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54 Jahre allein im Forst

Wie der Niedersachse Günther Hamker die Zeit anhält

  • Von Christina Sticht, Sehlde
  • Lesedauer: 3 Min.
Das Leben in einer abgelegenen Hütte seit 54 Jahren hat seinen Blick auf die Dinge verändert: Der Niedersachse Günther Hamker versteht den heutigen Konsumterror und die Ausbeutung der Natur nicht.

Wenn Günther Hamker beim Kochen merkt, dass ihm ein Ei fehlt, kann er nicht schnell in den nächsten Supermarkt laufen. Der 75-Jährige lebt seit mehr als 50 Jahren in einer Waldhütte im Niedersächsischen Bergland. Sein Trinkwasser stammt aus einem selbst angelegten Brunnen, Strom erzeugt er mit Windkraft und Solarenergie, für seine Öfen hackt er selber Holz. Telefonieren klappt, wenn nicht gerade ein Baum auf die Freileitung gefallen ist. Auch der Handyempfang ist schwach. 15 Minuten fährt Hamker über holprige Forstwege ins nächste Dorf, bei Eis und Schnee ist das gar nicht möglich.

Als Einsiedler sieht sich Hamker aber nicht. »Ich habe viele Freunde und Bekannte, auch wenn nur ein bis zwei Mal pro Woche jemand zu mir hoch kommt«, erzählt er an einem schönen Sommertag bei einer Tasse Tee aus selbst angebauter Minze.

Die Bezeichnung »Aussteiger« mag der weißhaarige Mann mit dem wettergegerbten Gesicht nicht. »Als ich 1962 hier herzog, wusste man noch gar nicht, was das ist.« Bis 2003 bewirtschaftete Hamker seinen 80 Hektar großen Wald, den er wie die Holzhütte als 13-Jähriger von seinem Großvater geerbt hatte. Inzwischen hat der Waldbauer seinen Forst verkauft, besitzt aber noch ein Wohnrecht auf Lebenszeit.

In seiner urigen Hütte scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Der Herd wird mit Holz befeuert, das schwarze Telefon hat noch eine Wählscheibe. Vieles stammt aus Haushaltsauflösungen oder vom Trödelmarkt. An den Wänden hängen historische Karten und Familienfotos vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

»Ich habe ein Leben lang von Abgelegtem gelebt«, sagt Hamker. Freunde schenkten ihm ihren ausrangierten Fernseher oder ihren alten Laptop. Ein Smartphone wurde ihm auch schon angeboten, aber das will Hamker nicht.

Der Waldbewohner geht sparsam mit Ressourcen um und lebt den Minimalismus, den manche als Mode-Bewegung entdecken. »Es gibt den Trend zu Öko-Produkten und zur Selbstversorgung, auch in der Stadt etwa mit einem Gemeinschaftsgarten«, sagt Niko Paech. Der Oldenburger Nachhaltigkeitsforscher hält dies aber in vielen Fällen für rein symbolische Handlungen. »Der Konsum von fairem Kaffee und Bionade kann eben nicht den CO2-Ausstoß einer Flugreise nach New York kompensieren.«

Die Entschleunigung, von der so viele träumen, hat Hamker längst erreicht. Am Vormittag geht er mit seinem Pflegehund Remo auf den umliegenden Höhenzügen spazieren. Um Fitnesstraining muss er sich wegen der regelmäßigen körperlichen Arbeit nicht kümmern. Zur Entspannung hört er klassische Musik - »am liebsten Chopins Klavierkonzerte« - und liest. Einsam fühlt sich der Einsiedler nicht. Während seines Studiums in Göttingen sei er dort in einem Mehrfamilienhaus isolierter gewesen, erzählt er. Wochenlanges Schmuddelwetter schlage ihm allerdings aufs Gemüt.

Doch an diesem Tag scheint die Sonne, und der Wald wirkt idyllisch, nicht bedrohlich. Hamker sitzt vor dem Eingang seiner Hütte unter der mehr als 30 Meter hohen Kastanie, die er selbst als Kind gepflanzt hat. Die Vögel zwitschern. Ein kleiner Siebenschläfer taucht plötzlich auf und schnappt sich eine Aprikose vom Obstteller. Schon nach einer halben Stunde wirkt die Umgebung auf Besucher entspannend.

Erst am Abend setzt sich Günther Hamker wieder in sein altes Auto, um den Berner Sennenhund Remo seinem Besitzer Hansjörg Spörri zurückzubringen. Der Gartenbauunternehmer aus Bockenem kennt den Einsiedler seit fast 35 Jahren. »Er ist ein besonderer Mensch und braucht diese Abgeschiedenheit«, sagt Spörri. »Es ist nicht vorstellbar, ihn in eine Stadtwohnung zu verpflanzen.« dpa/nd

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