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Und alles wieder von vorne

Der Blog »Am Nullpunkt« erzählt die Lebensgeschichten Geflüchteter - vor ihrer Flucht.

Das tiefe Schwarz des Mittelmeeres in der Nacht hat sie nie gesehen. Aber sie kann, wie alle elf Millionen Menschen, die aus Syrien geflohen sind, das Geräusch einer startenden Rakete nachmachen, nicht dumpf, wie es im Fernsehen klingt, sondern echt schrill, ein säuselndes Pfeifen, das sich im Kopf festdreht und dort für immer bleibt. Hiba al-Bassir kam 2013 mit ihrer Familie, dem Mann Khaled, der Tochter Nujoud und dem Sohn Uqba als Kontingentflüchtling aus Damaskus nach Berlin. Ihr Bruder lebte bereits in der Stadt und konnte für sie bürgen. Hiba spricht fließend Deutsch, sie ist integriert, bevor sie überhaupt ankam. Das Programm war auf Familien wie ihre zugeschnitten. Also stiegen sie in ein Flugzeug und landeten Stunden später in Deutschland. Ihre Reise war keine gefährliche Mittelmeerüberfahrt in einem übervollen Schlauchboot, es gab keine billig hergestellten Rettungswesten ohne Kopfstütze, keine Tränengasattacken beim Versuch, den Grenzzaun zu durchbrechen, keine ersten Nächte in einer zum Lager umfunktionierten Turnhalle. Sie waren vier von insgesamt 20 000 Syrern, die zwischen 2013 und 2015 sicher aus dem Kriegsgebiet entkamen. 20 000. Allein zwischen Januar und Juni dieses Jahres haben 170 000 Syrer einen Erstantrag auf Asyl gestellt. Das Bundesprogramm ist inzwischen ausgelaufen, wird nicht verlängert, in einigen Bundesländern gilt es noch bis Ende des Jahres.

Hibas Geschichte kann jeder im Internet lesen, nicht wegen dieses Artikels, sondern weil sie die Erste war, die bei Conrads Projekt mitmachen wollte. Conrad Menzel ist eigentlich freier Texter, half in einer Kleiderkammer für Geflüchtete in Prenzlauer Berg aus und hatte, als es irgendwann mehr HelferInnen gab als Klamotten zu verteilen waren, die Idee, etwas anderes beizusteuern. Er wollte Geflüchteten ihre Biografie zurückgeben und so entstand der Blog »Am Nullpunkt. Was vorher war«. Es ging ihm nicht darum, spektakuläre Fluchtgeschichten aufzuschreiben, er wollte, dass die Menschen losgelöst von dieser Erfahrung wahrgenommen werden. »Fremd sind sie für uns doch nur, solange wir sie nicht kennen«, sagt Conrad. Bevor der Krieg ausbrach, hatten sie dieselben Träume vom Popstarleben, von einer Familie, der sie etwas bieten wollten oder mussten für ihre Liebe kämpfen. Und so hat er neun Geschichten voller Resignation, Kampf und Hoffnung gesammelt, die die Künstlerin Lina Ernst für den Blog illustriert hat. Zusammen mit anderen trägt er die Biografien sporadisch auf Lesungen vor.

Hibas ist eine davon. Sie sitzt in der Machnower Straße in Zehlendorf an einem mächtigen Holztisch und überblickt ihr kleines Reich, das aus einer Hollywoodschaukel, einer Massivholzkommode, einem Gartentischensemble und einer Couchgarnitur besteht. Die kleine Frau im karierten Baumwollhemd und den klobigen Wanderschuhen wirkt etwas verloren an diesem riesigen Tisch, aber da kennt man sie noch nicht wirklich. Hiba hat zusammen mit ihrem Mann vor einem halben Jahr ein Möbelgeschäft eröffnet und wartet auf Kundschaft. »Es könnte wirklich besser laufen«, sagt sie. Bei der IHK hatte die nette Beraterin gesagt, es würde bei allen Neugründern eine Anlaufphase brauchen, bis es richtig losgeht. Einen Tisch, sechs Stühle und eine Sonnenliege haben sie bis jetzt verkauft, das war im April. Die restlichen Möbel aus teurem afrikanischen Holz, die sie in einem günstigen Moment mit einem Container aus Syrien nach Berlin verschifft haben, stapeln sich im Lager.

