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Berlin im Sommer der Widersprüche

Oliver Hilmes hat ein hochpolitisches Buch über die Olympischen Spiele im August 1936 geschrieben

  • Von Monika Melchert
  • Lesedauer: 4 Min.

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Hitlerdeutschland will sich vor der Weltöffentlichkeit von seiner besten, sonnigen Seite zeigen. Zehntausende Besucher aus aller Welt kommen nach Berlin. Man gibt sich in diesen Tagen tolerant. Das gigantische Sportfest täuscht ein friedliebendes Deutschland vor, das es für alle, die genauer hinschauen, längst nicht mehr ist.

Am vorletzten Abend der Olympischen Spiele in Berlin empfängt Propagandaminister Goebbels 2700 geladene Gäste zu seinem überdimensionierten Fest auf der Pfaueninsel. Es wird an nichts gespart und gipfelt um Mitternacht in einem spektakulären Feuerwerk, das den Himmel am Ende blutrot färbt. Die endlose Knallerei der 30 Minuten dauernden Schau erinnert manchen Gast an ein gewaltiges Artilleriefeuer - überdeutliches Signal der deutschen Regierung für das, was bald kommen wird. Denn mit der Abschlussfeier der Spiele am 16. August 1936 ist auch die Zeit der politischen Zurückhaltung vorbei. Oliver Hilmes hat diese sechzehn Tage im August 1936 akribisch recherchiert, und er hat ein hochpolitisches Buch geschrieben.

Schon die Eröffnungsfeier im voll besetzten Olympiastadion zelebriert die angebliche Überlegenheit der Deutschen: die größten, schönsten, bestorganisierten Spiele der Neuzeit müssen es sein. Selbst Richard Strauß hat den Auftrag nicht abgelehnt, die Olympische Hymne zu komponieren. Die Hauptstadt des Nazireichs hat sich präpariert, Schilder mit der Aufschrift »Juden unerwünscht« werden entfernt, die Schaukästen mit Schleichers Hetzblatt »Der Stürmer« verschwinden vorübergehend aus dem Stadtbild, Polizei und Sicherheitsdienst agieren eher im Verborgenen, und sogar eine deutsche Sportlerin jüdischer Herkunft, die Fechterin Helene Mayer, wird in die Olympiamannschaft berufen, gewissermaßen als »Alibi-Jude«. Sonst nämlich hätte es passieren können, dass die US-Amerikaner die Teilnahme abgesagt hätten, dann wäre die Internationalität der Spiele geplatzt und die Blamage groß gewesen.

Das Ganze ist eine bis ins letzte Detail durchgeplante Inszenierung, an der unzählige Hauptakteure beteiligt sind, wie etwa der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, seine Exzellenz Henri de Baillet-Latour, der Reichssportführer, die Botschafter der wichtigsten Länder, und hundert andere offizielle Vertreter. Dem Reichskanzler Hitler wird gehuldigt, so oft er ins Stadion kommt - und das ist beinahe täglich; mit enormem Aufwand dreht Leni Riefenstahl ihren Olympia-Film, insgesamt 400 000 Meter Material, wofür ihr das unglaubliche Budget von 2,8 Millionen Reichsmark zur Verfügung gestellt wird.

Natürlich kommen die bedeutendsten Sportwettkämpfe vor - allen voran die vier Siege und Goldmedaillen des unangefochtenen Stars der Spiele: der afro-amerikanische Leichtathlet Jesse Owens, der den deutschen Sportlern die Show stiehlt -, doch sie stehen keineswegs im Mittelpunkt der Darstellung. Oliver Hilmes hatte den geglückten Regieeinfall, die einzelnen Tage des Sportspektakels aus der Perspektive berühmter oder auch unbekannter Berliner und Besucher erleben und beobachten zu lassen.

Einer der interessantesten ist der US-Schriftsteller Thomas Wolfe, dessen großartiger Roman »Schau heimwärts, Engel« ihn durch seine Ausgabe im Verlag von Ernst Rowohlt auch hier bereits populär gemacht hat. Er liebt Berlin, ist von der Organisation der Spiele begeistert und schwärmt vom Olympia-Stadion als dem schönsten und vollkommensten der Welt. Doch sein Blick verändert sich in diesen Augusttagen merklich, wie sein Tagebuch zeigt, nicht zuletzt durch Gespräche mit seiner Landsfrau Mildred Harnack, die zusammen mit ihrem Mann Arvid Harnack wenige Jahre später als Mitglied der Widerstandsgruppe Rote Kapelle hingerichtet wird.

Man blickt hinter die Kulissen des perfekten schönen Scheins. Hilmes besucht mit seinen Augenzeugen die mondänen Hotels und Nachtbars der Stadt, wie das Eden-Hotel oder die Sherbini-Bar, das Quartier Latin oder das Residenz Casino - und siehe da, man hört in diesen Wochen allenthalben amerikanischen Swing und Jazz. Scheinbar kann nichts den Glanz des Festes trüben, doch nur 30 Kilometer vom Olympia-Stadion entfernt wird das berüchtigte KZ Sachsenhausen errichtet, das so vielen Nazi-Gegnern den Tod bringen wird.

Der Autor, erfahrener und erfolgreicher Biograf (etwa Alma Mahler-Werfel, Cosima Wagner oder Franz Liszt), hat zahllose Archivmaterialien, Tagesberichte, Memoiren von Zeitzeugen usw. ausgewertet. Entstanden ist ein dichtes, packendes Porträt jener sechzehn Tage im August, das das gesamte Deutschland ins Bild fasst, spannend zu lesen wie ein Roman. Er montiert jeweils den »Bericht des Reichswetterdienstes für Berlin« an den Beginn des Kapitels, die täglichen Anweisungen der »Reichspressekonferenz«, Auszüge aus den »Tagesmeldungen der Staatspolizeistelle Berlin« und dazu zeitgenössische Fotografien.

Nicht weniger interessant ist der Schluss des Buches: »Was wurde aus …?«: Oliver Hilmes folgt den Spuren seiner Protagonisten nach dem Ende der Olympischen Spiele weiter bis in die Nachkriegszeit bzw. bis zu ihrem Tod. Darunter sind die Berliner Lyrikerin Mascha Kaléko ebenso wie einige zwielichtige Akteure des Berliner Nachtlebens wie Leon Henri Dajou, doch natürlich auch Sportler wie Jesse Owens und Helene Meyer.

Oliver Hilmes: Berlin 1936. Sechzehn Tage im August. Siedler Verlag, 303 S., geb., 19,99 €.

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