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Die Schönheit von Utøya

Martin Leidenfrost besuchte Oslo fünf Jahre nach dem Massaker des Anders Breivik und traf einen Überlebenden

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 3 Min.

Multikulturalismus, Arbeiterbewegung, Islamismus, LGTBI und die Ästhetik von Massenmord - das Denken, ja Aussprechen dieser nur filigran verbundenen Themen verbietet sich im Grunde. Dennoch musste ich über Utøya nachdenken. Am 22. Juli liegt es fünf Jahre zurück, dass Anders Breivik auf der norwegischen Insel 69 Mitglieder der sozialdemokratischen Arbeiterjugend AUF erschoss. Ich traf einen Überlebenden. Eskil Pedersen war 2011 Chef der AUF, Breivik wollte ihn gezielt ermorden. Der Mörder prägte sich dafür Fotos von Pedersen ein.

Den Anstoß gab mir ein Essay mit einem selten abstoßenden Titel: »Literarische Eloge auf Anders Breivik«. Autor Richard Millet wertete den Massenmörder darin auf weiten Strecken ab, als »exemplarisches Produkt dieser westlichen Dekadenz, in Gestalt eines amerikanisierten Kleinbürgers«, mit »Wikipedia-Kultur« und »infantilem« Lacoste-Shirt. Nach der billigen Provokation im Titel verließ den Autor offenbar der Mut. Von einer »formalen Perfektion« und einer »literarischen Dimension« der Tat wagte er nur in einem Satz zu sprechen. Dabei kann gerade die Bildmacht von Terrorismus über Menschenleben entscheiden: Die einstürzenden Zwillingstürme und die Hinrichtungen des IS übten einen propagandistischen Sog aus, während die Attentäter von Paris und Brüssel ästhetische Nieten waren.

Ich ging in den verwaisten Osloer Regierungsbau. Fotos der Opfer, sympathische junge Leute. Ein Zitat aus der abendlichen Rede des damaligen Premiers Stoltenberg: »Die Antwort ist noch mehr Demokratie.« Bilder aus der Geschichte von Utøya: Als der heutige NATO-Chef AUF-Chef war, wurde ein Transparent »Nato-fri zone« gehisst. Der heutige Generalsekretär des Europarates, Thorbjørn Jagland, tanzte mit Palästinensern. Ich fuhr zwei Metro-Stationen weiter, in das einzige Viertel Norwegens, das den Ruf genießt, die Schreckensvision des radikal wertkonservativen Franzosen Millet abzubilden. Der Stadtteil Grønland war aber einfach nur gemischt. Pakistan, Nahost, Afrika, genug Norweger auch. Gemüsediscounter statt Scharia-Patrouille. Ein Interkulturmuseum widmet den maximal 800 norwegischen Roma eine Dauerausstellung. Das Schockierendste war der Hinweis eines pakistanischen Tuchladens, der Kinder auf den Teppich vor der Kasse verwies.

Eskil Pedersen, 32, homosexuell, trug grüne Wollsocken und eine kompakte Föhnwelle, ein schmaler Haarstreifen an der Oberlippe deutete ein Kavaliersbärtchen an. Er empfing mich beim Schlachthausbetreiber Nortura. 2010 bis 2014 Vorsitzender der AUF, nahm er nun eine Auszeit von der Spitzenpolitik. Es gab einiges, das auszusprechen sich mir verbot. Millets Eloge hatte er nicht gelesen, wie könnte man sie aber auch mit einem Überlebenden diskutieren. Ich fragte nicht nach den Vorwürfen, die man ihm wegen seiner Flucht von Utøya im einzigen Boot gemacht hatte. Da Breivik als Polizist verkleidet mordete, hatte Pedersen einen Staatsstreich vermutet. Ich fragte auch nicht nach den Vorwürfen zur Wiederaufnahme der Sommerlagers. Ich vergaß zu fragen, wo in seiner Arbeiderpartiet die Arbeiter abgeblieben sind.

2016 sah Pedersen in Norwegen »mehr Demokratie«, »die Jugendpartizipation ist höher«. Dass ein kurdisches Flüchtlingskind sein Nachfolger wurde, sei nicht aus Trotz gegen Breivik geschehen. Auch wenn er »nicht viel betet«, unterstützte er bei den Kirchenwahlen die Liste, welche nun die Einführung der kirchlichen Homo­Ehe erzwingt. »Die Religion wird von Extremisten gekidnappt«, sagte er: »Es wäre absurd, die norwegische Kirche für Breivik verantwortlich zu machen.« - »Die predigt auch keine Gewalt.« - »Muslimische Autoritäten auch nicht.« - »Manche Imame schon.« - »Hm.« Den Begriff Multikulturalismus gebrauchte er stets als gesellschaftliche Realität, nie als ideologisches Ziel. »Was hieße das, gegen Multikulturalismus zu sein? Deportationen?«

2015 nahm er wieder am Sommercamp teil. »Kann man denn auf Utøya Spaß haben?«, fragte ich. »Es war so ruhig wie nötig«, erwiderte Pedersen, »wir fanden die Balance. Über Politik diskutieren und dann wieder einfach nur jung sein.« Als ich gegen 16 Uhr ging, arbeitete bei Nortura niemand mehr. Ein Erfolg von insgesamt 65 Regierungsjahren der Arbeiterpartei? Ich ließ einen weiteren Tag in Grønland ausklingen. Das war kein Bekenntnis. Oslo ist die teuerste Stadt Europas, nur in Grønlands polnischer Kaschemme konnte ich mir ein Gläschen leisten.

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