Dass Entschlossenheit ohne Geduld nichts ausrichten kann, hat Hiba schon früh gelernt. Jedes Jahr im Sommer saß sie als Kind mit ihrem jüngeren Bruder auf dem weiten Grundstück ihres Vaters außerhalb von Damaskus und hütete Schafe, die der Vater ihnen anvertraute. Jeden Morgen um fünf Uhr standen die beiden auf, trieben die Tiere auf die Weide und das in den Ferien. Am Ende jedes Sommers stellte der Vater die gleiche Frage, was sie mit dem Geld anstellen wollten, das er für die Schafe bekam. Hibas Bruder nahm jedes Mal das Geld, sie kaufte davon neue Schafe. Das Land wurde zum Refugium ihres Vaters, nachdem sich Hafis al-Assad, Vater des heutigen Präsidenten Baschar, 1971 an die Spitze des Staates geputscht hatte. Hibas Vater war unter Assads Vorgänger Armeegeneral gewesen und dem Nachfolger nun zu gefährlich geworden. Also wurde er entlassen. Fortan arbeitete er als Bauunternehmer und erwarb das Grundstück, auf dem Hiba und ihre Geschwister im Sommer mit anpacken mussten. »Ich habe genug Kinder, ich brauche keine Arbeiter«, sagte er zu ihnen. Als gebrochenen Mann hat sie ihn nie erlebt, obwohl er nach seiner Entlassung nie wieder über Politik sprach. Ein Schweigen gegenüber staatlicher Willkür, das junge Syrer noch heute ihren Eltern und Großeltern vorwerfen. Stattdessen musste es immer irgendwie weitergehen. Das hat auch Hiba verinnerlicht, bis heute.

Ihr Leben ist ein Baum mit vielen Verästelungen, immer wieder wurde er an einer Stelle beschnitten, bildete dafür woanders umso stärkere Triebe aus. Nach der Schule begann sie ein Studium als Bauzeichnerin. Die Theorie langweilte sie zu Tode, trotzdem zog sie ihr Studium durch und machte anschließend ein Praktikum in einem Museum in Damaskus und entdeckte ihre Leidenschaft für die Restauration antiker Fundstücke. Auf Grabungen empfohlen ihr deutsche Kollegen ein Studium in Berlin. Wieder Hörsäle, wieder Bibliotheken, wieder keine frische Luft. Aber vielleicht war das der Schritt zu viel, den sie gehen musste? Und so zog sie zusammen mit zwei Freundinnen Anfang der 1990er in eine WG in der Schönhauser Allee. »Die Wohnung war der absolute Luxus. Fünf Zimmer, ein riesiges Wohnzimmer für alle.« Inzwischen war sie schon mehrere Male dort, um zu sehen, was aus dem Haus geworden ist. Bisher hat sie sich nie getraut zu klingeln. Drei Jahre lang studierte sie an der Freien Universität Archäologie, bis ihr auch hier die Lektüre die Luft abschnürte. Sie brach ab und ging nach Mainz ans Römisch-Germanische-Zentralmuseum, um dort eine Ausbildung zur Restauratorin zu machen. Weil sie dort nicht sofort anfangen konnte, machte sie ein unbezahltes Praktikum und lernte nebenbei, wie es in der Nachtschicht bei McDonald’s zugeht. Nach dem Abschluss, so dachte sie, würde sie als erste ausgebildete Restauratorin nach Syrien zurückkehren, die Jobs würden ihr zufliegen. Außerdem wartete Khaled auf sie, den sie in ihrem ersten Studiengang im Kurs Technisches Zeichnen kennengelernt hatte. Fünf Jahre nutzte Hiba jede Grabung, an der sie teilnehmen konnte, um nach Damaskus zu fliegen. Mal trafen sie sich in Adana, in der Südtürkei, mal in Ägypten, je nachdem, wohin die Flüge am billigsten waren. Nach fünf Jahren in Deutschland wollte sie zurück nach Hause.

