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»Niemand hat uns geglaubt«

Das »Zigeunerlager« Marzahn - Geschichte und Gedenken. Von Wolfgang Wippermann

  • Von Wolfgang Wippermann
  • Lesedauer: 8 Min.

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Am 16. Juli 1936 soll es in Berlin eine »Volksfeststimmung« gegeben haben. Warum? War es die Vorfreude auf die 14 Tage später erfolgte Eröffnung der Olympischen Sommerspiele, von der NS-Propaganda zum »Fest der Völker« erklärt? Weit gefehlt! Viele Berliner sollen sich darüber gefreut haben, dass Partei und Polizei sich darum bemühten, »der Zigeunerplage in der Reichshauptstadt Herr zu werden«. Dies durch die Räumung der »Zigeunerrastplätze«, die als »Schandflecken« angesehen wurden. Ihren Anblick wollte man den Besuchern der Olympischen Spiele nicht zumuten. Zudem wären die »Zigeuner« nach Meinung der Berliner Wohlfahrtsverwaltung eine »ernstliche sittliche Gefahr«, insbesondere für die Jugend. Ihre Vertreibung sei auch aus »rassenpolitischen« Gründen erforderlich.

Etwa 600 Berliner Sinti und Roma mussten ihre Wohnwagen anspannen oder, weil viele kein Untergestell mehr hatten, mit Winden auf Plattenwagen stellen. Dann ging es unter dem Gejohle der Bevölkerung und unter Begleitung der Polizei nach Marzahn. Hier wurden sie auf einem Gelände untergebracht, das bis dato als Rieselfeld genutzt wurde und an einen Friedhof grenzte - was die Sinti und Roma als demütigend empfanden. Wurden sie doch damit gezwungen, gegen einige ihrer Sitten- und Reinheitsgebote zu verstoßen.

Noch schlimmer waren die »Wohnverhältnisse« im »Zigeunerlager« Marzahn. Da nicht alle Insassen des Lagers in den - zunächst 130 - überwiegend alten und schadhaften Wohnwagen untergebracht werden konnten, wurden Baracken aufgestellt, die vom bisherigen Nutzer, dem Reichsarbeitsdienst, als nicht mehr brauchbar angesehen worden waren. Die meisten waren nicht beheizbar. Ein Anschluss an das Stromnetz bestand nicht. Für die zunächst 600 Insassen des Lagers gab es nur drei Brunnen und zwei Toiletten.

1937 wurde eine »Verwaltungsbaracke« errichtet. In ihr befanden sich zwei »Wärmestuben«, ein »Entbindungszimmer« sowie Räume für die Polizeiwache und den »städtischen Rastplatzverwalter«. 1938 wurden weitere »Wohnbaracken« sowie eine »Schulbaracke« für eine »fünfklassige Zigeunerschule« aufgebaut. Dies alles reichte nicht aus, um alle Insassen unterzubringen. Ihre Gesamtzahl war auf über 800 gestiegen, überwiegend Frauen und Kinder. Die Männer waren in »polizeiliche Vorbeugungshaft« genommen und im Zuge der »Asozialenaktionen« in das nahe gelegene KZ Sachsenhausen deportiert worden.

1939 hatten sich die »Gesundheitsverhältnisse« im Lager weiter verschlechtert. Die Behörden befürchteten die »Übertragung von Krankheiten« auf die Bevölkerung. Daher hielt das Hauptwohlfahrtsamt die »längere Aufrechterhaltung des Lagers im gegenwärtigen Zustand« für nicht mehr verantwortbar und schlug vor, das »Zigeunerlager« in ein »Konzentrationslager für Zigeuner« umzuwandeln und in ihm eine »straffe Lagerordnung« einzuführen. Dazu kam es nicht mehr. Fast alle Insassen des »Zigeunerlagers« Marzahn wurden im Frühjahr 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Hier befand sich ein besonderes vom Rest des Lagers abgesperrtes Lager - das »Zigeunerlager KL. Auschwitz.« In ihm herrschte keine Trennung nach Geschlechtern. Die erwachsenen Sinti und Roma mussten zusehen, wie zuerst ihre Kinder an Hunger und Seuchen starben. Dann wurden sie selber vergast.

