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Grundgesetz: die Abseitsregel

Zum Tod des ungarischen, europäischen Schriftstellers Péter Esterházy

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Literatur entsteht nicht aus Fantasie, sondern aus - Angst vor Fantasie. Wer fabuliert, wer sich also in allen Möglichkeiten der Existenz verlieren kann, der ist dem Schrecken stets näher als der tumbe Rationalist. Dieser zählt nüchtern Gründe auf, wo der Fantasiebegabte (-geschlagene!) schon in Abgründe stürzt. Der Logiker rechnet aus, der Träumende malt aus. Fantasien bildeten die unwiderstehliche Welt des Péter Esterházy. Der ungarische Romancier - studierter Mathematiker und zunächst ein praktizierender Datenverarbeiter - war ein Meister der grabdunklen Absurdität. Als öffneten sich abgedichtete Grüfte und ließen lauter gestautes, irres Lachen (oder sinnig-listiges Lächeln) in die Luft der Menschen steigen. Er ist einer der heitersten Virtuosen des modernen Verfalls gewesen, der alogischen (also ideologischen) Verstiegenheiten, der grotesken Verbindungen von stocksteifer Gesellschaft und schräger Individualität.

Vor Jahrzehnten schrieb Esterházy den Roman »Hilfsverben des Herzens«, ein Buch über das Sterben seiner Mutter. Später dann der Roman »Ohne Kunst«. Da tauchte noch einmal zentral die Mutter auf - und der Schriftsteller unbändig als Dichtender: Er fabuliert, er wirbelt alles durcheinander, er durchstreift die Zeiten, als seien sie nur eine einzige Zeit, und sein Hauptkapital, mit dem er arbeitet, ist die natürlichste Sehnsucht jedes Menschen: ein ganz anderes Leben zu führen. So entstand ein turbulentes, kauzig-witziges Spiel mit der eigenen Familiengeschichte in diesem harten, harschen zwanzigsten Jahrhundert. Eine Epoche aus mühsam bewahrter Bürgerlichkeit und rigide zurechtweisendem Stalinismus.

Überhaupt: die Familie. Alter ungarischer Adel. Der Hauskomponist hieß Joseph Haydn. Esterházys Großvater war 1917/18 ungarischer Premier. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Verbannung in ein Dorf: Der Frieden begann mit dem Krieg gegen die Paläste, die den Esterházys freilich lange abhanden gekommen waren. Der Vater, der offizielle Klassenfeind, war Held des großen Romans »Harmonia Caelestis«, Esterházys Liebeserklärung an einen »verarmten« Melancholiker inmitten kulturloser Bedrängungen durch einen ungeliebten Sozialismus. Bis sich als teuflische Wendung herausstellte, dass der Vater jahrelang heimlicher Mitarbeiter der ungarischen Stasi war - der Sohn schrieb daraufhin eine »Verbesserte Ausgabe« des huldigenden Werkes. Aufersteht der Vater in der Prosa des Jungen - und ihm wird die Gnade eines frühen Todes beschert. Die Freiheit der Poesie als Rettung vor den Anfechtungen durch die gnadenlosen Widersprüche des Lebens. Es war, als habe der Sohn den Vater aus der kruden Realität hinausgelächelt - Esterházys Lächeln war simplizianische Rebellion. Der Leidensliebreiz als notdürftiges Kostüm über der nackten blöden Wahrheit.

Im erwähnten Roman »Ohne Kunst« geht es auch um Fußball. Nämlich: Die Nähe des Todes ruft letzte Fragen auf den Plan - etwa jene nach der Abseitsregel. Nichts ist tröstender, als einer leidenden Mutter just diese Regel zu erklären - während sie auf dem Sterbebett liegt, ein Mensch, ans Gewirr der Schläuche gefesselt. Als erkläre man einem Fortgehenden noch einmal das Kernproblem des Daseins: das große Abseits. Wer Fußball erklären kann, erklärt Gottes Werk, der unser aller Schiedsrichter ist: »Die Unberechenbarkeiten der Existenz«, so Esterházy, »folgen letztlich doch einem Plan, aber jeder Dienst an diesem Plan befeuert nur neue Unberechenbarkeiten.« Oder, um vom Fußball auf ein anderes Glücksspiel überzuleiten: Man setzt auf Schwarz oder Rot, aber die Kugel rollt unentwegt ins Bunte. Immer schöpfte der ungarische Autor seinen beißenden Spott aus der Lächerlichkeit der Linientreuen inmitten der Geschichtszufälle. »Produktionsroman« hieß sein erstes Buch, eine knallkalte Satire auf die Scheineffizienz des sozialistischen Plan-Chaos.

Esterházy, 1950 geboren, verstand sehr viel vom Fußball (ein Bruder spielte in den Achtzigern in der ungarischen Nationalelf), also hat er mit jedem Roman auch ein philosophisches Buch geschrieben, und das Philosophieren ging ihm so von der Hand, wie der Ball gern vom Fuß ins Weite springt: Die Prosa mäandert, die Sätze hüpfen, fließen, verzweigen sich, springen zur Seite, jedes Komma, jedes Semikolon ist kein Verwandter des abschließenden Punktes, sondern ein Bote neuer Anfänge. Besonders frei, so sagte der Autor, könne man die alten Geschichten »um die Fußballplätze herum« erzählen. Die erwähnte sterbende Mutter geht in erlöstem Zustand ins höhere Spielfeld, die Abseitsregel intus, und wer weiß, ob in den Engeln ihres gewiss kommenden Paradieses nicht weit Edleres steckt: tolle Flügel-Stürmer ...

Esterházy (»Kleine ungarische Pornographie«, »Donau abwärts«, »Die Markus-Version«) liebte die Collage, das Episodische, und oft genug hat er das Geringe und Gewaltige, das Hochpolitische und Tiefmenschliche zu einer liebevoll komponierten Schelmiade verknüpft. Seine Themen: die ungarische Nationalmannschaft in Bern 1954, der Budapester Aufstand, die mürbenden Zeiten des Kommunismus, das fortwährende Aufsässigsein gegen eine Reduktion des Menschen auf jene Funktionalität, der die guten, mußevollen Momente wie etwas Unbotmäßiges abgerungen werden müssen. Der Künstler, der sich an quälendem Parteikaisertum rächte, indem er in seiner Ohnmacht erbarmungslos komisch und zärtlich wird. In seinen Pointen setzte er nicht den gültigen interpretatorischen Punkt; die Wahrheit verbreitet sich im Leser wie eine Ahnung, und eine Ahnung ist immer Mehrdeutigkeit, Diffusität. Alle Böden geben nach, das Bündige fasert sich auf; das Offene, Irrationale macht unruhig. Aufreißt das Wesen einer Welt, in der kleine Leute die Rechnungen der Großen bezahlen. Und (siehe den Vater) alle Erlösungsideen vom Christentum vor allem eines übernehmen: den Verrat.

So formte sich eine Welt, in der, wer überleben will, irgendwann nicht mehr genau trennen kann zwischen Verzweiflung und Witz, zwischen Melancholie und Zynismus. Aus dem Zwielicht schält sich der Regenbogen. Er verschwindet, das Zwielicht bleibt. Finsternis, »die sich erst Morgenröte nannte und jetzt als Orbánismus unsere Himmel verdüstert«. So kürzlich Esterhàzy, der 2004 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. Nun ist der Schriftsteller im Alter von 66 Jahren an Krebs gestorben.

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