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Wut und Angst in den Straßen Istanbuls

Auf dem Taksim-Platz protestieren Menschen gegen die Armee. Auch Kritiker von Erdogan sind dabei. Es fallen Schüsse

Es sind Stunden der Angst und der Unsicherheit in Istanbul. Teile der Stadt wirken am Abend wie ausgestorben, nachdem die ersten Meldungen über einen Militärputsch die Runde machen. Später strömen die Einwohner zu Tausenden auf die Straßen, nachdem Präsident Recep Tayyip Erdogan zu Protesten gegen die drohende Machtübernahme des Militärs aufgerufen hatte. Auch auf dem Taksim-Platz im Zentrum Istanbuls versammelten sich tausende Demonstranten. Vor drei Jahren war der Ort noch Schauplatz von Massenprotesten gegen die türkische Regierung - in der Nacht zum Samstag richtet sich die Wut der Demonstranten aber gegen die Armee.

»Die Menschen haben Angst vor einer Militärregierung«, sagt Dogan, der wie tausende andere Einwohner der Millionenmetropole auf die Straße ging. »Die meisten von ihnen haben ihren Armeedienst abgeleistet. Sie wissen, was eine Machtübernahme des Militärs bedeuten würde.« Als ein Hubschrauber über den Taksim-Platz fliegt, buhen die Demonstranten und strecken dem Helikopter ihre geballten Fäuste entgegen.

Dann bricht Panik aus, als Soldaten das Feuer eröffnen. Mindestens drei Menschen werden angeschossen. Ein Mann liegt blutend auf dem Boden. »Die Armee ist dafür verantwortlich! Mörder!«, ruft ein Augenzeuge. Kurz darauf räumt ein Großaufgebot der Polizei den Platz, die Demonstranten fliehen in die umliegenden Straßen. Während Sanitäter die Verletzten versorgen, sind vereinzelte Schüsse zu hören.

Auch in anderen Teilen Istanbuls kommt es in der Nacht zu gewaltsamen Zusammenstößen. Ein AFP-Fotograf beobachtet, wie Soldaten auf Zivilisten schießen, als diese eine der abgeriegelten Bosporus-Brücken zu Fuß überqueren wollen. Dutzende Menschen werden verletzt.

Vor den Bankautomaten bilden sich nach den ersten Meldungen über einen Putsch lange Schlangen, in den Supermärkten decken sich die Menschen mit Wasservorräten ein, um dann zu Hause die Nachrichten zu verfolgen.

Auch Gegner des Präsidenten stellen sich in dieser Nacht hinter die Regierung des umstrittenen Staatschefs. Er sei kein Anhänger der regierenden AKP und Erdogan sei kein »großer Demokrat«, sagt etwa der Start-up-Gründer Güney Köse. »Aber ein Staatsstreich ist keine Lösung. Ich habe Angst vor einem Bürgerkrieg.«

Die Türkei habe schon zu viele Putsche erlebt, sagt auch Ali, der trotz der angespannten Lage am Abend in einer Bar im Stadtteil Besiktas sitzt. »Dieser Putsch ist schlecht für uns, er wird uns um 20 Jahre zurückwerfen.« Als das Staatsfernsehen verkündet, die Armee habe das Kriegsrecht ausgerufen und eine Ausgangssperre verhängt, eilen auch Ali und seine Freunde nach Hause.

Wenige Stunden später erklärt die Regierung den Putsch, in dessen Verlauf mindestens 90 Menschen getötet wurden, für gescheitert. Danach sind weiter vereinzelte Schusswechsel zu hören. Am Samstagmorgen bemühen sich die Behörden, zur Normalität zurückzukehren. Sie öffnen die Bosporusbrücken, die noch in der Nacht von Putschisten belagert waren, wieder für den Verkehr. AFP/nd

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