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Wer nicht zahlt, muss sterben

Italienische Justiz ermittelt gegen Flüchtlingsschlepper und ein kriminelles Netzwerk wegen Organhandels

  • Von Wolf H. Wagner, Florenz
  • Lesedauer: 2 Min.
Die Staatsanwaltschaft von Palermo ermittelt jetzt wegen Mord und Organhandel. Flüchtlinge, die ihre Überfahrt nach Europa nicht zahlen können, werden in Ägypten zur Organentnahme ermordet.

Nureddin Atta Wehabrebi, der einst selbst Flüchtlingsboote über das Mittelmeer nach Italien gesteuert hat, ist bereit, mit der italienischen Justiz zusammenzuarbeiten. Der Kronzeuge aus Eritrea schilderte den Ablauf der Flüchtlingsbewegung detailliert. »Die Flüchtlinge, die die Summe für die Meerespassage nicht aufbringen können, werden von den Schleusern Ägyptern ausgeliefert. Das sind Banden, die die Menschen umbringen, um ihnen Organe zu entnehmen. Sie kommen mit speziellen Kühlboxen zu den Orten, an denen sich Flüchtlinge aufhalten.

Die Organe, die den Ermordeten entnommen werden, gehen dann nach Kairo, wo sie für je 15 000 Dollar (13 500 Euro) an verschiedene Interessenten verkauft werden«, so der Zeuge. Die Informationen, so erklärte der ermittelnde Staatsanwalt von Palermo, Franco Lo Voi, habe Atta Wehabrebi von zwei libyschen Mitgliedern der Schleuserbande erhalten. Die Libyer Ermias Ghermay und Fitiwi Abdrurazak stehen seit längerem auf den Fahndungslisten der italienischen Behörden. Es ist nicht das erste Mal, dass von illegalem und menschenverachtendem Organhandel berichtet wird. Bereits vor zwei Jahren wurden sowohl in Leichenhallen als auch in Massengräbern auf dem Sinai Leichen gefunden, bei denen Organe wie Leber, Nieren, Herz sowie Augenlinsen entfernt wurden. Ein festgenommener Beduine erklärte den Behörden, man bekäme einen Anruf von Privatkliniken in Kairo, die gezielt Organe bestellten.

Bei den Getöteten handelte es sich damals um Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia und Sudan, die von Schleusern angeblich nach Israel gebracht werden sollten. Mehr als 4000 Personen gelten seither als vermisst. Dank der Kronzeugenaussagen konnte die italienische Polizei nun einen erfolgreichen Schlag gegen ein Schleusernetzwerk führen. Dabei wurden gut organisierte Strukturen festgestellt: Die Bande, die sich aus Eritreern und Libyern zusammensetzt, holt gegen enormes Entgelt Flüchtlinge aus den Sammellagern und sorgt für deren Weitertransport. Bevorzugte Ziele sind Deutschland, Dänemark und Skandinavien. Für eine »sichere« Passage müssen die Flüchtlinge beziehungsweise deren Familien zwischen 10 000 und 15 000 Euro zahlen.

Die gleiche Summe wird fällig, wenn Flüchtlinge statt der gefährlichen Meerpassage mit dem Flugzeug nach Europa verbracht werden. Dabei stießen die Ermittler auf ein System falscher Familienzusammenführungen oder angebahnter Heiraten mit in Italien ansässigen Afrikanern oder Italienern.

Ob die Aussagen Atta Wehabrebis zu den Organentnahmen der Wahrheit entsprechen, müssen weitere Ermittlungen auch der in Ägypten operierenden italienischen Geheimdienste zeigen. Dank der Kronzeugenaussage konnten jedoch zwei Anlaufpunkte in Palermo und Rom beschattet und ausgehoben werden. Dabei beschlagnahmten die Polizisten in einer von einem Eritreer betriebenen Parfümerie in Rom 526 000 Euro und 25 000 US-Dollar in bar. Zudem wurde eine Vielzahl von Rechnungen und Quittungen über den Flüchtlingsverkehr sichergestellt.

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