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Weltkrieg, Dada, Buster Keaton

Das Filmfestival »Il Cinema Ritrovato« in Bologna ist eine Wunderkammer der Filmschätze

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

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Morgens ging es schon gut los in Bologna, beim Filmfest der wiedergefundenen Filmschätze, wenn um neun Uhr früh der lange Kinotag der versammelten Archivare und Filmgelehrten, Filmkritiker, Restaurateure und sonstigen Cinephilen mit einer Serienepisode begann, die im Programmheft als »krazy«, also ziemlich verrückt bezeichnet wurde.

Schon der allererste Titel, »Der klammernde Fuß« (Le pied qui étreint im französischen Original), klingt ja weniger bedrohlich als sarkastisch, und wenn auf Teil 1 unmittelbar Episode 1777 folgt, weiß man auch ziemlich schnell, dass verbissener Ernst eher nicht das Motto der Serie sein wird - auch wenn Regisseur Jacques Feyder sich natürlich einiges einfallen ließ, um den Zuschauer in erfreuter Spannung zu halten. Es sind die ernst gemeinten, die sich selbst ernst nehmenden (und dabei ungeheuer populären) wöchentlichen Abenteuerserien seiner Zeit, die Feyder hier aufs Korn nimmt. Und seinen etwas albernen Helden, einen tüftelnden Wissenschaftler und Menschenretter, lässt er dabei ganz nebenbei das Handy erfinden - eine Erfindung, die demnach schon vor einhundert Jahren eher erschröckliche Folgen hatte.

Denn 1916 war das Jahr, in dem Füße klammern durften, aber auch tödliches Gas zum Einsatz kam (hier in »Gaz mortels« von Abel Gance, Meister der feierlichen großen Form, vom Programm kurzerhand ebenfalls zum »Krazy Serial« erklärt). Dass zum Ende der acht Tage, in denen man in Bologna nun schon im dreißigsten Jahr das Kino feierte, der Beginn der Schlacht an der Somme sich zum hundertsten Mal jährte, wurde beim Cinema Ritrovato nicht vergessen. Ein Dokumentarfilm von 18 Minuten feierte Macht und Gewalt der Kruppschen Stahlwerke in Essen, und dem Zuschauer war dabei stets im Bewusstsein, dass aus diesen feuerspuckenden Schmelzöfen vorrangig kriegswichtiges Material hervorging. Und in Léonce Perrets fragmentarisch erhaltenem Einstünder »L’Angélus de la victoire« versinkt eine junge Frau in ebenso bildschönen wie herzzerreißenden Fotogrammen im Wahnsinn, als ihr junger Mann in den Krieg muss - und fällt.

Aber auch Dada und Kubismus gehörten in diese verzweifelten Zeiten, bildliche und verbale Ausdrucksformen für eine Ära, der Sinn, Verstand und die geradlinige Form abhanden zu kommen drohten. In Bologna ließ man die dadaistische Bewegung mit modernen Hommagen im Rahmen der »Krazy Serials« des Jahres 1916 hochleben und die Kubisten mit einem komischen Film von 1912: In »Rigadin peintre cubiste« verkleidet Maler Rigadin (Charles Prince) nach dem Betrachten kubistischer Porträts und Stillleben erst sich selbst, dann auch seine Vermieterin in kantigen Kartonage-Klamotten und übermalt die Birne auf dem Bild eines anderen kurzerhand mit eckigen Strichen ganz nach dem neuen Stil. Woraufhin er bald einen Herzinfarkt erleidet.

Acht Tage Bologna, das sind, jedenfalls in dieser Übergangswoche vom Juni in den Juli jeden Jahres, acht Tage, die einem ein Gefühl für ein Jahrhundert geben, einen Einblick in das Werden und Gedeihen, die Entwicklungen, Strömungen und technischen Neuerungen einer ganzen Kunstform, wie das kein Filmfestival mit lauter neuen Filmen könnte. Il Cinema Ritrovato ist ein Festival für Fachleute, das sich längst sehr viel breiter aufstellt. Ein Filmfest ganz für den Film und ohne Promizirkus und roten Teppich - dabei gab es den durchaus auch, für Regisseure wie Bernardo Bertolucci und Marco Bellocchio zum Beispiel, Veteranen des italienischen Films der letzten Jahrzehnte, die zu Werkgesprächen aufliefen oder bei großer Wärme und mindestens ebenso großem Publikumsandrang Filme Open Air auf der (baulich und atmosphärisch ziemlich spektakulären) zentralen Piazza der Stadt zeigten. Il Cinema Ritrovato ist eine Schatzkammer, eine Wundertüte, eine Laterna magica und in diesem Jahr außerdem Gastgeber des wandernden Kongresses der Filmarchive aus aller Welt, der mit dem Filmfest zeitlich überlappte.

Argentinische Filmraritäten und das Werk von Marlon Brando, Chaplin, den man in Bologna gerade komplett restauriert hat, und Buster Keaton, für den dasselbe zu tun man sich eben anschickt, dazu Filme aus Thailand, Kuba und Iran, frühe Farbfilme aus Japan und letzte sowjetische Filme aus der Tauwetter-Periode vor dem Kalten Krieg. Dazu wurden allererste Werke der Kinogeschichte präsentiert, in aller Welt gefilmt von den Brüdern Lumière. Außerdem widmete das Institut Lumière aus Lyon, Geburtsstadt der Film-, Foto- und Kinopioniere, den Brüdern in Zusammenarbeit mit der Bologneser Kinemathek eine Ausstellung, die den Atem rauben konnte: Vom Porträtbild zum bewegten Bild zum bunten Bild in malerschöner Farbe - nichts, das mit dem optischen Bewahren des Moments zu tun hat, was die Familie Lumière nicht in Angriff genommen, erfunden, verbessert und anschließend, mit zahlreichen Patenten belegt, höchst erfolgreich vermarktet hätte.

Das Füllhorn war in Bologna dieses Jahr voll bis zum Überlaufen, und die Rekordmarke von 100 000 Besuchern in Kinos und Piazza wohl überschritten. Bologna ist, ganz gewiss in dieser einen Woche jeden Jahres, unbedingt einen Besuch wert.

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