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Mit Traurigkeit im Herzen

David Brown ist Polizeichef von Dallas und Gesicht des nationalen Schocks. Von Max Böhnel , New York

Nach den tödlichen Schüssen eines Heckenschützen, der in Dallas fünf Polizisten umbrachte und neun weitere Beamte und zwei Zivilisten verletzte, wurde der Polizeichef der texanischen Millionenstadt USA-weit bekannt. David Brown gilt seither als das »Gesicht des nationalen Schocks«.

Einen großen Auftritt hatte der Afroamerikaner, als ihm mit den Obamas, den Bidens und den Bushs gleich drei Präsienten- und Vizepräsidentenehepaare zuhörten. »Stellt euch das Jahr 1974 vor, ich mit einer Afrofrisur und engen bunten Hosen mit Schlag«, sagte er auf der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Anschlags. Dann trug Brown Liebeslyrik der Rythm-and-Blues-Ikone Stevie Wonder (»As«) vor. Kein Redner erhielt mehr Applaus. Wenn der 55-Jährige spricht, dann gehen von ihm mit seinem kahl rasierten Kopf, der schwarzen Brille mit den dicken Rändern und der picobello sitzenden Uniform Strenge und Präzision aus. Dazu kommen messerscharfe Sätze, die mit sanftem Timbre vorgetragen umso überzeugender wirken.

In der Nacht der Morde konnte Brown seine Erschütterung hinter der eisernen Miene nicht mehr verbergen. »Wir sind verletzt, unser Berufsstand ist verletzt, die Polizisten von Dallas sind verletzt, wir sind untröstlich«, sagte er mit bebender Stimme. Tödliche Schüsse und Mord begleiten ihn nicht nur von Berufs wegen, sondern auch in seinem persönlichen Umfeld. Vor 28 Jahren war sein engster Kollege und Freund getötet worden. Nur kurz nach seinem Amtsantritt als Polizeichef wurde einer seiner Untergebenen erschossen - von David Browns eigenem Sohn, der psychisch krank war. Der junge Mann tötete daraufhin noch einen weiteren Menschen, bevor er selbst im Schusswechsel mit der Polizei seines Vaters starb. Brown sagte damals in einer öffentlichen Erklärung »Meine Familie hat nicht nur einen Sohn verloren, sondern auch einen Polizeikollegen und einen Bürger, die unserem Sohn zum Opfer fielen. Es tut so weh, dass ich für die Traurigkeit in meinem Herzen keine Worte finden kann.«

Als ihn diese Woche ein Journalist nach seinem Selbstverständnis in der Kluft zwischen Polizist und Afroamerikaner fragte und wie er die überbrücke, antwortete Brown trocken-sauer: »Schwarz bin ich schon eine ganze Weile, eine Brücke gibt es da nicht.« Für ihn sei das Leben in einer Gesellschaft »mit ihrer langen Geschichte von rassistischen Ressentiments« Normalität. Es sei heute nicht mehr so schlimm wie zu seiner Jugend, aber es gebe noch vieles abzuarbeiten - ganz besonders »in unserem Beruf«.

Präsident Barack Obama hatte die Polizei von Dallas schon vor seinem Besuch gelobt. Browns Behörde könne anderen im Land als Vorbild gelten, weil sie unter seiner Führung bürgernah agiere und durch ihr Verhalten Beschwerden über polizeiliche Übergriffe drastisch gesenkt habe. Tatsächlich ist der Polizeichef von Dallas dem Weißen Haus kein Unbekannter. Bereits zweimal erläuterte Brown in Washington, wie er innerhalb seiner Behörde Transparenz herstellt. Dazu stellte er den Institutionen des Bundes und dem Kongress statistisches Material zur Verfügung, das sämtliche polizeilichen Zugriffe in Dallas auflistet und analysiert.

Dass ein Polizist die Waffe zieht und schießt, hatte es in der Millionenmetropole Dallas bis zum Donnerstag in diesem Jahr erst einmal gegeben. Noch im dritten Jahr von Browns Amtszeit als Behördenchef saß seinen Beamten die Waffe ziemlich locker. 2012 gaben sie in 23 Fällen Schüsse ab. Der Wendepunkt erfolgte im Sommer desselben Jahres, nachdem ein weißer Polizist im südlichen Teil von Dallas einen unbewaffneten Schwarzen umgebracht hatte. Als sich das Gerücht verbreitete, das Opfer sei in den Rücken geschossen worden, und Hunderte von wütenden Anwohnern die Polizei anzugreifen drohten, verordnete Brown seinen Untergebenen sofort Deeskalationstaktiken und antirassistische Aufklärung.

Er untersagte zum Beispiel Autoverfolgungsjagden wegen der hohen Wahrscheinlichkeit von Todesfällen und schickte Beamte auf Fußpatrouille in Wohnviertel, um das Vertrauen mit den Bürgern wiederherzustellen. Daneben gehören die Geschichte des Rassismus und der Bürgerrechtsbewegung zum Pflichtprogramm der Beamten von Dallas. Neben diesem Konzept des »community policing« pflegt Brown einen kompromisslosen Führungsstil.

Harsche Kritik äußerte David Brown an Black-Lives-Matter-Demonstranten. Wie ein Patriarch, der seine wild gewordenen Kinder zurechtweist, wandte er sich an sie: »Hört auf zu protestieren und füllt ein Bewerbungsschreiben aus. Wir schicken euch dann in euren Kiez und helfen euch bei der Lösung der Probleme, gegen die ihr protestiert.«

Brown kritisiert aber auch, dass jedes gesellschaftliche Versagen zur Lösung auf die Polizei abgewälzt werde: »Nicht genug Geld für psychische Gesundheit - sollen sich die Cops drum kümmern. Nicht genug Geld für Drogenentzug - lass die Cops ran. Das Problem mit streunenden Hunden in Dallas - die Cops sollen sie einfangen. Versagende Schulen - her mit den Cops. 70 Prozent der Afroamerikaner werden von alleinstehenden Frauen großgezogen. Sollen die Cops doch auch dieses Problem lösen«, klagte Brown vor laufenden Kameras.

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