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Sinnloses Leiden im Labor

In Tierversuchen gewonnene Daten sind häufig nicht auf den menschlichen Organismus übertragbar

Tierversuche seien nötig, sagen deren Befürworter, um den medizinischen Fortschritt voranzutreiben. Neuere Studien lassen daran erhebliche Zweifel aufkommen.

2014 wurden in Deutschland fast drei Millionen Tiere für wissenschaftliche Versuchszwecke verwendet. Darunter waren rund 1,9 Millionen Mäuse, 362 000 Ratten, 106 000 Kaninchen, 14 000 Schweine, 4 600 Hunde und 128 Rhesusaffen. Sie kamen vor allem in der Grundlagenforschung, bei der Entwicklung neuer Therapien und Medikamente sowie der Sicherheitsprüfung von Wirkstoffen zum Einsatz. Viele der eigens für die Forschung gezüchteten Tiere starben während der Experimente oder wurden anschließend getötet.

Nicht nur für Tierschützer wirft diese Praxis gravierende ethische Probleme auf, zumal Versuchstiere gewöhnlich wie Messobjekte und nicht wie Schmerz empfindende Lebewesen behandelt werden. »Deshalb ist auch die faktische Frage, ob Tierversuche für den Menschen nützlich sind, moralisch irrelevant«, meint der österreichische Tierethiker Helmut F. Kaplan. »Es gibt viele Dinge, die nützlich wären, aber dennoch unmoralisch und verboten sind, zum Beispiel Menschenversuche.« Bei »höher« entwickelten Tieren und solchen, die Menschen nahe stehen, tendiert die öffentliche Meinung teilweise in ähnliche Richtung. Laut einer in der Schweiz durchgeführten repräsentativen Umfrage lehnen rund zwei Drittel der Eidgenossen Tierversuche mit Hunden ab, selbst wenn diese neue medizinische Erkenntnisse bringen würden. Bei Nagern hingegen, der größten Gruppe der Versuchstiere, sind moralische Bedenken weitaus weniger ausgeprägt. Hier lassen Menschen sich eher einreden, dass es für den medizinischen Fortschritt notwendig sei, eine gewisse Zahl an Mäusen und Ratten zu opfern.

Dabei geben inzwischen selbst Befürworter von Tierversuchen zu, dass die Qualen der Tiere im Labor häufig in keinem Verhältnis zum erbrachten Nutzen stehen. Denn in klinischen Studien an Menschen erweisen sich viele Daten aus Tierversuchen als unbrauchbar. Mehr noch können Substanzen, die Mäuse, Ratten, Hunde oder Affen problemlos vertragen, bei Menschen zu schweren Schädigungen führen. Man denke an den Contergan-Wirkstoff Thalidomid, der an erwachsenen Ratten und Mäusen ohne Beanstandung getestet worden war. Als man ihn für Schwangere freigab, brachten nicht wenige Frauen schwer missgebildete Kinder zur Welt.

In Deutschland sterben jedes Jahr schätzungsweise 58 000 Menschen an Nebenwirkungen von Arzneien, die sich zuvor im Tierexperiment bewährten. Andererseits kommt manch wirksames Medikament nicht auf den Markt, weil es im Tierversuch Probleme verursacht. Wäre zum Beispiel Aspirin einem heute üblichen Test unterworfen worden, gäbe es das weltweit beliebteste Schmerzmittel vielleicht gar nicht, denn bei mehreren Tierarten wirkt Acetylsalicylsäure (ASS) erbgutschädigend.

