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»Kommen Sie auch aus der Bildungsferne?«

Tanja Abou über Klassismus, den marxschen Klassenbegriff und die schamfreie Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft

Als festangestellte Sozialarbeiterin hat Tanja Abou mit Jugendlichen zutun, die gerade intensive Erfahrung mit Jugendämtern und Heimen machen - so wie sie selbst als Jugendliche.

Was bedeutet Klassismus?
Klassismus bedeutet, wenn du wegen deiner sozialen Herkunft oder sozialen Position benachteiligt wirst. Der Begriff ist verwandt mit den Begriffen Sexismus, Rassismus oder Homophobie. Er ist nicht neu, lag aber über lange Jahre linker Bewegung brach, da er wenig Lobby erfahren hat.

Sie forschen auch zum Thema »Klassismus«? Was motivierte Sie?
Die linke Bewegung war lange meine Ersatzfamilie, dort war mir dieser Begriff aber nie über den Weg gelaufen. Ich habe das Konzept des Klassismus erst bei einem »Social Justice Training« während meines Studiums kennengelernt. Es hatte biografische Gründe, dass der Begriff des Klassismus bei mir persönlich sehr viel auslöste. Nach marxscher Definition komme ich aus dem Lumpenproletariat, d.h. aus dem Klischee einer Unterschichtfamilie mit wenig Zugang zu formaler Bildung.

Wie sieht ein Social Justice Training bei Ihnen aus?
Thema bei den Trainings sind die eigenen Biografien der Teilnehmenden. Da gibt es zum Beispiel Leute vom Bauernhof, denen es materiell sehr gut ging, aber denen die Zugänge zu formeller Bildung verwehrt worden waren, die für Akademikerkinder vorgezeichnet sind. Haben sie es dann doch zur sogenannten höheren Bildung geschafft, führte dies oft zur Entfremdung oder gar zum Bruch mit der eigenen Familie. Dies lässt sich ganz gut mit Bourdieu reflektieren. Ich leite die Leute an, sich ihrer Bildungsvoraussetzungen, ihrer materiellen und kulturell-sozialen Voraussetzungen bewusst zu werden.

Bei den Seminaren treffen ja Leute mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Herkünften aufeinander. Knallt es dabei auch?
Ja, da fließen Tränen. Wer feststellt, dass er ein Privileg hat, fühlt sich oft schlecht, andere packen die Peitsche aus. Die Gespräche drohen dann sehr moralisch zu werden. Die Herausforderung für mich ist, einen Raum zu schaffen, in dem diese Auseinandersetzung möglichst scham- und schuldfrei sowie konstruktiv geführt werden kann. Ich achte auch darauf, dass diejenigen, die Benachteiligung und Diskriminierung erfahren haben nichts von sich Preis geben, was sie später bereuen könnten. Auf der anderen Seite geht es auch darum, wie die eigenen Privilegien geteilt werden können.

Das hört sich nach einer Selbsthilfegruppe an …
Ja. Aber das ist auch genauso wichtig, wie die theoretische Auseinandersetzung. Das war damals in der Frauenbewegung genau so: der Prozess der Bewusstseinswerdung kann einen mobilisierenden Charakter haben und letztlich dazu führen, Systeme zu verändern.

Mit welchen Zielen gründeten Sie das »Institut für Klassismusforschung«?
Wir haben 2014 das Institut gegründet, um die Forschung zu Klassismus weiterzutreiben und unsere eigenen Forschungsbeiträge zur Diskussion zu stellen. Wir wollen auch Anlaufstelle für Fragen in diesem Themenfeld sein. Im Umfeld des Institutes finden nun Treffen der Working Class/ Poverty Class Academics (AkademikerInnen aus der Arbeiterklasse) statt, bei denen wir auch darüber nachdenken, wie wir den beschränkten Antidiskriminierungsdiskurs überwinden können, aus dem oft rein symbolische Gesten folgen. Er ist nicht darauf ausgelegt, eine gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen. Außerdem diskutieren wir zum Beispiel auch, wie wir das (neo-)liberale Motiv »jeder kann es schaffen« überwinden können.

Sind Sie nicht genau dafür ein lebender Beweis dafür?
Das sind Narrative, die mich sehr ärgern. Ich stehe für eine von 100 aus der Unterschicht, die eine Chance auf eine gute formelle Bildung bekommen. Ich war das angepasste Mädchen mit den guten Noten in der Schule. Im Heim war ich die einzige, die in der Realschule war, wofür ich von den anderen Heimkindern auch aufgezogen wurde. Aber auch ich habe bei meinem ersten Studium gar nicht verstanden, was die von mir wollten.

Wie beziehen Sie sich auf den marxschen Klassenbegriff?
Mir wird aus marxistischer Ecke vorgeworfen, der Klassismusdiskurs und die Tatsache, dass wir auf Unterschiede innerhalb der Lohnabhängigen hinweisen, sei eine unnötige Klassenspaltung. Ich sehe jedoch überhaupt keinen Widerspruch zum marxistischen Klassenbegriff! Die Auseinandersetzung mit Klassismus und die Trainings, die wir durchführen, können in den klassischen Marxismus genau an dem Übergang von der »Klasse an sich« zur »Klasse für sich« eingefädelt werden. Ich lese Marx so: Es braucht einen Bewusstseinsprozess, um die eigene Arbeiterinnenposition als Politikum zu erkennen. Und genau diesen wollen wir in Gang bringen.

Gibt es geschichtliche Kämpfe, an denen Sie mit dem Institut für Klassismusforschung anknüpfen?
In den 80er und 90er Jahren erhoben Schwarze Frauen Ansprüche an die damalige Frauenbewegung. Mit dem Schabbeskreis meldeten sich jüdische Lesben zu Wort und es gab auch die sogenannten Krüppellesben. Innerhalb des Feminismus war damals auch eine kleine Klassenbewegung entstanden. In meinem Studium sind mir zum Beispiel die Prololesben begegnet. Sie waren Lesben mit Arbeiterklassenhintergrund, die an ihrer Selbstermächtigung arbeiteten. Ähnliches haben die Arbeiter-, bzw. Arbeiterinnentöchter im universitären Rahmen gemacht. So gab es zum Beispiel an der Freien Universität ein Projekttutorium, aus dem die Broschüre »Kommen Sie auch aus der Bildungsferne?« entstand.

Was haben Sie bislang erreicht? Konnten Sie die Praxis der Herrschaftssicherung erschüttern?
Es geht darum - zum Beispiel bei den Workshops - individuelle Erfahrungen, die wir aufgrund unserer Klassenposition machen, als kollektive zu definieren. Mit dem Institut haben wir einen Ort geschaffen, an dem wir miteinander solidarisch sein können. Auch wenn es noch in den Kinderschuhen steckt und wir im Moment hauptsächlich Basisarbeit machen, haben wir es immerhin geschafft, dass Menschen über Klassismus sprechen.

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