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Schweigen, Wortschwall, Traum

Ein Band stellt »Berliner Gedichte von heute« vor

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Wenn einer von wer weiß woher seinen ersten Berlin-Besuch plant und statt eines gängigen Reiseführers dieses Buch in die Hände bekommt, was würde der sich für ein Bild von der Stadt machen? Seine Bewohner scheinen diesen Ort jedenfalls innig zu lieben: »vott im himmel über berlin/ laß es dünnschiß schiffen/ & frieren, daß es hagelt// für jetzt & für immer« (Bert Papenfuß). Sie nehmen eine fordernde Haltung gegenüber den Behörden ein, wenn es um die Strukturierung der Verwaltungseinheiten geht: »wir verlangen, dass kreuzberg,/ ehemals kreuzberg, wieder kreuzberg,/ ehemals kreuzberg, wird« (Tom Bresemann). Aber Touristen gegenüber sind sie aufgeschlossen und um freundliche Ratschläge nicht verlegen: »Bitte verhalten Sie sich so, wie auch Sie behandelt werden wollen./ Bloß weil Sie im Urlaub sind, müssen Sie sich nicht so benehmen./ Denn sonst kommen wir nächste Woche mal in Ihr Heimatdorf./ Wir sind dreieinhalb Millionen und die meisten von uns hätten Zeit« (Thilo Bock).

So viel Zeit haben diese Berliner, dass sie - statt im dichten Verkehr nervös auf ihre Hupen zu hämmern, statt aus klimatisierten Bürotürmen kalte Kalkulationen auf die Welt zu hetzen, statt in Erdgeschossagenturen Bedeutsamkeit zu produzieren - den ganzen Tag Gedichte schreiben. Beziehungsweise nachts. Denn dann erst »sind die Dörfer, die dieses Stadtgeflecht ergeben, real, und hinter den Fenstern, die weit nach Mitternacht noch Licht haben, sitzen die neuen Wachen Berlins und genießen die Stille, die sie hören lässt, was sie schreiben«. So jedenfalls fassen die Herausgeber Martin Jankowski und Birger Hoyer, selbst Dichter, das Wesen der Poeten, deren Gedichte sie in ihrem Band »Nachtbus nach Mitte« versammelt haben, in einen Gedanken.

Zeit sollte sich auch nehmen, wer die Stadt- und Seelenschluchten, die sich da Seite um Seite, Vers um Vers, Wort um Wort auftun, fühlend und verstehend erkunden möchte. Als Reiseführer für Eilige ist dieses Buch ungeeignet. Als Pendel, die Abgründe hinter den sensiblen Stirnen der in Berlin verlorenen Sinnsucher und Sprachspieler auszuloten, gibt es einiges her. »Nicht in den Straßen«, schreiben die Herausgeber, sondern »in den Augen der Leute haust die Geschichte, abends auf den Stühlen, in den Bars und Betten tritt sie zutage: Als Schweigen, als Wortschwall, als Traum.«

Bei fünfzig Dichtern - längst namhaften wie Günter Kunert oder Joachim Sartorius, hochgelobten wie Jan Wagner oder Marion Poschmann, aber auch ganz jungen und weithin unbekannten wie Martin Piekar (Jg. 1990) - haben Jankowski und Hoyer nach Berlingedichten gefragt. Neben einer Vielzahl andernorts bereits gedruckter Poeme enthält die Auswahl, die nun in sechs Abteilungen in ihrem Band gebündelt ist, auch einige Erstveröffentlichungen. Sympathisch, wie weit die Wendung »von heute« hier ausgelegt ist. Denn auch Gedichte einiger längst verstorbener Poeten wie Uwe Greßmann, Thomas Brasch oder Thomas Kling sind enthalten - »weil ihre Texte, nicht sie selbst, noch so lebendig sind«.

Martin Jankowski, Birger Hoyer (Hg.): Nachtbus nach Mitte. Berliner Gedichte von heute. Verlag für Berlin-Brandenburg, 184 S., geb., 18 €.

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