Das »Zigeunerlager KL. Auschwitz« war die Hölle, das »Zigeunerlager Marzahn« die Vorstufe zur Hölle. Der Zweck aller im Reichsgebiet befindlichen »Zigeunerlager« war die Vorbereitung und Durchführung der von Himmler am 8. Dezember 1938 öffentlich angekündigten »endgültigen Lösung der Zigeunerfrage«.

Die intendierte und rassistisch motivierte »endgültige Lösung der Zigeunerfrage« ist nach 1945 lange Zeit geleugnet worden. Vor allem in der BRD. Hier wurden nahezu alle von den Überlebenden eingereichten Anträge auf »Wiedergutmachung« abgelehnt. Dies hielt das höchste westdeutsche Gericht für rechtens. Der Bundesgerichtshof stellte am 7. Januar 1956 fest, dass die Sinti und Roma nicht aus rassistischen Gründen verfolgt und ermordet worden seien. Erst ihre Deportation nach Auschwitz im Frühjahr 1943 sei nicht rechtens gewesen. Zuvor seien sie nur »besonderen Beschränkungen« unterworfen gewesen. Doch dafür seien sie selber wegen ihrer »asozialen Eigenschaften« verantwortlich gewesen.

Das Skandalurteil ist bis heute nicht aufgehoben. 1963 ist es nur leicht revidiert worden. Seitdem sind von westdeutschen Gerichten auch die nach 1938 erfolgten Verfolgungen der Sinti und Roma als nicht mehr rechtmäßig angesehen worden. Dennoch ist das kritische Fazit zu ziehen, dass die »Wiedergutmachung« an den deutschen Sinti und Roma erstens keine war und zweitens daran zweifeln lässt, ob die (alte) Bundesrepublik wirklich ein »Rechtsstaat« war.

Doch kehren wir zum »Zigeunerlager« Marzahn zurück: 1945 sind die wenigen noch im (durch Bomben weitgehend zerstörten) Lager verbliebenen Sinti und Roma von der Roten Armee befreit worden. Die meisten blieben in der DDR. Hier wurden sie wie alle überlebenden (und in der DDR lebenden) deutschen Sinti und Roma als »Opfer des Faschismus« anerkannt und erhielten alle staatlichen Sozialleistungen. Die finanzielle Unterstützung der »Opfer des Faschismus« ist in der DDR niemals als »Wiedergutmachung« bezeichnet worden. Dies finde ich gut. »Wiedergutmachung« ist ein scheußliches Wort. Gleichwohl ist darauf hinzuweisen, dass die DDR auch »Wiedergutmachung« geleistet hat, früher und mehr als in der BRD an Sinti und Roma. Hier unterschied sich die DDR im positiven Sinne von der BRD. Zu kritisieren ist, dass die Geschichte der Verfolgung der Sinti und Roma auch in der DDR unzureichend aufgearbeitet wurde. Da unterschied sich die DDR nicht von der BRD.

In der BRD kam es in den 1980er Jahren zu einem Wandel, hervorgerufen durch die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma. Sie führte medienwirksame Aktionen durch, in denen auf die nicht bewältigte Vergangenheit der Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma und ihre anhaltende Diskriminierung verwiesen wurde. Dies veranlasste einige jüngere Historiker, sich mit dieser fast völlig verschwiegenen Geschichte zu beschäftigen, in enger Zusammenarbeit mit Sinti und Roma, vor allem mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma, Romani Rose. Große Beachtung oder Anerkennung in der professoralen Historiker-Zunft fand das nicht. Im Gegenteil.

Ich zählte zu den (damals) jüngeren Historikern, die auf die »Zigeunerlager« in einigen westdeutschen Großstädten wie Frankfurt am Main und Köln aufmerksam wurden. Vom »Zigeunerlager« in Marzahn wussten wir im Westen so gut wie nichts. Davon habe ich erst durch meinen väterlichen Freund und Genossen Otto Rosenberg (1927-2001) erfahren, der nach seiner Haft im »Zigeunerlager« Marzahn nach Auschwitz deportiert worden ist, auch Buchenwald und Bergen-Belsen überlebte und sich nach 1945 führend in der Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma engagierte - von West-Berlin aus, wo er den Landesverband der Deutschen Sinti und Roma aufbaute und bis zu seinem Tod leitete. Otto Rosenberg vermittelte mir in den 1980er Jahren den Kontakt zu dem Schriftsteller, Umweltaktivisten und Roma-Historiographen Reimar Gilsenbach (1925-2001), dem zu verdanken ist, dass 1986 auf dem Gelände des »Zigeunerlagers« Marzahn ein Denkmal errichtet wurde - meines Wissens das erste deutsche Denkmal für die deutschen Sinti und Roma. Wie kam es dazu?

