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Eine Klasse für sich

Zu Besuch in einer Willkommensklasse in Friedenau, die seit vier Monaten erfolgreich ist

  • Von Ellen Wesemüller
  • Lesedauer: 4 Min.

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In der Stechlinsee-Grundschule lernen geflüchtete Kinder aus fünf Nationen Deutsch. Zum Erfolg gehören eine Farsi sprechende Lehrerin, ein Erzieher und das Netzwerk des Bezirks.

Die große Pause ist noch nicht um, da sitzen Suriye und Hamid schon auf ihren Stühlen. »Ihr habt doch noch Pause, Leute!«, sagt Erzieher Alexander Schirner, der für fünf Stunden pro Woche in die Willkommensklasse der Grundschule in Friedenau kommt. Doch Suriye hat ihr Heft schon aufgeschlagen und kringelt fleißig Worte ein. Heute geht es um Vokale in der deutschen Sprache. Die Schülerin aus Afghanistan hat bereits alle Worte gefunden, in denen ein ›O‹ vorkommt. Neben ihr räkelt sich Hamid auf dem Stuhl, sein Heft ist noch im Ranzen. »Heft raus, Hamid!«, sagt die Lehrerin Shabnam Amin, als der Gong läutet. »Der Ranzen muss nicht Deutsch lernen sondern du!«

Es kommen noch zwei Nachzügler, dann sind sie für heute komplett: sechs statt elf Schüler. Im Januar wurde die Willkommensklasse eingerichtet, im März kam der erste Schüler. Er sei apathisch gewesen und todtraurig, wollte nur nach Hause: »Wir haben Stunden gebraucht, um ihn dazu zu bringen, von den Eingangsstufen in den Klassenraum zu gehen«, erinnert sich Schirner. Nun, ein halbes Jahr später, sind es bald zwölf Schüler: aus Afghanistan, Syrien, Iran, Serbien, Bulgarien.

»Ist in ›Sonne‹ ein ›O‹, Hamid?«, fragt Amin. Hamid schüttelt den Kopf. »Sonne. Soonne. Sooooonne«, sagt Amin. Hamid nickt. Und kreist das Wort ein. Amin ist als Quereinsteigerin zur Willkommensklasse gekommen. Nach der Geburt ihrer Tochter wollte sie sich beruflich neu orientieren. Lange rief sie vergeblich bei der Senatsverwaltung an, um sich über den Quereinstieg zu informieren. Erst als sie »ein hohes Tier« in der Verwaltung kennenlernt, kann sie machen, was eigentlich kein Problem sein sollte: sich ihren Master in Wirtschaftswissenschaften als erstes Staatsexamen anerkennen zu lassen.

Nach dem Referendariat bewarb sie sich bei der Willkommensklasse. Dass sie Farsi kann, erkannte der Schulleiter als großen Vorteil. Amin weiß, warum Kinder beim Wort »Frosch« zwei Silben klatschen statt einer: »Sie sagen Ferrosch, das ist ein typisches Farsi-Problem.« Wenn die Kinder sie auf Farsi ansprechen, antwortet sie auf Deutsch. Eine Ausnahme macht sie bei emotionalen Themen. »Gestern hat ein Mädchen sehr geweint. Da kann ich nicht verlangen, auf Deutsch zu sprechen.« »›M‹ und ›i‹ ist?« Hamid antwortet nicht mehr auf die Frage seiner Lehrerin. Er kaut an seiner Jacke, Amin nimmt sie ihm weg. Er reibt sich die Augen so stark, dass man Angst bekommt, er steche sie sich mit dem Bleistift aus, den er noch in der Hand hält. »Bist du müde?«, fragt Amin. Hamid nickt. Wann er denn gestern ins Bett gegangen sei? »Elf«, sagt er. »Das ist zu spät, Hamid! Nicht mal Frau Amin geht um elf ins Bett!« Die Lehrerin erzählt, dass außer der flinken Suriye alle Kinder in einer Notunterkunft leben. Der Lärm ist ein Problem. »Oft spielen die Kinder noch bis in die Nacht miteinander«, sagt sie. Manchmal schlafen sie dann einfach morgens aus.

Die Pause naht. »Hat jemand Hunger?«, fragt die Lehrerin. Tatsächlich packen alle Kinder ihre Brotdosen aus. »Das habe ich eingebürgert,« sagt sie stolz. Inzwischen übertrumpften sich die Eltern mit den Gerichten. Nur Chips mit Cola sind tabu. Hamid isst eine Schrippe mit Nutella. »Damit bin ich nicht so«, sagt Amin. »Ich komme auch aus dem Iran, ich weiß, was es bedeutet, kein Nutella zu haben.«

Der Plan der Bildungsverwaltung sieht vor, dass die Kinder nach einem Jahr in eine Regelklasse wechseln. Dass das zu früh ist, wie einige Lehrer bemängeln, kann Amin nicht finden. »Fünf von unseren Kindern könnten sofort gehen«, sagt sie. Aber sie will ihnen die Klassengemeinschaft, die sich gerade auch zwischen den Nationen herausbilde, nicht gleich wieder nehmen.

Warum die Willkommensklasse hier so gut funktioniert, können die beiden nur vermuten. Es gebe im Bezirk ein gutes Netzwerk: viele pensionierte Lehrer, engagierte Eltern. Auch das Bündnis »Friedenau hilft«, unter anderem initiiert von der SPD. »In den Willkommensklassen braucht man so ein Netzwerk«, sagt Amin. Dienstags kommt eine ehrenamtliche Unterstützerin in die Klasse, in den Notunterkünften gibt es ehrenamtliche Hausaufgabenhilfe. Die Schule kooperiert als offene Ganztagsschule mit dem Pestalozzi-Fröbel-Haus, in dem es Nachmittagsangebote für Kinder gibt. Wenn sie einen Wunsch hätte sie gern mehr Material. »Viele Dinge weiß ich nur aus Fortbildungen.« Ein Crashkurs in Deutsch als Fremdsprache wäre schön. »Eine Woche, das würde schon reichen.«

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