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Lauter Liebesdramen

Tatjana Kuschtewskaja über die Frauen berühmter Männer in Russland

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

Schön - ja, das waren die meisten. Ihre berühmten Männer wollten mit ihnen glänzen. Und meist waren die Frauen auch jünger als sie, manche in einem Alter, in dem heute niemand in Europa heiraten würde. Aber damals schien es zum beiderseitigen Vorteil. Sie kam zu einem Mann, der bereits über einen gesellschaftlichen Status verfügte, oder wenigstens zu einem, der durch sein Talent begeistern konnte, und er kam zu einer Gattin, die zu ihm aufblickte, für ihn da war, ihn unterstützte in allen Belangen - auch nach seinem Tode noch.

»Gib mir dein Wort darauf, daß ich in deinen Armen sterben werde«, sagte Michail Bulgakow zu seiner Jelena. Und so geschah es. »Komm zu mir, ich küsse Dich und bekreuzige Dich für alle Fälle … Du warst meine Frau, die beste, die unersetzliche, die bezaubernde … Meine Göttliche, mein Glück …« Das sollen seine letzten Worte gewesen sein. Sie überlebte ihren Mann noch dreißig Jahre, versuchte, sein Werk zu bewahren, indem sie die Manuskripte möglichst »breit streute«, damit sie nicht verloren gehen konnten. Sie hatte sie auf einer Schreibmaschine abgetippt, so wie sie auch vorher schon gewissermaßen seine Sekretärin gewesen war und darüber hinaus die Seele seines Hauses. »Der Meister und Margarita«, der Titel von Bulgakows berühmtestem Roman, bezeichnete wohl auch ihre Ehe. Aber dieses wunderbare Buch wurde erst ab 1966, sechzehn Jahre nach des Meisters Tod, in der Literaturzeitschrift »Moskwa« gedruckt.

Immer wieder finden sich hier Hinweise, wie schwer es vielen Schriftstellern und Künstlern in der Sowjetunion gemacht wurde. Viele haben das Land verlassen, wo man sie reglementierte und ohne Weiteres verhaften konnte. Sergej Prokofjew war 1918 emigriert und hatte vornehmlich in Paris gelebt. Seiner Bedeutung gewiss - wer sollte ihm etwas anhaben - ließ er sich 1936 mit seiner Frau Lina, einer aus Spanien stammenden Sängerin, wieder in Moskau nieder. »1941 trennte er sich von seiner Familie und zog zu Mira Mendelson, die er 1948 heiratete«, so heißt es lapidar bei Wikipedia. Bei Tatjana Kuschtewskaja kann man die Hintergründe nachlesen: Jene Mira, Studentin am Literaturinstitut und ihm völlig ergeben, hatte Prokofjew bereits 1938 kennengelernt. Seine Frau fand sich mit allem ab, wollte sich aber nicht scheiden lassen. Wohlbedacht womöglich, denn damit wäre sie ungeschützt. Auf Betreiben ihres Mannes wurde 1947 ihre im deutschen Ettal geschlossene Ehe vor Gericht für ungültig erklärt, da sie sich nicht im sowjetischen Konsulat hatten registrieren lassen. Am 28. Februar 1948 wurde Lina unter einem Vorwand aus dem Haus gelockt und in ein Auto gestoßen: Neun Monate Verhöre in der Lubjanka und im Leforto-wo-Gefängnis, dann Verurteilung wegen Spionage zu zwanzig Jahren Arbeitslager. Und der einstige Ehemann, sechsmaliger Stalin-Preisträger, tat nichts für sie - aus Angst womöglich. Schostakowitsch jedoch setzte sich für sie ein. Erfolglos. Erst im Mai 1956 wurde sie rehabilitiert und entlassen.

