Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Geschichte und Geschichten

Unterwegs in Zypern von Nikosia nach Paphos, das 2017 Kulturhauptstadt Europas wird.

Ein Déjà-vu. Wer sich in Nikosia (politisch korrekt: Lefkosia) direkt am Grenzübergang zwischen griechischem und türkischem Teil der Hauptstadt in das Café »Unterwegs« setzt, fühlt sich in die Zeit des Kalten Krieges versetzt. Zum Schutz der Gäste sind Sandsäcke aufgetürmt, und ein paar Meter weiter versperrt Stacheldraht den Weg. Spätestens beim Spaziergang durch die Umgebung, der an der Taverne mit dem treffenden Namen »Checkpoint Charlie« vorbeiführt, erkenne ich, dass alles nur Kulisse ist. Zypriotische Türken und zypriotische Griechen leben zwar getrennt, doch seit Jahrzehnten friedlich miteinander auf ihrer Insel. Der Grenzübertritt mitten in der geteilten Hauptstadt verläuft für Einheimische und Touristen problemlos.

An diesem Grenzübergang und an den anderen Übergängen der Green Line genannten Pufferzone halten UN-Soldaten Wache. Zu tun haben sie kaum etwas. Die Soldaten der UNFICYP, der United Nations Peacekeeping Force in Cyprus, sind übrigens schon seit 1964 auf der Insel und nicht erst seit dem Einmarsch türkischer Truppen in den Nordteil der Insel im Jahr 1974. Sicherten nach der Teilung 14 000 Soldaten die Pufferzone, sind es heute nicht einmal mehr 1000. An die unruhigen Zeiten vor dem türkischen Einfall erinnern noch zwei gepanzerte Limousinen des umstrittenen Erzbischofs Makarius, der damals Ministerpräsident war. Die Staatskarossen, ein Mercedes 600 und ein Cadillac, sind beim Palast des Erzbischofs ausgestellt. »Makarius wird geehrt, aber nicht verehrt«, sagt mein Reiseleiter Demetris.

Und dann gibt er mir den Tipp, in den elften Stock des Schiacolas Tower zu fahren. Von dort habe ich einen tollen Blick über die letzte geteilte Stadt Europas. Schilder im Tower erklären gut, was zu sehen ist. Altstadt und moderne Neustadt sind in beiden Teilen der Stadt durch eine venezianische Festungsmauer getrennt. Sie war noch nicht fertig, als die Stadt 1571 vom Osmanischen Heer erobert wurde. Holzbalkone an liebevoll restaurierten Häusern erinnern an die osmanische Zeit.

Wenn Zypern 2017 an der Reihe ist, wird nicht Nikosia, sondern Paphos neben dem dänischen Aarhus Kulturhauptstadt Europas. Hier liegen die zwei größten Sehenswürdigkeiten der Insel, die sogenannten Königsgräber und die römischen Mosaiken. Der Aufstieg von Paphos begann mit der Teilung Zyperns. Nach der türkischen Invasion fehlten dem griechischen Teil der Mittelmeerinsel ein internationaler Flughafen und attraktive Badestrände. Mit Airport und 28 000 Urlauberbetten ist Paphos nach Agia Napa, wo es 31 000 Betten geben soll, die zweitgrößte touristische Siedlung. Die vielen Hotels liegen weit entfernt von der Innenstadt. Mit mittelalterlichem Kastell, Minarett, Türkenviertel und neoklassizistischen Bauten der britischen Kolonialzeit ist diese durchaus einen Besuch wert.

Zwischen 300 vor Christus und 400 nach Christus war Paphos die Hauptstadt von Zypern, und zwar unter den Ptolomäern und den Römern. 600 Jahre lang haben die Ptolemäer die sogenannten Königsgräber für Bestattungen genutzt. Die in den Naturstein gehauenen, unterirdischen Begräbnisstätten waren nicht für Könige gedacht, die es zu jener Zeit gar nicht gab, sondern für die reiche Oberschicht. Auf dem weitläufigen Gelände gab es erheblich mehr Gräber, aber sie wurden über Jahrhunderte als Steinbrüche benutzt. Nun stehen die Gräber längst unter dem Schutz des UNESCO-Weltkulturerbes.

Diesen Status hat der Archäologische Park von Paphos noch nicht erreicht, auch wenn er ihn verdient hätte. Die einzelnen Ausgrabungen sind überdacht und über Stege leicht zugänglich. Sie führen zu römischen Mosaiken, die Villen reicher Bürger zierten. Die Mosaiksteine in fast allen denkbaren Farben sind aus Naturstein von Zypern zurechtgehauen. Einige Mosaike sind riesig - das in der Villa des Prokonsuls sogar 9000 Quadratmeter groß! Im Haus des Dionysos zeigt mir Demetris zwei Mosaike, die zwar nebeneinander liegen, doch 600 Jahre trennen. Das eine aus dem Jahr 300 v. Chr., also aus vorrömischer Zeit, ist aus unbearbeiteten, runden Schwarz-Weiß-Steinchen geformt, das andere aus der Zeit von etwa 300 n. Chr. ist ein meisterhaftes Bild aus fein bearbeiteten farbigen Steinen.

