Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Schräge Vögel aus New York

In der Komischen Oper begeistern Les Ballets Trockadero de Monte Carlo mit Parodien bekannter Tanzklassiker

  • Von Karin Schmidt-Feister
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Trocks sind Teil der US-amerikanischen Schwulenbewegung der 60er Jahre. Sie starteten als Geheimtipp der Off-Off-Broadway-Szene und gründeten 1974 eine professionelle Kompanie in New York. Seither haben sich mehrere Männer-Generationen, allesamt bestens ausgebildete klassische Tänzer, der Parodie bekannter Tanzklassiker verschrieben. Der Name der Kompanie erinnert humorvoll an das innovative Tournee-Tanzprojekt der Ballets Russes von Serge Diaghilew mit Sitz in Monte Carlo seit 1911. Die internationalen »Ballerinen« (Absolventen der Ballettakademien in den USA, China, Kuba, Kolumbien, Italien, Ungarn, Spanien) tragen aberwitzige russische Künstlernamen.

Berlin gibt den Auftakt für die diesjährige Deutschland-Tournee der fantastischen Comedy-Ballerinen, die sie danach auch nach Köln, Mannheim und Stuttgart führt. Diesmal brillieren die Trocks nicht auf den Bühnen von Schillertheater oder Admiralspalast, sondern auf der schrägen Bühne der Komischen Oper. Die mit fünf Prozent Neigung tückischste Bühne für jede klassische Ballerina meistern die Travestie-Ballerinen als Odette, Esmeralda, Kitri, Schwanenmädchen, Feen und Zigeunerinnen und in den männlichen Parts souverän; die virtuos präsentierten Pannen sind stets wohlkalkulierter Teil der Show!

Froschquaken. Kräftige Männerkörper in großen Spitzenschuhen stemmen den zweiten Akt »Schwanensee« (nach Lew Iwanow) in Kleinstbesetzung vor nebelumwallten Burgkulisse. Als Siegfried mit der Armbrust auf Odette trifft, fiebert die Schwanenkönigin im Tutu mit weißen langen Handschuhen ihrer Befreiung entgegen. Die Zuschauer kommentieren jede der pantomimisch übertriebenen Gesten des stummen Dialogs. Acht zickige Schwanenmädchen in weißen Kleidern umkreisen und gängeln Benno. Betörend leichtfüßig mit inszenierten Macken tanzen sie den großen Walzer. Natürlich offeriert der kleinste Schwan im berühmten Quartett mehr als nur eine falsche Kopfhaltung. Odette (Nadia Doumiafeyva alias Philip Martin-Nielson) kokettiert nuancenreich zwischen Benno und Siegfried und kostet mit der Allüre einer Starballerina die Armbewegungen und die eigenen Pirouetten genüsslich aus. Wie Rotbart die Schwanenmädchen von der Bühne scheucht, die erhoffte Erlösung missglückt und Odette laut schreit, überrascht.

Das sich auflösende Feder-Tutu im Solo »Der sterbende Schwan« (nach Michail Fokin) bleibt dabei ein Trocks-Markenzeichen. Doch über das Gelingen einer Parodie entscheidet die Besetzung. Leider gestaltet Lariska Dumbchenko (Raffaele Morra) mit behaarter Brust die Bewegungsnuancen zu grob, zu vordergründig. Ihre vierminütige Interpretation ignoriert den schmalen Grat zwischen Komik und Tragik. Der Arsch geht ihr nicht wirklich auf Grundeis, die Verbeugungsorgie bleibt Behauptung.

Seit dem Todesjahr des US-amerikanischen Choreographen Merce Cunningham 2009 interpretieren die Trocks dessen »Patterns in Space«, in dem Tanz und Musik emotionslos völlig unabhängig voneinander existieren. Auf der einen Bühnenseite zelebrieren drei Tänzer in Samt-Trikots und Schläppchen schreitende Bewegungssequenzen gegeneinander, während andererseits Lariska Dumbchenko (Rafaelle Morra) und Vellour Pilleaux (Paul Ghiselin) als Musikerpaar frei nach John Cage mit Anklängen an die Berliner Luft alle Klangregister ziehen: Mit ernster Miene schauen sie in ihre Noten und erzeugen mit Schneebesen, Rasierapparat, Papiertüten, rotierender Kette und blubberndem Wasser einen Sound, der das Publikum zu immer neuen Lachsalven animiert.

Übertriebene Gebärden, falsche Griffe, Kopfhaltungen und etliche Zutaten in Kostümierung und Requisiten ergeben eine einmalige Tanzmixtur. Die tänzerische Gestaltungskunst erlebt in den wohldosierten Tanzparodien der Klassiker nach Marius Petipa ihren Höhepunkt. Ungemein faszinierend, wie Nina Immobilashvilli (Alberto Pretto) als schwermütige Esmeralda, durch eine Pille von Sehnsucht angetrieben, ihre Walzervariation trippelt! Bravourös, wie sich Yakaterina Verbosovich (Chase Johnsey) als Kitri und Ilya Bobovnikov (Matthew Poppe) im humorvoll temporeichen Genrebild »Don Quixote« die Seele aus dem Laib tanzen! Ganz erstaunlich, wie in diesem Slapstick-Feuerwerk der Trocks der Zauber der Originalchoreografien aufblitzt und in seiner Schönheit und Eleganz besticht.

Gastspiel mit zwei Programmen bis zum 24. Juli in der Komischen Oper Berlin

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln