Werbung

Ökonome Schreibtischtäter

Wirtschaftswissenschaftler sagen, das Renteneintrittsalter sollte angehoben werden. Die sollten man Bäcker kennen lernen.

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Die Rente, die geht den Konservativen einfach nicht aus dem Schädel. Also nicht die Rente an sich, sondern das Hinausschieben selbiger. Für alle Arbeitnehmer. Da dachten die größten Optimisten, dass sich nach der Finanzkrise der Neoliberalismus erledigt hätte, immerhin begann der damalige FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher sogar zu glauben, dass die Linke doch recht habe. Es taute im Lager konservativ-journalistischer Hiobsbotschafter. Paradigmenwechsel? Jetzt durchschauen selbst die Frankfurter Allgemeinen die neoliberale Trickserei, hoffte man. Optimismus kam auf. Überall kritisierte man Privatisierung, Deregulierung und schlanken Staat. Das war der Chic jener Tage. All die ursprünglichen Apologeten sahen nun ein, dass dieses System versagt habe. Mensch, selbst der Prof aus dem Institut für Wirtschaftsforschung hatte doch schon immer gewarnt.

Tja, ifo und die Allgemeine, sie sind wieder da. Sie haben nun 160 Ökonomen zur Rente befragt. 84 Prozent von denen sagen: »Rente? Klar, aber erst mit 70!« Da isser wieder, der neoliberale Traum von einer schwer erreichbaren Rente. Von wegen Change ...

Und die FAZ schlachtet das natürlich aus. Strampelt sich ab an Begriffen wie »Renteneintrittsalter« oder »Lebensarbeitszeit« und glaubt sich fachlich gut beraten, wenn das die Herren Wirtschaftsexperten sagen, dann wird das wohl schon economical correctness sein. Wenn Lokführer streiken, dann erklärt man den ganzen Berufsstand zu einem Ausbund an Gier und Unverantwortlichkeit. Aber Ökonomen, die können ganze Gesellschaften an den Rand des Zerfalls beraten, man nimmt sie immer noch für voll, glaubt sie als achtbare Wissenschaftler, als Vertreter einer genauen Wissenschaft gar, die vollumfänglich berechenbar ist. Die mit Zahlen und Kurven Berechnungen anstellen kann und das bis hinter die dritte Kommastelle. So tritt ja der Großteil der Gilde auch auf. Bescheidenheit, das kommt als Tugend in dieser Ökonomie der allgemeinen Ökonomie nicht vor.

Diese Leute sollten das Leben da draußen kennen. Das wäre ihr Beruf. Schließlich gründen ihre Thesen ja auf Prozesse von »da draußen«. Aber wer feist in seinem Sessel am Schreibtisch hockt und einfach mal die Parameter betätigt, den Regler bei der Lebensarbeitszeit hochzieht und damit auch gleich die Schwelle zum Renteneintritt erhöht, der ist nur Fachidiot. Die Arbeitswelt ist keine Matrix aus Kennziffern und Diagrammen. Woher ein Maurer einen Mehrwert an Arbeitsenergie nehmen soll, wenn er bereits mit 59 Jahren seine Bandscheiben spürt wie aufeinandergestapelte Ziegelsteine, das beurteilt diese Ökonomie nie und nimmer. Sie nimmt einfach Zahlen zur Hand und interpretiert das Leben der arbeitenden Leute hinein. Man fummelt daran herum, bis etwas herauskommt, was ökonomisch nachvollziehbar ist, aber halt nicht in die Lebensrealität der meisten schuftenden Leute passt.

Beschwichtigend könnte man sagen, dass das ein Phänomen unserer Zeit ist, den Blick für das Ganze aufzugeben und somit fachliche Qualität einzubüßen. Nicht nur der Ökonomenjob ist davon betroffen. Nehmen wir noch mal einen Bäcker. Der muss heute auch nicht mehr so genau wissen, welches Mehl welche Vorzüge hat. Backmischung anrühren – und fertig ist das Brötchen. Die Sache ist die, wenn das Zeug nachher mau schmeckt und nicht verkauft wird, dann geht seine Existenz baden. Der Ökonom aber, der ruiniert mit seinem fehlenden Bezug zum Ganzen nicht sich selbst, sondern eben das Ganze. Das ist der Unterschied. Andere scheitern an der Nachfrage, weil sie fachlich prekarisieren, doch der Ökonomen ohne Außenbezug steigert sogar seine Nachfrage auf Kosten der Allgemeinheit. FAZ und ifo fragen schließlich immer gerne nach.

Ich kannte tatsächlich mal einen Bäckergesellen. Der ging in eine Großbäckerei. Knochenjob. Ich halte das nicht durch, bis ich 60 bin, beklagte er sich bei mir. Solche Jobs seien nicht dazu gemacht, bis zum bitteren Ende durchgezogen zu werden. Sieh mal einer an, dachte ich mir, der könnte einen praktisch orientierten Wirtschaftsexperten abgeben. Falls einer dieser eigentlichen Ökonomen dann im Tausch einen passablen Brötchenteig anzurühren vermag, würde nicht mal eine Versorgungslücke entstehen.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen