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Kolumbiens Gipfelstürmer

Das Andenland schickt ambitionierte Radprofis zur Tour de France

Am Samstag beginnt die Tour de France. Mehrere Kolumbianer wollen vorn mitmischen. Sie führen ihr plötzliches Hoch ausgerechnet auf den Antidopingkampf zurück.

Nairo Quintana will für einen kolumbianischen Radsportsommer sorgen. Der Mann aus dem Hochland der Anden ist zunächst einmal der aussichtsreichste Kandidat für eine Ablösung des Briten Chris Froome als Sieger der an diesem Samstag beginnenden Tour de France. Und auf dem bergigen Kurs des Olympischen Straßenrennens rund um Rio de Janeiro hat er den Vorteil, gleich von vier Teamkameraden begleitet zu werden, während etwa Deutschland nur insgesamt vier Fahrer an den Start bringen darf.

Kolumbien ist mittlerweile eine Macht im Straßenradsport. In der vergangenen Saison belegte das Land den dritten Platz in der Nationenwertung hinter Spanien und Italien und steht auch aktuell noch dort, jetzt hinter Spanien und Frankreich. Dabei stehen die wichtigsten Wettkämpfe mit der Tour und den Olympischen Spielen noch an.

Spitzenmann Quintana peilt erst einmal den Sieg bei der Frankreichrundfahrt an. »Es wird Zeit, dass eine Wachablösung bei der Tour stattfindet. Ich bin dafür bereit«, meinte er. Schließlich komme er in einer herausragenden Verfassung nach Frankreich. Er wechselte in dieser Saison lange Trainingsaufenthalte in der Heimat mit Erfolgen bei Rennen in Europa ab. Dem starken Saisonauftakt mit dem Sieg bei der Katalonienrundfahrt im März folgte eine Rennpause, die mit dem Sieg bei der Tour de Romandie Anfang Mai beendet wurde.

Aus dem neuerlichen Höhentraining meldete er sich mit dem Sieg bei der Route du Sud zurück. Dabei beeindruckte er sogar mit einem Sieg beim Einzelzeitfahren, bislang seine einzige Schwäche. Diese Leistung verdient umso größere Beachtung, weil der Kolumbianer am Tag zuvor im Flachen einen Ausreißversuch über 150 Kilometer absolviert hatte. »Ich hatte einfach Lust darauf und es war auch ein gutes Training«, sagte er später.

Dass er auf diese frisch erprobte neue Waffe im taktischen Arsenal bei der Tour zurückgreifen muss, ist allerdings nicht zu erwarten. Denn die 3535 Kilometer lange Rundfahrt führt am vorletzten Tag ausgerechnet über seinen Lieblingsanstieg vor Morzine. »Ich mag den Anstieg. Ich habe hier meinen ersten großen Profisieg geholt«, erinnert sich der Kolumbianer. 2012 war das, bei der Dauphiné-Rundfahrt. Mit leichtem Tritt löste er sich da aus dem von Team Sky für den damaligen Kapitän Bradley Wiggins angeführten Peloton. Schnell holte er einen Vorsprung von 20 Sekunden heraus. Überraschender noch war, dass der damals 22-Jährige diesen auch auf der Abfahrt nach Morzine halten konnte. Weil auch seine großen Landsleute Luis »Lucho« Herrera und Fabio Parra in den 80er Jahren hier eine Tour-Etappe gewannen, ist das Alpenstädtchen ein besonderer Ort für Andenbewohner. Quintana kann dort den größten Triumph seiner Karriere perfekt machen.

Begleitet wird er unter anderem von seinem Landsmann Winner Anaconda. Weitere Kolumbianer bei der Tour sind Sergio Henao, allerdings als Helfer für Sky-Kapitän Chris Froome, und Jarlinson Pantano. Er ist beim Schweizer Rennstall IAM ebenfalls auf eine Unterstützerrolle festgelegt.

Kolumbiens aktuelle Rad-Garde hat an Erfolgen die »Goldene Generation« der 80er Jahre längst in den Schatten gestellt. Waren Herrera, Parra & Co. vor allem für spektakuläre Etappenerfolge in den Bergen gut, so peilen Männer wie Quintana (bislang Sieger beim Giro und zwei Mal Tourzweiter) und die Giro-Zweiten Rigoberto Uran (Cannondale) und Esteban Chaves (Orica) als Kapitäne ihrer Mannschaften Rundfahrtsiege an.

Die aktuelle »Goldene Generation« führt ihre Erfolge gern auf Antidopingerfolge im Radsport zurück. Weniger Epo im Peloton führe dazu, dass die durch den dauerhaften Aufenthalt im Hochgebirge erreichte größere Dichte roter Blutkörperchen bei den Andenbewohnern nun im Gegensatz zu den 90er und Nullerjahren wieder einen Unterschied zu ihren Gunsten ausmache. Inzwischen ist es nicht einmal mehr so, dass lange Trainingsaufenthalte in Kolumbien auch Sicherheit vor Dopingkontrollen bedeuten.

In der Hauptstadt Bogota steht das - nach der Suspendierung Rio de Janeiros - einzige von der Welt-Antidoping-Agentur (WADA) akkreditierte Kontrolllabor in Südamerika. Es führt laut WADA-Teststatistik neben den gängigen Blut- und Urinkontrollen auf Epo auch solche auf Wachstumshormon durch. Hinweis auf eine Intensivierung im Antidopingkampf im Andenland ist weiterhin, dass dort im Juni der bekannte Dopingarzt Alberto Beltran festgenommen wurde. In Kolumbien ist Doping ist zwar kein Straftatbestand, doch die kolumbianische Polizei nahm ihn wegen eines Haftbefehls aus Spanien fest. Erst einmal ein gutes Zeichen für die Tour und Olympia. Hundertprozentig vertrauen sollte man ihm trotzdem nicht.

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