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Unterirdischer Streit

Architekten beklagen Ignoranz bei der Sanierung von U-Bahnhöfen

Schlechten Umgang mit dem baukulturellen Erbe attestieren Architekten den Verkehrsbetrieben. Eine könnte klagen.

Ab kommenden Mittwoch endet die U 9 von der Osloer Straße kommend die ganzen Sommerferien lang bereits am Walther-Schreiber-Platz. Nach 42 Jahren Betrieb sanieren die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) das Endstück bis zum Rathaus Steglitz. »Wir müssen unter anderem eine Asbestsanierung durchführen. Das geht nicht bei laufendem Betrieb«, begründet U-Bahn-Bauchef Uwe Kutscher die Sperrung. Auch der lange vernachlässigte Bahnhof Schloßstraße muss runderneuert werden.

Das beunruhigt Ursulina Schüler-Witte. Gemeinsam mit ihrem 2011 verstorbenen Mann Ralf Schüler hatte sie den ikonischen Bahnhof in Sichtbetonarchitektur mit hochglänzenden roten, tiefblauen und gelben Einbauten damals entworfen. Ein Gesamtensemble mit der darüberliegenden Straßenbrücke und dem seit Jahren leerstehenden Turmrestaurant Bierpinsel. Bekanntestes Bauwerk aus der Feder des Architektenpaares ist das Kongresszentrum ICC am Funkturm in Charlottenburg. Um all diese Gebäude steht es nicht gut. »Was ich bisher an Sanierungsplänen der BVG für die Schloßstraße kenne, ist wie eine Karikatur unseres Werks«, sagt sie. »Es gibt so viele Baustellen, um die ich mich gerade kümmern muss«, seufzt die 83-Jährige.

»Wir hatten anfangs überlegt, ob wir den Bahnhof nicht in einem anderen Stil gestalten«, sagt Bauchef Kutscher. »Wenn man aber einen Teil verändert, dann passt es nicht mehr«, so die Erkenntnis. Da es sich um einen stilbildenden Bahnhof handele, wolle man ihn auch möglichst originalgetreu wieder herrichten. Ein Problem gebe es allerdings. »Wir dürfen im Tunnel keinen Kunststoff mehr verwenden.« Die originalen Wandverkleidungen sind aus PVC.

Ursulina Schüler-Witte bekam schließlich per Post Fotos von der BVG. »Das waren flache, bedruckte Metallplatten, ohne originales Relief. Nicht mal der Farbton stimmte«, berichtet sie. Das seien nur erste Versuche gewesen, versichert Kutscher, »wir arbeiten inzwischen an der Konturierung«. Auch der Zaun in der Bahnsteigmitte soll verschwinden, der das tote Gleis der einst geplanten U 10, zu der hier umgestiegen werden sollte, abteilt. »Das war eine Notlösung vor zehn Jahren, damit nicht Obdachlose oder Menschen, die sich erleichtern wollen, in den ungenutzten Tunnelabschnitt laufen«, sagt Kutscher. Wenn in einigen Jahren die Signale erneuert werden, soll auch dieses Gleis eine Verbindung zur U 9 erhalten. »Ich kann mir vorstellen, dann historische Züge auf der bisher ungenutzten Bahnsteigseite abzustellen«, so Kutscher. Bisher stehen diese Züge die meiste Zeit für die Öffentlichkeit unsichtbar in Depots. Die Architektin bleibt skeptisch. »Ich lasse das alles wieder rausreißen, wenn das nicht meinem Entwurf entspricht«, kündigt sie an. Das Urheberrecht gibt ihr große Mitsprachemöglichkeiten.

Protest gegen den Umgang der BVG mit dem architektonischen Erbe der Nachkriegsmoderne regt sich auch woanders. So kritisierte der Bezirksbürgermeister von Mitte, Christian Hanke (SPD) im März die »ahistorische, die ursprünglich herausragende gestalterische Qualität zerstörende« Modernisierung des Bahnhofs Birkenstraße. Einwände wurden mit Verweis auf die fortgeschrittene Planung von der BVG zurückgewiesen.

In einem offenen Brief, unterzeichnet unter anderem vom Architekturhistoriker Ralf Liptau, wird der »unsensible Austausch von Details, Beschilderungen und Mobiliar« bei vielen Modernisierungen kritisiert. Die Architektenkammer unterstützt das Anliegen. »Wir tauschen nur Elemente aus, die sich nicht bewährt haben, zum Beispiel weiche Aluminiumbleche, die nicht stabil sind«, sagt Uwe Kutscher.

»Was uns sehr stört ist, dass die BVG absolut blockt«, sagt Liptau und fordert frühzeitigere Informationen zu Sanierungen. »Wenn die Stationen originalgetreu in einen guten Zustand gebracht werden, dann erkennt auch die Bevölkerung deren architektonische Qualität.«

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