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Überraschungskandidaten auf Brexit-Bühne

Favoritin ist Innenministerin May, aber auch Energieministerin Leadsom und »Verräter« Gove in den Startlöchern

  • Von Sascha Zastiral, London
  • Lesedauer: 3 Min.
Die konservative Partei sucht in Großbritannien einen neuen Parteichef - und damit Premierminister. Am Dienstag begann die nach dem angekündigten Rücktritt von Cameron notwendige Wahl.

Das Auswahlverfahren für die Nachfolge von Premierminister David Cameron hat begonnen. Am Dienstag stimmten die Abgeordneten der Konservativen Partei in einer ersten Runde über die fünf Kandidaten ab. Dabei wird der Kandidat, der am schwächsten abschneidet, von der Liste gestrichen. Weitere Abstimmungsrunden soll es am Donnerstag und am Dienstag geben. Über die zwei Kandidaten, die übrigbleiben, werden die rund 150 000 Parteimitglieder - voraussichtlich im September - abstimmen.

Cameron hat das Prozedere eingeläutet. Er hatte am Morgen nach dem Brexit-Referendum seinen Rücktritt bis Oktober erklärt und damit die Schlacht um seine Nachfolge entfacht. Deren berühmtestes Opfer ist der frühere Bürgermeister von London Boris Johnson: Der führende »Leave«-Aktivist erklärte am Donnerstag, er werde nicht für den Posten des Parteichefs - und somit Premierministers - kandidieren.

Zuvor war ihm sein enger Vertrauter aus der »Leave«-Kampagne, Justizminister Michael Gove, in den Rücken gefallen. Wenige Stunden bevor Johnson seine Kandidatur bekanntgeben wollte, hatte Gove erklärt, dass Johnson nicht für den Posten des Premiers geeignet sei - ganz im Gegensatz zu ihm. Und so machte Gove seine eigene Kandidatur bekannt. Da er bereits einige Abgeordnete von seiner Position überzeugt zu haben schien, zog Johnson die Notbremse und verzichtete.

Doch Gove scheint unterschätzt zu haben, wie sehr ihm sein Verrat schaden würde. Der Abgeordnete Ben Wallace legte ihm noch am selben Tag nahe, Gove solle ein Schicksal ereilen wie Theon Graufreud in »Game of Thrones«. Graufreud wird in der TV-Serie brutal gefoltert und kastriert. Ein Assistent Johnsons schrieb, Gove habe von Anfang an geplant, Johnson in den Rücken zu fallen. Andere Abgeordnete meinten, Gove solle »uns allen einen Gefallen tun« und seine Kandidatur zurückziehen.

Die Spitzenreiterin für Camerons Nachfolge ist derzeit Innenministerin Theresa May. Sie wusste am Dienstagmorgen die meisten Abgeordneten hinter sich. Doch auch Energieministerin Andrea Leadsom hat offenbar zugelegt: Johnson hat sich am Montag hinter sie gestellt. Leadsom hatte sich vor dem Referendum an Johnsons Seite für einen Austritt aus der EU ausgesprochen.

May zeigt sich schon jetzt von ihrer harten Seite. Sie wies Forderungen zurück, in Großbritannien lebende EU-Bürger nicht zum Gegenstand der Verhandlungen zu machen. Dagegen erklärten sämtliche anderen Kandidaten, der Status dieser Menschen solle nicht Teil der Verhandlungen werden. May hatte für einen Verbleib des Landes in der EU geworben - ein Umstand, den ihr nun die »Leave«-Aktivisten unter den Kandidaten anzukreiden versuchen.

Vermutlich deswegen sagt sie jetzt: Die Menschen hätten für einen Brexit gestimmt, daher führe daran kein Weg vorbei. »Es darf keine Versuche geben, in der EU zu bleiben, ebenso keine Versuche, sich durch eine Hintertür wieder der EU anzuschließen und auch kein zweites Referendum.«

Hinsichtlich der Freizügigkeit - die einer der Hauptgründe für das »Leave«-Votum gewesen zu sein scheint - zeigt sich May ebenfalls entschlossen. Sie möchte bei den Verhandlungen mit der EU einen freien Zugang zum Europäischen Wirtschaftsraum erreichen, aber dabei die Zahl der EU-Bürger, die nach Großbritannien ziehen, einschränken.

Führende EU-Politiker haben bereits signalisiert, dass es solche Einschränkungen nicht geben könne: »Die Ratten verlassen das sinkende Schiff«, sagte der Vorsitzende der liberalen Fraktion, Guy Verhofstadt, am Dienstag in Straßburg.

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