Khaled hatte inzwischen die Kleiderbügelfabrik seines Vaters übernommen, obwohl er viel lieber im Architekturbüro arbeitete. Sein Vater, nicht das größte Organisationstalent, überließ ihm eine chaotisch geführte Fabrik. Das Zeichnen konnte er vergessen, jetzt schrieb er Schichtpläne und sortierte Rechnungen. Zwei Biografiechamäleons hatten sich gefunden. Die erste Restauratorin Syriens fand zu ihrer Überraschung nirgends eine Stelle und so hangelte sich Hiba von Werkvertrag zu Werkvertrag. Bis zu diesem Tag im Jahr 2004, als ein Mitarbeiter in der Fabrik ihres Mannes unachtsam war. Tausend Quadratmeter brannten aus. Die Maschinen waren zum Glück verschont geblieben, aber die komplette Produktion hinüber. Hiba war klar, dass Khaled die Fabrik nicht aufgeben würde und so renovierten die beiden neben ihrer Arbeit die Hallen.

Schließlich gab es mal Zeit zum Luftholen. Khaled beschloss, dem kleinen Uqba ein Pferd zu kaufen, das er auf dem Fabrikgelände unterbrachte. Reiten war Khaleds große Leidenschaft gewesen, seit er ein kleiner Junge war. Aus einem wurden bald 27 Pferde. Sie beschäftigten drei Reitlehrer, drei Stallburschen und eine Putzkraft, während die Fabrik parallel weiterlief und Hiba, eben noch Restauratorin, zur Reitschulleiterin wurde. In Syrien, wo das Reiten traditionell den Regierungsmitgliedern überlassen ist, machten sie mit ihrem Club schnell auf sich aufmerksam. Uqba, der mit sieben Jahren schon mehrere Turniere gewonnen hatte, wurde von den Wettkämpfen ausgeschlossen, weil es angeblich zu gefährlich für das kleine Kind sei. Trotzdem kamen Cousinen Assads auch in ihren Club, um zu trainieren. Hibas Ablehnung war subtil, aber bestimmt. Sie behandelte sie einfach wie alle anderen. Trainingsstunden waren im Voraus zu bezahlen, mit den dicken Autos durften sie nicht aufs Gelände. Als ein hohes Regierungsmitglied einmal einem Reitlehrer extra Geld zusteckte, damit der sich intensiver um seinen Sohn kümmert, nahm sie das Geld und gab es ihm vor allen anderen zurück. Hiba ähnelt in ihrer Starrköpfigkeit ihrem Vater sehr, der einmal, als er an einem Checkpoint zwischen Libanon und Syrien mit Bananen, die in den 80ern Luxusgüter in Syrien waren, erwischt wurde, lieber mit dem Auto drüberfuhr, als sie dem Grenzer zu überlassen.

2012 begannen die ersten Bombardements um Damaskus herum. Es war bald niemand mehr da, der Reitunterricht nehmen wollte, und niemand, der ihre Möbel und Kleiderbügel kaufte. Gleichzeitig strömten immer mehr Menschen aus den zerstörten Teilen des Landes in die Hauptstadt. »Die Reitturniere der Regierung gingen weiter, als ob nichts passiert wäre«, sagt Hiba. Eines Tages, Uqba war gerade auf die Straße zu einem Süßigkeitenladen gelaufen, schlug eine Bombe in der Nähe ein. Für Syrer war es normal geworden, sich in solchen Situationen nicht mehr zu fragen, was passiert ist, sondern wo es passierte, erzählt Hiba. Sie zogen zu ihrem Bruder, der in einer hügeligen Gegend von Damaskus wohnte. Für ihre Bekannten war Hiba schnell zu einer Art Nachrichtensender geworden. »Jedes Mal, wenn eine Bombe irgendwo einschlug, riefen sie mich an und ich sollte ihnen erklären, wo sie als nächstes nicht mehr hinkonnten.« An dem Tag, an dem die Familie beschloss, ihre Heimat zu verlassen, ritten die Kinder gerade auf den Pferden. Hiba hatte sich auf ihren Lieblingsplatz gesetzt, um sie zu beobachten. Sie trank Tee, als im Sekundentakt Raketen aus der Abschussbasis nebenan abgefeuert wurden. Und in den Gesichtern der Kinder sah sie keinen Schrecken, keine Angst mehr. Da war ihr klar, sie müssen gehen.

Lesung aus »Am Nullpunkt« (www.amnullpunkt.de), 19.7., 19 Uhr, Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Franz-Mehring-Platz 1, Berlin

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