All das sind deutliche Hinweise darauf, dass Tiere nur bedingt als Modelle taugen, um physiologische Prozesse bei Menschen zu simulieren. Vieles funktioniert im tierischen Organismus anders: Blutkreislauf, Stoffwechsel, Immunsystem etc. Laut einer Studie des Toxikologen Thomas Hartung von der Johns Hopkins University in Baltimore sind fast 60 Prozent der in Tierversuchen als giftig eingestuften Substanzen für Menschen ungiftig. Auch künstlich hervorgerufene Erkrankungen verlaufen bei Tieren oftmals anders als bei Menschen, die die gleiche Krankheit haben. Typisch für viele Erkrankungen und Verletzungen sind Entzündungen, die unter anderem die Aktivität der Gene verändern. Um entzündungshemmende Medikamente zu testen, werden gewöhnlich Mäuse verwendet. Wären die kleinen Nager ein guter Modellorganismus für den Menschen, müsste die Genaktivität in beiden Fällen zumindest ähnlich sein. 2013 überprüfte ein Forscherteam um Shaw Warren vom Massachusetts General Hospital in Boston dies erstmals. Die Wissenschaftler entnahmen dabei Blutproben von über 400 Menschen mit größeren Wunden, Verbrennungen und leichten Vergiftungen und analysierten die genetischen Veränderungen in den weißen Blutkörperchen. Diese verglichen sie anschließend mit der Genaktivität von Mäusen mit ähnlichen Schädigungen.

Ergebnis: Durch die Entzündungsreaktionen wurde in den menschlichen Zellen die Aktivität von rund 5500 Genen verändert. 4900 dieser Gene findet man auch im Erbgut von Mäusen. Doch nur ein Drittel davon zeigte bei Entzündungen eine veränderte Aktivität. Das heißt: Menschen reagieren auf Entzündungen viel stärker als Mäuse. Warren führt dies auf die unterschiedliche Beschaffenheit der Immunsysteme zurück. So können Mäuse, anders als Menschen, verdorbene Nahrung verzehren, ohne daran zu erkranken. Die tödliche Dosis Bakterien liegt bei Nagern um eine Million Mal höher als bei Menschen.

Aber nicht nur in der Forschung, auch bei der Ausbildung von Human- und Veterinärmedizinern gelten Tierversuche nach wie vor als eine Art Goldstandard. »Die Studenten lernen, wie man mit Tieren forscht, und arbeiten später natürlich so weiter. Alternativen werden kaum unterrichtet«, sagt Brigitte Jenner vom Bündnis Tierschutzpolitik Berlin. Mitunter schadet es sogar der Karriere, lehnen Wissenschaftler Tierversuche ab.

Doch was könnte an deren Stelle treten? Neben Computersimulationen wären das vor allem In-vitro-Verfahren, um neue Wirkstoffe an menschlichen Zell- oder Gewebekulturen zu testen. Erfolgreich genutzt im Labor werden hier unter anderem Kulturen von Nerven-, Haut- und Herzmuskelzellen. Aber auch chirurgische Eingriffe lassen sich am Modell wie an einem Flugsimulator trainieren. Dennoch seien solche Verfahren nicht überall anwendbar, meint Wolf Singer vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung. Denn an Gewebekulturen könne man die Organisation und Funktionsweise von Organen ebenso wenig studieren wie Verhaltenseffekte von Organismen.

Entgegen einem verbreiteten Vorurteil haben Wissenschaftler, die Tierversuche durchführen, durchaus ein Gespür für die Ambivalenz ihres Tuns. »Wir stehen in einem Konflikt zwischen zwei miteinander unverträglichen ethischen Verpflichtungen«, so Singer. Einerseits seien er und seine Kollegen bemüht, Krankheiten beherrschbar zu machen und damit menschliches Leid zu lindern. Andererseits gelte es, die Integrität und das Leben von Tieren zu bewahren.

Obwohl ein generelles Verbot von Tierversuchen derzeit utopisch erscheint, sollte in der Forschung zumindest versucht werden, deren Zahl auf das Nötigste zu reduzieren. Gänzlich unnötig sind Tierversuche zum Test von Kosmetika. Das sehen längst auch viele Verbraucher so. Der Deutsche Tierschutzbund (DTB) unterhält deshalb eine sogenannte Positivliste, aus der jeder entnehmen kann, welche Hersteller und Vertriebsfirmen tierversuchsfreie Kosmetika anbieten.

www.tierschutzbund.de

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