Demetrios gönnt mir keine Mußestunden am Strand. Er brennt darauf, mir nahezubringen, was den griechischen Teil der Insel für Urlauber so wertvoll macht: Historie auf Tritt und Schritt beispielsweise. Mittelalterliche Burgen der Frankenherrschaft wie die von Kolossai oder die Burg in Limassol, in der sich das Mittelaltermuseum Zyperns etabliert hat, Fahrradrouten, Wanderwege und Weintrails. Der Weinanbau erlebt zurzeit eine Renaissance. Junge Winzer wie Angelos Tsangarides in Lemona lassen ihn in einer Handvoll von Kleinbetrieben aufblühen. »Als ich 1985 zum ersten Mal nach Zypern kam, gab es auf der Insel nur zwei Weine, einen weißen und einen roten«, erzählt ein belgischer Freund, der auf der Terrasse des kleinen Weinguts einen Sonnenuntergangswein genießt, »aber beide waren ungenießbar.« Das hat sich geändert. Angelos Tsangarides produziert 200 000 Flaschen im Jahr. »Die meisten Weine der Insel stammen von der Traube Xynisteri«, erklärt er. Ihr Vorteil: Sie ist reblausresistent. Auf Geheiß der EU, deren Vorschriften zum Weinbau er wohl nicht exakt einhielt, musste ein anderer, auf Zypern sehr bekannter Weinproduzent das Handtuch werfen: der Abt des Klosters Chrysorrogiatissa hoch über Paphos. Er hat den passenden Namen Dionysios und ist ein Bilderbuchmönch, mit langem Bart, wallenden Haaren und klugen, freundlichen Augen. Die blicken todtraurig, als er uns durch seinen stillgelegten Weinkeller führt. Die alten Geräte würden sich gut in einem Weinmuseum machen.

Wie gesagt: Historie auf Tritt und Schritt. Da wundert’s mich nicht, dass selbst auf dem Gelände des Minthis Hills Golf Clubs ein Kloster aus dem 12. Jahrhundert steht. Drei 18-Loch-Plätze und ein 27-Loch-Platz stehen Golfern zur Verfügung. Sie sind wieder mehr gefragt, seit es dem einstigen Sorgenkind der EU finanziell wieder besser geht. »Alle im ganzen Land haben auf ein Drittel ihres Lohns verzichtet«, berichtet Joke Alexandrou, Managerin des Golfklubs, »das hat geholfen.« Demetris liefert den Grund für diese Disziplin und die gute Wegbeschilderung, die perfekte Betreuung auf Ausflügen, den zufriedenstellenden Service in Restaurants und Hotels: »Wir sind keine Griechen, wir sind griechische Zyprioten. Mit dem Ordnungssinn und Organisationstalent der Briten.« Zypern war von 1925 bis 1969 britische Kronkolonie.

Glück hatten die zypriotischen Griechen, dass ihnen bei der Teilung der Insel Aphrodite, ihre Werbeikone, geblieben ist. Die Göttin der Liebe und Leidenschaft ziert jeden zweiten Prospekt und viele Markenartikel. Der Mythos weist sogar die Stelle aus, wo sie gebadet haben soll. Das »Bad der Aphrodite«, eine kleine, baumbestandene Felsgrotte, liegt auf der Halbinsel Akamas. Sie ist ein herrliches Wandergebiet am Westzipfel der Insel mit schönen Ausblicken aufs Meer. Hier soll sich Adonis der Legende nach in die Badende verliebt und mit ihr ein ehebrecherisches Verhältnis begonnen haben. Auf halbem Weg zwischen Paphos und Limassol liegt der wohl schönste Strand der Insel, Petra tou Romiou mit bizarren Felsformationen. Er gilt als Geburtsort der Aphrodite. Sie hätte sich keinen schöneren aussuchen können. Ihre Geburt, so schildert es der griechische Dichter Hesiod, war eine recht unappetitliche Geschichte: Kronos schnitt seinem Vater Uranos den Penis ab und warf diesen ins Meer. Samen und Blut schäumten im Wasser auf, und diesem Schaum entstieg Aphrodite. »Gut für uns, dass sie in Zypern an Land gegangen ist«, stellt Demetris fest und grinst.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln