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Flüchtlinge protestieren für bessere Unterbringung

Rund 40 Bewohner aus Notunterkünften demonstrieren vor dem Berliner Messezentrum

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 3 Min.
Flüchtlinge protestieren für bessere Unterbringung

Eine Frau sitzt mit drei Kindern auf dem Boden. Aus Plastikschüsseln essen sie Reis mit Gemüse. Hinter ihnen stehen ein paar Zelte, dahinter Absperrgitter und gut 20 Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen in orangenen Warnwesten. Sie sorgen dafür, dass die rund 40 Menschen, die sich vor dem ICC gesammelt haben, nicht unter das großzügige Vordach des Gebäudes vorrücken. Aus Brandschutzgründen werden die Eingänge frei gehalten, sagen die einen. Schikane, sagen die anderen.

Die 40 Menschen sind Flüchtlinge, die bisher in der Notunterkunft in der Messehalle 25 untergebracht waren. Die wird nun geleert, um Platz für die kommende Funkausstellung zu machen. Die meisten Familien wurden in anderen Heimen untergebracht, wo die Bedingungen besser sind als in der Messehalle. Die Schmidt-Knobelsdorf-Kaserne zum Beispiel, wo sie ihre eigenen Räume haben. Manche aber wurden in die Unterkunft im ICC verwiesen. Alleinreisende Männer sollen in die Hangars nach Tempelhof. Das wollen sie aber nicht. Als sie am Mittwoch aus der Messehalle ausziehen mussten, setzten sie sich vor das ICC. Donnerstagnachmittag waren sie noch immer dort.

Flüchtlinge protestieren für eine Unterbringung vor dem Berliner ICC
Flüchtlinge protestieren für eine Unterbringung vor dem Berliner ICC

»Wir gehen nicht nach Tempelhof«, sagt Saeed Al-Hassan. Der Syrer spricht Englisch und übersetzt für seine Mitstreiter. »Wir haben alle mindestens fünf Monate in der Messehalle gelebt, manche sogar zehn. Wir haben gelebt wie Vieh. Mäuse sind zwischen unseren Füßen herum gelaufen. Uns wurde von Anfang an versprochen, dass wir bald in bessere Unterkünfte ziehen können, in denen wir auch Privatsphäre haben. Dann hieß es, die Messehalle wird geschlossen und wir kämen in Gemeinschaftsunterkünfte. Alle. Jetzt sollen wir wieder in eine Halle.«

Al-Hassan ist sauer. Die Unterbringung in Wohnungen oder einer Gemeinschaftsunterkunft steht ihnen nach spätestens sechs Monaten zu. So sieht es das Asylbewerberleistungsgesetz vor. »Wir waren in mehreren Gemeinschaftsunterkünften, in denen uns gesagt wurde, dass sie freie Plätze haben.« Aufnehmen können diese aber nur, wenn die Flüchtlinge einen entsprechenden Zettel vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) vorweisen können. Ein Mann meldet sich zu Wort. Sein Sohn lebe in einer Notunterkunft im Schwalbenweg in Treptow-Köpenick. »Die haben Platz, ich könnte da einziehen!« lässt er übersetzen. Aber das LAGeSo lasse ihn nicht.

»Was die Flüchtlinge nicht wissen«, sagt Detlef Wagner, er ist beim LAGeSo zuständig für den Standort ICC: »Es gibt in den kommenden Tagen eine Vielzahl von Freizügen von Turnhallen.« Die Flüchtlinge sollten aus der dortigen bedrängten Situation endlich ausziehen können und die Hallen für den Sportunterricht wieder freigegeben werden. »Wir halten die Hangars für eine wesentlich bessere Unterkunft.« Dort gebe es eine bessere medizinische Versorgung und bessere Einrichtungen für Kinder.
Mitarbeiter von »Moabit hilft« kommen mit einem Auto und bringen Getränke und Essen. Auf Geländern hängen Schlafsäcke, die im kurzen aber heftigen Regenschauer nass geworden sind.

Ein Kind weint, andere vertreiben sich die Zeit mit Spielen. Ein kleiner Junge schiebt seinen Ärmel hoch und zeigt einen dicken roten Punkt: Ein Wanzenbiss, sagt Al-Hassan, das sei ärztlich bestätigt. Auch eine junge Frau zeigt eine Reihe roter Punkte auf ihrem Arm, die schon etwas verblasst sind. Das ist der Grund, warum die Familien nicht in die Unterkunft im ICC gehen wollen. »Dort gibt es Wanzen«, sagt Al-Hassan.

Im ICC sollen sich außerdem zwei Familien eine Wohnung teilen mit nur einem Zimmer und 40 Quadratmetern. »Wir wollen nichts weiter als ein bisschen Privatsphäre«, sagt Al-Hassan. Er würde auch gerne Deutsch lernen, aber weil er noch immer keine Anerkennung als Flüchtling erhalten hat, darf er keinen Intergrationskurs besuchen. »Ich lerne trotzdem. Mit Youtube.« Aber in einer Notunterkunft auf engem Raum mit anderen Flüchtlingen sei an Lernen kaum zu denken. Deshalb protestieren sie weiter für eine bessere Unterbringung. »Wir bleiben hier. Wenn es sein muss eine Woche. Oder länger.«

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