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Wenn Mozart durch die »Anbahnungszone« schwebt

München, Friedenstraße: Stößt Rotlichtmilieu auf Philharmonie, sind Disharmonien abzusehen

  • Von Rudolf Stumberger, München
  • Lesedauer: 4 Min.

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Jahrelang wurde in München kon-trovers über den Bau eines neuen Konzertsaales diskutiert, seit einigen Monaten ist das Projekt beschlossen. Doch die Standortentscheidung wirft neue Fragen auf.

Die Münchner Friedenstraße ist eine der weniger bekannten Ecken der bayerischen Hauptstadt, jedenfalls für Leute, die keine Nachtschwärmer und Clubbesucher sind. Sie verläuft parallel zu den Gleisen des Ostbahnhofes. Früher - das heißt vor ein paar Jahrzehnten - war das Viertel eine Fabrikgegend. Bis zum Jahr 1984 baute hier Zündapp (»Zünder- und Apparatebau-Gesellschaft mbH«) seine Motorräder. Dann kam das Aus und die Maschinen und Konstruktionspläne wurden nach China verschifft.

Neben den Mofas und Mopeds wurde hinter der Friedenstraße auch Nahrhaftes produziert - Knödel. Bis 1996 stand dort das Pfanni-Werk mit seinen Fabrikshallen, von hier aus eroberten die Kartoffelprodukte des Unternehmers Werner Eckart die Bundesrepublik.

Heute ist in den Gebäuden und auf dem ehemaligen Produktionsgelände der wirtschaftliche und soziale Wandel zu besichtigen: Statt Arbeiter in Blaumännern sind heute die Mitarbeiter von Internet-Firmen und Start-Up-Unternehmen zu sehen und der Schweiß, der hier zu Boden tropft, stammt nicht mehr von der Mühsal des Brotverdienens, sondern vom Tanzvergnügen - die »Optimolwerke« sind seit Jahren nächtlicher Anziehungspunkt für Clubgänger.

So entfaltet die Friedenstraße, die tagsüber das normale Gesicht einer relativ wenig befahrenen, etwas abseits gelegenen Nebenstraße zeigt, nächtens ihre eigene, ganz spezielle Atmosphäre. Dazu gehört - neben den Clubbesuchern - auch das Rotlichtmilieu. Denn die Friedenstraße ist eine »Anbahnungszone«. Nach der Münchner Sperrbezirksverordnung ist hier die »Kontaktaufnahme (Anbahnung) mit Kunden« in der »Öffentlichkeit (also z.B. im Freien und an öffentlich einsehbaren Orten und Gebäuden)« in der Zeit von 20 bis 6 Uhr »100 Meter nach der Einmündung in die Rosenheimer Straße bis zur Grafinger Straße« erlaubt. Das heißt, ab 20 Uhr ist in der Friedensstraße ein ähnliches Szenario wie bei den anderen Anbahnungszonen zu beobachten: Eher leicht bekleidete Sexarbeiterinnen bieten ihre Dienstleistungen an.

Das wäre nicht weiter bemerkenswert, würde sich nicht in naher Zukunft an der Friedenstraße ein neuerlicher Modernisierungsschub abspielen, der sich gegebenenfalls mit den Hormonschüben in der Anbahnungszone nicht wirklich verträgt. Denn statt den Beats aus den »Optimolwerken« sollen hier ab 2021 symphonische Klänge aus dem neuen Münchner Konzertsaal dringen, der den renovierungsbedürftigen Konzertsaal am Gasteig ersetzen soll. Die Entscheidung fiel nach langem Hin und Her im bayerischen Kabinett: Der Neubau soll auf dem Gelände der ehemaligen Pfanni-Werke errichtet werden. Die Ministerrunde folgte damit einem Vorschlag von Kultusminister Ludwig Spaenle. »Wir werden bis 2018 im Werksviertel unumkehrbar die Weichen für den neuen Konzertsaal stellen«, so der Minister im vergangenen Jahr.

Der nächste Schritt waren Verhandlungen der bayerischen Staatsregierung mit dem Grundstückseigentümer Werner Eckart. Hier habe man, so hieß es, inzwischen »wichtige Ergebnisse« erzielt, sich etwa auf einen Erbpachtzins von 4,9 Prozent geeinigt. Nun könne im Sommer der Architektenwettbewerb für den neuen Konzertsaal ausgelobt werden.

Ein Pluspunkt des Geländes ist die zeitliche Verfügbarkeit: Ein Baubeginn im Herbst 2019 wird als realistisch betrachtet, dann wäre eine Inbetriebnahme des Saals im Jahr 2021 möglich. Auf rund 8500 Quadratmetern Grundfläche sollen ein Konzertsaal mit rund 1800 Plätzen, ein kleiner Saal mit etwa 300 Plätzen sowie Foyer, Backstage, Gastronomie und weitere Nebenräume entstehen. »In dem neuen Konzertsaal soll das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein seinem Weltruf adäquates Residenz- und Erstbelegungsrecht erhalten«, so die Vision von Minister Spaenle.

So weit so gut - wäre da nicht die »Anbahnungszone«. Würde das zusammenpassen: Damen in Abendgarderobe und Damen im Ledermini? »Darüber haben wir uns bisher noch keine Gedanken gemacht«, sagt dazu Alain Langefeld, der für die Sperrbezirksverordnung zuständige Sachbearbeiter im Münchner Kreisverwaltungsreferat. Aber im Zuge von Baumaßnahmen können bestehende Verordnungen zu Sperrbezirk und »Anbahnungszonen« überprüft werden - und Langefeld geht davon aus, dass das bald geschehen werde. Federführend ist dabei die Lokalbaukommission, die dann einen entsprechenden Prüfungsantrag an das Kreisverwaltungsreferat richtet. Das wiederum befragt dann die Polizei zur Situation vor Ort.

Ein zentrale Aufgabe der Sperrbezirkverordnung sei der Jugendschutz, so Langefeld, also ob Kinder betroffen sind. Und es geht um eine Überprüfung der begleitenden Kriminalität, die bei der Friedenstraße freilich gegen Null gehe. Ob die »Anbahnungszone« Bestand hat, sei eine Abwägung von moralischen und sachlichen Argumenten. »Wir haben die Möglichkeit, die Anbahnungszone aufzuheben, zeitlich zu verkürzen oder auch zu verlegen«, so Sachbearbeiter Langefeld. Letztlich aber liege die Hoheit über Sperrbezirke und Zonen bei der Regierung von Oberbayern.

Die ist in der Tat für die entsprechende Verordnung zuständig, die Stadt München ist nur ausführendes Organ. Auf Nachfrage heißt es, der Regierung von Oberbayern liege noch »keine Anregung zur Änderung der Sperrbezirksverordnung speziell im Hinblick auf eine etwaige Konzerthalle vor«.

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