobiger Brille aus der Mottenkiste, der über etwas redet, wovon er offenbar keine Ahnung hat. Dazu passt inmitten der schwelenden Flüchtlingsdebatte das vor allem von links kultivierte Bild vom »Nazi-Ork aus Hellersdorf«: 2013 avancierte ein gegen ein Flüchtlingsheim demonstrierender, teigig aussehender, am Hals tätowierter Mann zum Symbol des Rassismus, so als handele es sich dabei um ein Problem des dummdeutschen Mobs und nicht um ein durch die herrschende Politik erzeugtes Paradigma. Der einst hofierte Proletarier hat sich für Nachwuchs-Linke zum dämonisierten Prolet-Arier verwandelt.

Da passt es gut, dass der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel in einer Studie jetzt zu dem Ergebnis kommt: »Junge Linke haben den Bezug zur Unterschicht verloren.« In einem Interview mit »Zeit Campus« sieht der Professor von der Humboldt-Universität Berlin gerade bei linken Studenten ein Desinteresse an verteilungspolitischen Fragen. Er beobachtet eine Hinwendung zu »identitätspolitischen Themen« wie der Gleichstellung von Minderheiten.

Merkels Befund bezieht sich freilich auf Linke, die der Mittelschicht entstammen. Wer sich im Kosmos linker Aktivisten bewegt, wird aber erkennen, dass genau sie es sind, die in fast allen der so vielen Strömungen der Bewegungslinken den Ton angeben. In linken Milieus herrscht ein akademisierendes Verhalten vor, das auf einem vom Elternhaus vermittelten Selbstbewusstsein fußt. Im Gegensatz zu Arbeiterkindern, die wegen fehlender Distinguiertheit von vielen Linken verachtet werden, fanden die Bürgerkinder einst zu Hause keine Horrorfilmsammlung vor, sondern große Literatur von Schiller bis Joyce oder sogar aufrüttelnde Werke von Marx bis Lenin. Ihnen wurde Bildung als »Wert an sich« angepriesen, während das Bildungssystem die Altenpflegerinnentöchter und Dachdeckersöhne von den höheren Schulen fernhielt.

Junge Linke sind oft Kinder jener Generation, denen die westdeutsche Bildungsexpansion einmalige Aufstiegschancen bot. Ihr Linkssein fußt auf einer Mischung aus anerzogenem schlechtem Gewissen und der Rebellion gegen die nicht radikal genug eingestellten Eltern. Weil sie in Verhältnissen aufgewachsen sind, in denen sie keinen Kontakt zu Dialekt sprechenden, von einer Karriere als Rapper träumenden Hauptschülern hatten, wirkt sich die Lebenswelt der sogenannten Unterschicht kaum auf linkes Engagement aus.

Statt konkreter sozial- und lohnpolitischer Konflikte, sagt auch Merkel, beziehen sich Linke heute überwiegend auf abstrakte globale »Subalterne«. Ob es nun bei Grünen um die Fixierung auf Bioprodukte, bei Postmodernen um gegenderte Sprache oder bei Marxisten um die Verherrlichung der angeblich von Natur aus linken Arbeiterschaft geht: Im Schatten der identitätspolitischen Sensibilität der deutschen Linken ist nicht nur weit entfernt, sondern auch im eigenen Lande eine neue Klassengesellschaft entstanden. Und diese Klassengesellschaft, kritisiert Merkel treffend, »ist nicht Thema des jungen intellektuellen Diskurses«.

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