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Erfahrung schlägt Statistik

Brexit, Spanienwahl, Sachsen-Anhalt: Warum politische Meinungsumfragen derzeit so oft so falsch liegen

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Am Sonntagabend noch gegen 21 Uhr jubelte Katja Kipping über das spanische Wahlergebnis: Eine rot-rote Regierung sei möglich, so die Chefin der deutschen Linkspartei. Nachwahlbefragungen hatten die Konservativen bei 28 Prozent gesehen, das Linksbündnis Unidos Podemos bei 25 und die PSOE bei 22. Blätter wie die »Badische Zeitung« aus Freiburg stellten Blitzkommentare zum Sieg der Linken ins Netz. Doch dann drehte sich das Blatt. Die Konservativen kamen am Ende über 31, Podemos nur auf 21 und die Sozialdemokraten auf 23 Prozent.

Nicht anders war es jüngst beim Brexit. Bis weit in die Nacht ging man von einem Sieg des EU-Lagers aus. Eine Nachwahlbefragung von YouGov sah nach Schließung der Lokale einen Sieg der »Bremainer« mit rund 52 gegen 48 Prozent. Doch geschehen ist bekanntlich das Gegenteil.

Wie kommt es zu solchen Fehleinschätzungen sogar nach der jeweiligen Wahl? Eine erste Antwort hinsichtlich des Brexit-Referendums gibt die Erhebungsmethode von YouGov. Das junge, börsenorientierte Unternehmen erreicht seine Probanden im Internet. Wer an Umfragen teilnimmt, kann Punkte sammeln und damit auch kleine Geldbeträge verdienen. Welcher - regionaler, altersmäßiger, schichtenbezogener - Bevölkerungsausschnitt wird sich an solchen Umfragen wahrscheinlicher beteiligen? Welche Rolle spielt das, wenn auch quantitativ geringfügige, finanzielle Interesse?

Die Umfragenmacher nicht nur bei YouGov sind sich derartiger Probleme allerdings bewusst. Und sie versuchen, solche absehbaren statistischen Verzerrungen auszugleichen. Zu diesem Zweck werden von den allermeisten Instituten in der einen oder anderen Weise Erfahrungswerte über Wählerverhalten mithilfe mathematischer Formeln in das erhobene Material hineingerechnet. Diese Verfahren der »politischen Gewichtung« sind in der Regel Betriebsgeheimnis. Sie dienen - wohlgemerkt - nicht einer Manipulation, sondern sollen möglichst genaue Ergebnisse zeitigen. Doch streng genommen ist etwa die journalistische Redeweise, bei einer Umfrage hätten sich »X Prozent der Befragten für die Partei Y ausgesprochen«, in diesem Sinne nie ganz richtig.

Deutlich wurde die Bedeutung dieser »Gewichtung« in Sachen Brexit nicht nur bei YouGov. Da es für eine solche, absehbar knappe Ja-Nein-Frage eben keine ausreichenden Erfahrungswerte gebe, hatte die BBC auf Nachwahlumfragen verzichtet - auf deren Basis absehbar erhebliche Finanzbewegungen stattfinden würden. Dass YouGov dennoch eine Prognose wagte, hatte einerseits mit der Nachfrage zu tun. Zudem hatte das Institut die Hoffnung, seinen Erfolg beim Schottlandreferendum von 2014 wiederholen zu können, als YouGov ziemlich richtig lag.

Lange galt Demoskopie als nahezu exakte Wissenschaft. Lehrbücher gingen von Fehlerquoten zwischen einem bis zweieinhalb Prozent aus. Doch in jüngerer Zeit liegen Umfragen vor und nach Wahlen oft viel weiter daneben. War früher alles besser? Leidet der zunehmend von kommerzieller Konkurrenz geprägte Demoskopiemarkt unter Kostendruck und Qualitätsrückgang?

Vielleicht ist das nicht auszuschließen. Doch liegt der Hauptgrund aufseiten der Gemessenen. So treten neue Probleme schon bei der Auswahl von Probanden auf. Lange wurde, wenn der Zufall regieren sollte, das Telefonbuch als Basis herangezogen. Inzwischen aber gibt es viele - jüngere - Bürger, die nur mobil zu erreichen sind und sich nicht in Verzeichnisse eintragen.

Vor allem aber sind in den vergangenen Jahren - seit der Finanz- und Banken-, der sogenannten Schulden-, der Ukraine- und der Syrienkrise - die politischen Verhältnisse in Bewegung geraten. Und jähe Umbrüche wirbeln die Annahmen der Demoskopen durcheinander, welche wo Gezählten wie zu »gewichten« seien, um von wenigen möglichst zutreffend auf viele zu schließen.

Ohnehin entscheiden sich Wähler immer später und spontaner. Lange schon nehmen feste Bindungen an Lager und Parteien ab. Nun kommen auch noch neue Gruppierungsprozesse hinzu. Milieus, die lange nicht gewählt haben, sind plötzlich Feuer und Flamme. Neue Kräfte steigen auf, es ergeben sich ungekannte regionale Muster. So blamierten sich die britischen Institute bei der Wahl von 2015 mit ihrer Prognose eines knappen Rennens zwischen Tories und Labour wohl auch deshalb, weil sie die schottische Dynamik unterschätzten. Dort gab es einen Erdrutsch zu den Linksnationalisten, der Labour - auch wegen des Mehrheitswahlrechts - Dutzende Sitze kostete.

Hinzu kommt in polarisierten Situationen bewusster Widerstand gegen »Messungen«. Wer aufstrebenden, aber stigmatisierten Kräften zuneigt, gibt sich oft nicht zu erkennen. Auch das wird zu dem Umfragedebakel bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom März beigetragen haben, vor der die SPD um fünf bis nahezu sieben Prozent über- und die AfD massiv unterschätzt wurde.

Die Institute arbeiten heute nicht schlechter als früher. Vielmehr war die politische Landschaft lange vergleichsweise statisch, sodass Abweichungen durch verfeinerte Gewichtung immer wieder minimiert werden konnten. Nun gibt es Unruhe - und Demoskopen versuchen, eben diese mit einzuberechnen. Das ist zunächst recht fehleranfällig. Offenbar haben etwa die spanischen Demoskopen die Dynamik der neuen Linken dann doch zu hoch angesetzt.

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