1985 hatte sich Gilsenbach an den DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker mit der Bitte gewandt, Denktafeln auf dem Gelände der ehemaligen »Zigeunerlager« in Marzahn und Magdeburg anzubringen. Honecker hat die Bitte an das Zentralkomitee der SED weiter gereicht, das die jeweiligen Bezirksleitungen der SED anwies, die geforderten Denkmäler umgehend zu errichten. Mit einer für DDR-Verhältnisse nicht unbedingt typischen Schnelligkeit wurde der Wunsch (oder: Befehl) der Partei erfüllt. Am 12. Oktober 1986 wurde im hinteren Teil des Parkfriedhofs Marzahn eine Gedenktafel angebracht, auf der in kurzen, aber treffenden und keineswegs pathetischen Worten die Geschichte des Lagers erzählt wird, sowie ein Gedenkstein aufgestellt, auf dem zu lesen ist: »Vom Mai 1936 bis zur Befreiung unseres Volkes durch die ruhmreiche Sowjetarmee litten in einem Zwangslager unweit dieser Stätte hundert Angehörige der Sinti. Ehre den Opfern.«

Über die Wortwahl kann man - heute! - streiten. Das ist nicht wichtig. Wichtig und folgenreich war ein Wort: »Zwangslager.« Der Zwangscharakter des »Zigeunerlagers« Marzahn ist damals, 1986, bestritten worden. Nicht im Osten, sondern im Westen. Um ihre Ansprüche durchzusetzen, mussten die ehemaligen Insassen aber den Zwangscharakter des Lagers beweisen. Mit dieser Aufgabe betraute mich Otto Rosenberg. Zusammen mit Ute Brucker-Boroujerdi verfasste ich ein »Gutachten«, das wir 1987 an die entsprechenden Behörden in West-Berlin absandten. Darin wiesen wir darauf hin, dass der Zwangscharakter des »Zigeunerlagers« im Ostteil der Stadt schon lange erkannt und anerkannt ist, was uns im »freien« und »demokratischen« West-Berlin doch etwas nachdenklich stimmen sollte. Die West-Berliner Behörden wandten sich an ihre Ostberliner Kollegen und baten um weitere Auskünfte. Schließlich erkannte der zuständige West-Berliner Senator den Zwangscharakter des »Zigeunerlagers« an. Ich freute mich.

Weniger begeistert war Otto Rosenberg. In einem Interview mit dem SFB erklärte er: »Wir Sinti und Roma haben immer wieder erklärt, dass unsere Inhaftierung im Lager Marzahn Unrecht war. Doch niemand hat uns geglaubt. Warum glaubt man jetzt diesem Professor?« Mit »diesem Professor« war ich gemeint, sonst von Otto Rosenberg stets geduzt. Über diesen Seitenhieb des Freundes habe ich mich zuerst etwas geärgert. Doch ich musste ihm Recht geben. Wir Nicht-Roma hätten den Sinti und Roma wirklich früher glauben und intensiver ihres Leidens gedenken sollen.

In Marzahn geschieht dies seit 1986. Am Gedenkstein finden am 16. Juli jeden Jahres Gedenkveranstaltungen statt. Die Geschichte des »Zigeunerlagers« ist durch Fach- und Laienhistoriker intensiv erforscht worden. Und dort befindet sich seit 2011 auch ein Ort der Erinnerung und Information. In Marzahn wurde die Vergangenheit nicht »bewältigt«, sondern beispielhaft aufgearbeitet. Dort gibt es auch einen Platz und eine Straße, die nach einem deutschen Sinto benannt ist - Otto Rosenberg.

Von FU-Professor Wolfgang Wippermann, Faschismus- und Antiziganismusforscher, erschien 2015 »Niemand ist ein Zigeuner«; 1997 hatte er »Wie die Zigeuner. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich« veröffentlicht.

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