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Die Horrorinsel in Nirgendwo

Fast genial: Sascha Machts Debütroman

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Die junge deutsche Gegenwartsliteratur produziert nur bürgerliche Coming-of-Age-Romane. Das ist so ein feuilletonistischer Stehsatz, der durchaus eine Tendenz benennt, aber natürlich nur begrenzt gültig ist. Das zeigt auch der prämierte Debütroman »Der Krieg im Garten des Königs der Toten« des 1986 in Frankfurt (Oder) geborenen Sascha Macht. Der ehemalige Student des Leipziger Literaturinstituts ist einer der Teilnehmer am diesjährigen Wettlesen um den Bachmann-Preis in Klagenfurt (Beitrag auf Seite 17).

Machts eigenwilliger 17-jähriger Held Bruno Hidalgo hat zwar das Paradealter des deutschen Coming-of-Age-Protagonisten, er lebt aber nicht in Niedersachsen oder Brandenburg, sondern auf einer phantastischen Insel im tropischen Nirgendwo. Diese namenlose Insel ist das Produkt eines Atomwaffentests der Vereinigten Staaten in den 1940er Jahren, als das Eiland plötzlich aus dem Ozean auftauchte.

Bruno Hidalgo wächst jottwede in der Pampa auf, in einem Nest namens Kajagoogoo. Seine Zeit verbringt er damit, Horrorfilme anzusehen. Er selbst träumt davon, eines Tages auch einen solchen Streifen zu drehen. Seine Eltern, die das Dorf, in dem er lebt, 1989 zusammen mit anderen Künstlern und Freigeistern gegründet haben, verschwinden plötzlich eines Tages. Bruno bleibt zurück mit seiner Sammlung avantgardistischer Horrorstreifen, bis er sich eines Tages auf den Weg in die Inselhauptstadt macht, wo er an einem Filmfestival teilnehmen will.

»Der Krieg im Garten des Königs der Toten« ist ein eigenwilliges Road-Movie durch eine phantastisch anmutende Insellandschaft voll bizarrer Figuren und traumähnlicher Sequenzen. Damit verknüpft sind die diversen (vom Autor erfundenen) Horrorfilme, die Bruno so sehr liebt und die Sascha Macht pointiert in das Handlungsgeschehen einbaut. Wobei Fiktion und Wirklichkeit sich schließlich immer mehr annähern.

Kurz nach der Ankunft in der Provinzhauptstadt kommt es zur Revolution. Das politische Herrschaftssystem kollabiert, Bruno gerät zwischen die kämpfenden Fronten, während er außerdem diverse Bekanntschaften schließt: Da ist ein junger Mann (»der Preuße«), der einen Koffer voller Diktatorenbiographien mit sich herumschleppt, ein junges Paar aus Irland und Südafrika, das einen Dokumentarfilm dreht, eine junge Adelige, die in einem Schloss in den Bergen lebt, von wo aus die Revolution organisiert wird und schließlich ein geheimnisvoller Mexikaner, der Bruno in die gigantische, an Mexiko-City erinnernde Hauptstadt der Insel mitnimmt. Seinem eigentlichen Traum, am Filmfestival teilzunehmen, kommt Bruno damit immer näher.

»Wer glaubt, nur sich selbst zu haben und sonst nichts, der schöpft nur aus Bekanntem, versagt sich selbst die wundervolle Unendlichkeit der Fiktion«, schrieb Sascha Macht vor einigen Jahren in der »Zeit«, als junge Autoren gebeten wurden anlässlich des Todes von Christa Wolf etwas über ihr literarisches Arbeiten zu schreiben. Er vermutet, dass der jungen Schriftsteller-Generation die Erfahrungen fehlen, die das »sozialrealistische Schreiben« einer Christa Wolf ermöglichten. Stattdessen verzetteln sie sich im nebensächlich Privaten. Sascha Macht rückt dagegen der eigenen Wirklichkeit literarisch mit den Mitteln des Pop zu Leibe. Stellenweise gelingt ihm das auf fast geniale Art in diesem labyrinthischen Romangeschehen voller Horrorgeschichten. Aber die politische Dimension dieses Buches bleibt etwas unklar. Dabei geht es in dem flott geschriebenen Buch die ganze Zeit um Politik, Revolution, historische Erfahrungen und gescheiterte Versuche, emanzipatorische Handlungsmacht zu erlangen. Aber Sascha Macht erzählt nichts von einem politischen Begehren, das dahinter steckt oder damit verknüpft ist. Seine Figur Bruno steht als Individuum etwas verloren zwischen diesen Ereignissen und bleibt letztlich passiv.

Sascha Macht: Der Krieg im Garten des Königs der Toten. Dumont-Verlag, 272 S., geb., 19,99 €.

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