Im Hintergrund, wie immer, ein Kampf um Macht und Geld, Rätselhaftes kommt hinzu. Wie war das 1932 mit dem Selbstmord von Nadeschda Allilujewa, Stalins Frau? Und wie mit dem Mord an Nina Kandinskja? Romantischer die Geschichte vom weißen Flieder. Zu Besuch bei Sergej Rachmaninows Enkel am Vierwaldstätter See erfuhr Tatjana Kuschtewskaja das Geheimnis seiner Großmutter, das mit diesen Blumen verbunden war, die das Musikgenie nach jedem seiner Konzerte in der Garderobe vorfand. Von der Frau hinter dem Flieder hatte Natalja Rachmaninowa schon lange gewusst, und als ihr Mann im Sterben lag, schickte sie nach ihr.

Lauter Liebesdramen: Mit welcher Einfühlungskraft und Leidenschaft sie die Autorin zu Papier gebracht hat! Und was für ausgiebige Studien dem vorausgegangen sind! Sie recherchierte in Archiven, studierte Memoiren und Briefe, sprach mit Hinterbliebenen und hat oft auch eigene Erinnerungen in die Erzählungen einzuflechten, die in sich oft einen Stoff verdichten, der zu einem biografischen Roman hätte taugen können. Die Leserin, der Leser wird es gar nicht ermessen können, was für eine Arbeit in diesem Buch steckt, aber die Autorin hat es ja geschrieben, damit es eine mitreißende Lektüre wird. In den 19 Porträts steckt sozusagen auch ihre eigene Reflexion über die Vielgestaltigkeit der Liebe und die besondere Schwierigkeit, mit einem berühmten Mann verbunden zu sein.

Ein Doppelleben führten viele. Alexander Solschenizyns Frau, Natalja Reschetowskaja, bekommt im Buch einen großen Monolog, um zu erklären, wie sich damit leben lässt. Er sei eben der Typ Mann gewesen, der den »Sinn des Daseins« sucht und »nicht das Glück im stillen Ehe-hafen ... Ihn interessiert die Handlung mit unvorhersehbarem Ergebnis, der Versuch, die eigenen Grenzen zu überschreiten …« Doch was wäre aus ihm geworden, hätte sie ihn nicht umsorgt und nachts seine Texte in die Maschine getippt …

Hätte Sofja Tolstaja nicht den Alltag von Lew Tolstoi gemeistert, er selbst hätte es nicht vermocht. Sie war Muse, Zuhörerin, Ratgeberin »und die einzige, die seine Handschrift lesen konnte«. Die Bände von »Krieg und Frieden« hat sie siebenmal von Hand abgeschrieben. Keinen Augenblick hat sie für sich gelebt. Das hat Antonina Tschaikowskaja zwangsweise getan; im Grunde gab es für sie nur zwei Wochen Ehe, weil ihr Mann sich von ihr entfernte. Olga Knipper-Tschechowa wohnte in Moskau; Anton Tschechow zog Jalta vor. Der Frauenversteher schrieb zärtliche Briefe und notierte für sich: »Gefühl von ›Nichtliebe‹, ruhiger Zustand, lange, ruhige Gedanken.«

»Vor meiner Begegnung mit Dir wusste ich nicht, was Liebe ist«, flüsterte Natalja Herzen und strich Georg Herwegh durchs schwarze Haar. Eine Zeit lang wohnten beide Ehepaare in einem Haus (so wie übrigens die Bunins mit der Dichterin Galina Kusnezowa). Herwegh forderte Alexander Herzen zum Duell, und Emma Herwegh goss Öl ins Feuer. Und dann gab es noch weitere Wendungen und Liebesverwicklungen - Alexander Herzen sind sie für sein Buch »Erlebtes und Gedachtes« zugutegekommen.

Tatjana Kuschtewskaja: Am Anfang war die Frau. Die Frauen russischer Genies. Aus dem Russischen von Ilse Tschörtner und Steffi Lunau. Mit 19 Porträts von Janina Kuschtewskaja. Grupello Verlag. 297 S., br., 19,90 €.

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