Von René Heilig

Die türkische Armee gehört nicht Erdogan

NATO-Mitglied, IS-Frontland, politische Truppe: Hintergrund über das Militär in der Türkei, das seit 1960 bereits vier zivile Regierungen gestürzt hat

Die türkischen Streitkräfte – sie haben eine Gesamtstärke von über 500.000 Mann – nehmen seit Gründung des Landes eine wesentliche politische Funktion ein. Laut Verfassung haben sie den Auftrag, auf jegliche Bedrohungen des Staates, egal ob sie von außen kommen oder im Innern entstehen, angemessen doch entschieden zu reagieren, um die Sicherheit des Landes jederzeit zu gewährleisten.

Das könnte nun dem Staatspräsidenten, der formal der Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist, beinahe auf die Füße gefallen sein. Die Beziehungen zwischen Erdogan und »seinen« Soldaten waren noch nie vertrauensvoll. In den 13 Jahren, in denen der jetzige Präsident Recep Erdogan noch Premier war, versuchte er die Truppe, die relativ weltlich ausgerichtet ist, zu marginalisieren. Erdogan hat seit geraumer Zeit zudem interne Probleme mit dem Generalstab, dessen Chef die Streitkräfte operativ führt.

Vor allem die auf vielen Gebieten versuchte Einflussnahme durch Erdogan auf den Syrien-Konflikt stößt den Soldaten übel auf. Sie befürchten, das die Türkei in den Konflikt, dessen Lösung nicht in Sicht ist, hineingezogen werden. Türkische Generäle wollen keine eigenen Truppen nach Syrien entsenden. Sie versuchen die Beziehungen zu den westlichen Verbündeten stabil zu halten. Die Politik des Staatspräsidenten macht das derzeit nicht leicht. Gerüchte über einen möglichen Militärputsch kursierten seit dem Frühjahr. Es wurden Spekulationen verbreiten, laut denen die US-Regierung sich bemüht, Erdogan wieder politisch »einzufangen«. Die Militärführung dementierte und schwor Treue. Dennoch wurden in der jüngeren Vergangenheit über 230 Militärs vor Gericht gezerrt, doch die Justiz wagte nicht, sie wegen der Vorbereitung eines früheren Putschversuches zu verurteilen.

Die türkischen Teilstreitkräfte sind modern ausgestattet und gut trainiert. Das Heer beispielsweise verfügt über 14 Panzer- und 14 mechanisierte Brigaden. Die sind hoch mobil und vor allem mit deutschen Leopard-Panzern ausgerüstet. 350 gehören der modernsten Generation an, ebenso viele sind älteren Baujahres. Top ausgerüstet sind auch die Luftstreitkräfte, von denen Teile nach Augenzeugenberichten an dem »nicht autorisierten Einsatz« über Ankara teilnehmen.

Seit 1952 ist die Türkei Mitglied der NATO und deren wichtigste Stütze an der südlichen Flanke. Im Rahmen der nuklearen Teilhabe können türkische Flugzeuge mit nuklearen Waffen bestückt werden. Die lagern unter US-Aufsicht auf den Luftwaffenstützpunkt Incirlik, wo derzeit auch deutsche Tornados stationiert sind. Nach Angaben des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr ist es dort, wo deutsche Soldaten mit ihrer Technik stationiert sind, in der Nacht des Putschversuches ruhig geblieben. Der Einsatz verlaufe normal, hieß es. Die Maschinen fliegen für die US-geführte Anti-IS-Koalition Aufklärungseinsätze. Auch deutsche Betankungsflugzeuge sind von dort aus im Einsatz. Beim NATO-Rat in Warschau hat die Allianz sich entschlossen, mehr Unterstützung beim Einsatz gegen den Islamischen Staat anzubieten. Das betrifft vor allem AWACS-Maschinen. Die fliegenden Gefechtsstände sollen auf Wunsch der Türkei in die Region verlegt werden.

Die türkischen Streitkräfte haben seit 1960 bereits vier zivile Regierungen gestürzt. Dass ein Militärputsch eigentlich nicht mehr in das Bild einer NATO-Armee passt, scheint die Generäle nicht davon abgehalten zu haben, einen fünften Versuch zu starten.

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken