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Keine Spur von Untergangsstimmung

Szenische Spielzeitvorstellung im Grips-Theater

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 3 Min.

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»In der neuen Spielzeit wird es sechs Uraufführungen geben, und noch kein einziges der Stücke ist fertig!« Wer diesen Satz nur liest, könnte meinen, da hätte ein den Sparhammer schwingender und mit »Zeit ist Geld«-Button am Revers durch die Lande ziehender Kulturmanager gegenüber seinem ambitionierten Intendanten einen cholerischen Anfall verbalisiert. Weit gefehlt: Volker Ludwig, Gründer und noch immer Geschäftsführer des Grips-Theaters, stellte lächelnd mit diesen Worten kurz und knapp den neuen künstlerischen Leiter des Hauses vor - und zollte ihm vorab Anerkennung für seinen Mut: »Ich hätte mir das zu meiner Zeit nicht zugetraut.«

Philipp Harpain, der zuvor zwölf Jahre lang sehr erfolgreich die Theaterpädagogik des »Grips« leitete, rückt in der kommenden Saison 2016/17 auf den kreativen Chefposten von Berlins bekanntestem Kinder- und Jugendtheater. Neben Altmeister Ludwig auf der grünen U-Bahnbank-Requisite des Musicals »Linie 1« sitzend, fokussierten die Scheinwerfer bei der szenischen Spielzeitpräsentation am Donnerstag am Hansaplatz vor allem Harpain. Und der hielt sich nicht lange mit kleinen Brötchen auf. Er verstehe das seit 1969 bestehende Haus als »politisch intervenierendes Theater«. An diesem Anspruch wolle er festhalten, ihn sogar ausbauen und stärker mit Schulen kooperieren.

Gleich die erste Produktion mit dem Titel »Aus die Maus« holt »die Welt da draußen« auf die Bühne. Unter Regie von Nadja Sieger, die als Teil des Comedy-Duos »Ursus & Nadeschkin« bekannt wurde, beleuchtet das Stück das Thema Obdachlosigkeit - nicht mit Betroffenheitslyrik, sondern humorvoll. Das deutete Regine Seidler an, als sie in Lumpen gehüllt und mit Plastetüte in der Hand auf der Bühne lallend zur Publikumsbeschimpfung ansetzte.

Lässt sich hier noch entgegenhalten, Harpain wolle mit einem konsensfähigen Thema in die neue Saison starten, birgt schon die zweite Premiere reichlich Debattenpotenzial: »Inside IS« - eine Vertheaterung des umstrittenen Sachbuches von Jürgen Todenhöfer, der in ein Terroristencamp zog - soll Jugendliche gegen die falschen Versprechen dieser Menschenfeinde immunisieren. Regisseur Yüksel Yolcu las Auszüge des Textes vor. Er will nach eigener Aussage innerlich zerrissene Figuren zeigen, die ihr Handeln mit wahnhaft religiösen Vorstellungen rechtfertigen.

Zu diesem Wahn zählt auch die in traditionell muslimischen Familien verbreitete Homophobie. Im März 2017 kommt »Nasser«, das auf der Geschichte des heute 19-jährigen Berliners Nasser El-Ahmad beruht. Vor vier Jahren outete er sich - und wurde von seiner eigenen Familie misshandelt und fast getötet. Inzwischen ist El-Ahmad ein bekannter Aktivist. Er ist in die Stückentwicklung eingebunden und lauschte am Donnerstag sichtlich gerührt der szenischen Einführung von Schauspieler Jens Mondalski.

Als langjähriger Mitarbeiter kennt Philipp Harpain das Grips-Publikum genau und verzichtet darum nicht auf Bewährtes. Mit »Laura war hier« und »Klickdreck« stehen klassische Themen wie Familienleben und Mobbing auf dem Programm. In »Auf Weltreise mit den Millibillies« soll der Renner »Die fabelhaften Millibillies« seine Fortsetzung finden - inklusive zahlreicher Hits aus der Feder von Volker Ludwig, der in seinem bewegten Theaterleben rund 800 Kinderlieder geschrieben hat.

Ludwig war es auch, der als Einziger auf die Dauerkrise des »Grips« hinwies: »Eigentlich müssten wir eine Auslastung von 90 Prozent haben, um bestehen zu können. Wir liegen bei 77 Prozent.« Eventuell entstehende Ängste, dass in dem Laden die Lichter ausgehen könnten, sollte der dramaturgisch geschickte Schlusspunkt des Abends flugs wieder vertreiben. Da stellte sich der Förderverein »mehr grips« vor, der alle Mitarbeiter auf die Bühne holte und zum Finale überleitete, bei dem alle gemeinsam einen Volker-Ludwig-Klassiker zum Solidaritätsaufruf umwidmeten: »Einer ist keiner, zwei sind mehr als einer!«

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