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Es gibt keinen Grund zu feiern!

Ein Realitätsabgleich samt Post-Festival-Depression nach fünf Tagen auf der Fusion

Nach der Euphorie kommt die Melancholie. Fünf Tage lang Dauerbeschallung, permanente Ablenkung - keine Zeit, stehen zu bleiben und zu reflektieren. Kaum Gelegenheit, Gedanken an das Übel dieser Welt zu verschwenden. Und plötzlich wieder Normalität. Vorbei das »Wir-Gefühl« der Feiernden. Vorbei die »Scheißegalität« der Realität da draußen. Die Ängste und Sorgen vor Morgen sind wieder da. Wenn das Festival vorüber ist, platzt auch die Seifenblase und lässt die Depression zu. Der Traum ist aus und die Uhren schlagen wieder im Gleichschritt, marsch - ohne Melodie, aber brachial im Takt, härter als der tighteste Techno-Track. Die Farbwahrnehmung normalisiert sich und die Sonne wird aus dem Herzen hinter die Jalousie des Großraumbüros verbannt.

Rund 70.000 TeilnehmerInnen zählte das diesjährige Fusion-Festival auf dem ehemaligen Militärflugplatz in Lärz. Seit 1997 rühmen sich die OrganisatorInnen damit, fernab der Gesellschaft ihren eigenen »Ferienkommunismus«, frei von Zwängen und Kontrollen, zu kreieren. Tatsächlich ist die Fusion eine der wenigen eher unkommerziellen Festivals. Werbung von großen Sponsoren sucht man auf dem gesamten Gelände vergeblich. Auch verkauft keine einzige Fressbude Fleisch. Dafür wimmelt es nur so von detailverliebten Nuancen, die das Event zu einem einzigartigen Erlebnis werden lassen - auch beim x-ten Festivalbesuch.

Umso härter fühlt sich nach der fünftätigen Feierei der Aufprall auf dem Asphalt der Realität an, wenn der Ferienkommunismus langsam an den Hochhäusern der Großstadt und an den (Bahn)Schranken zur Zivilisation zerschellt, der Takt des Herzschlags sich wieder mit dem Rhythmus des Arbeitslebens synchronisiert und der Akku des Mobiltelefons aufgeladen werden muss. Bevor das zarte vibrieren eintreffender Kurzmitteilungen das Wummern stumpfer Technobässe ersetzt.

Festivals sind gelebte Utopien. Im Idealfall ein Abbild der zukünftigen Gesellschaft, wie wir, die Feiernden, sie gern hätten. Ohne Nazis, ohne Sexismus, ohne Diskriminierung, ohne oberflächliche Wertmaßstäbe. Leider aber auch nicht ohne Geld. Und spätestens da scheitert dann auch der Traum vom Ferienkommunismus. Etwa wenn für Geld Merchandise der Revolution verkauft wird, zum Beispiel mit dem Konterfei Che Guevaras. Ob die Herzen der Standinhaber tatsächlich für fairgehandelte Produkte schlagen und nicht etwa für kapitalistische Gewinnmaximierung, sei angesichts der Preise dahin gestellt. Sei es auch für den guten (linken) Zweck, lässt sich zumindest die Frage in den Raum stellen, wie viele von den vermeintlich unpolitischen Partypeople überhaupt wissen, wer dieser Refugees ist, von dem alle immer reden.

Ist denn das nun eigentlich Feierkommunismus? Klar ist, ohne die ganze Kackscheiße, die in der Welt passiert, wären Festivals nicht das, was sie sind: Ein Hort der Glückseligkeit auf begrenzte Zeit, zusammengehalten durch den Druck von Außen. Seien es die Konventionen der Gesellschaft, die spießigen Eltern oder die Polizei, die bei der Anreise das hart ersparte grüne Tütchen konfisziert, um es anschließend (gar nicht) »sach- und fachgerecht« zu vernichten. Erst dadurch definiert man sich als Gruppe und kann sich abgrenzen.

Aber der erfahrene Festivalbesucher – ob Kommunist oder nicht – weiß: Vorbereitung ist alles. Und selbst wenn nach sozialistischen Maßstäben vorgegangen wird, nutzt es niemandem, wenn alle Alkohol, aber niemand Klopapier dabei hat; denn Klopapier und Gaffatape - das lernt man am schnellsten - lassen sich auf Festivals förmlich in Gold aufwiegen. Ergo sind zwar alle gleich, aber manchen eben doch ein bisschen gleicher.

Doch erst die Möglichkeit zur Alternative – möge sie auch nur einmal im Jahr für ein paar Tage stattfinden – macht das Übel in der Welt einigermaßen erträglich. Und so lässt sich auch die Frage beantworten, die die VeranstalterInnen sich in diesem Jahr selbst stellten: Kann man Nazis wegfeiern? Darf man überhaupt angesichts des heraufziehenden Unheils guten Gewissens feiern? Ja, muss man sogar. Wann sonst kollidiert die Lebensrealität mit der eigenen Wunschvorstellung und führt zur Frage: Wo stehe ich und wo will ich eigentlich hin?

Für manche ist das neben dem Ausbruch aus dem Alltag auch Antrieb genug, um ihr Leben, um die Gesellschaft umzukrempeln. Für andere bleibt es das ewige Hamsterrad: Arbeiten, um Spass zu haben, um zu arbeiten, um Spass zu haben, um...

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