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Verborgen

Zum Tode M. Werners

Zwei Männer. Loos verlor seine Frau und mit ihr alles, was ihm an der Welt liebenswert schien; Clarin dagegen ist ein Leichtlebiger, der jeden Augenblick wie eine beglückende Ewigkeit nimmt.

Dem einen ist das Dasein Sturzfeld, dem anderen Höhenflug. Der eine ist imprägniert gegen das Leben, der andere lässt sich von ihm noch prägen. Dem einen drückt der Zeitgeist den Hals zu, der andere kann den Hals nicht vollkriegen vom Wechsel der Moden - und Frauen. Der eine reibt und verletzt sich fortwährend nur an Käfiggittern, während der andere ein Prinz Vogelfrei ist. »Am Hang«, Markus Werners erfolgreichster Roman - darüber, dass Eros und Tod nicht voneinander zu trennen sind. Vergänglichkeit heißt auch: Lebenslange Liebe ist eine Selbsttäuschung. Aber das Aufgeben dieser Sehnsucht nach Liebe wäre der Tod weit vorm Sterben.

Der 1944 geborene Schweizer Markus Werner war ein Scheuer des Betriebs. Vielleicht traf auf ihn das Wort Ovids zu: Wer gut verborgen war, hat gut gelebt. Im Prosawerk des Autors lebt die Trauer eines Menschen, einer vergangenen Zeit anzugehören. Wahrscheinlich muss das jede gute Literatur; das Maß ihrer Fantasie wird durch die Kraft der Erinnerung, der Erfahrung bestimmt. Fantasie ist ja nichts weiter als die Rettung der Bilder, über die wir verfügen. Fantasie, die das nicht Reale herruft, schaut im Grunde doch nur zurück - sie ruft nach vornhin ab, was wir in uns haben.

Werner, der vor wenigen Tagen starb - er schrieb Bücher, in denen das heiße Gefühl einer zitternden Identität rebelliert. Waffenlose Überlegenheit. Gleißend schöne Ohnmacht. Eigensinn, der noch Wurzeln, aber keine Zukunft mehr spürt, kämpft gegen die Vernunft kalter Techniken, mit denen die Welt nicht mehr verändert, sondern bestmöglich ausgehalten werden soll. hds

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