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Gericht verweigert Russlands Rettung

Der CAS bestätigt die kollektive Sperre gegen russische Leichtathleten. Nun rückt der Komplettausschluss näher

  • Von Tom Mustroph, Lausanne
  • Lesedauer: 5 Min.

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Der Sportgerichtshof CAS schickt Russlands Leichtathleten auf die Quarantänestation und verwehrt ihnen den Zugang zu Olympia. Das IOC ist nun aufgefordert, eine generelle Entscheidung zu treffen.

Russlands oberste Sportfunktionäre hatten fünf Jahre lang immer eine wichtige Entscheidung zu treffen: »Save« (retten) oder »Quarantine« (Quarantäne)? Immer wenn im Moskauer Dopingkontrolllabor die positive Probe eines russischen Sportlers vorlag, wurde schnell eine Informationskette zur Antidopingagentur RUSADA und in die oberste Etage des Sportministeriums hergestellt, um erst einmal herauszufinden, um welchen Sportler es sich handelte. Und dann fiel Sportstaatssekretär Juri Nagornich die Cäsarenaufgabe zu. Er entschied, ob die Dopingprobe weiter analysiert wird und die Ergebnisse ordentlich dokumentiert werden, oder ob der Analyseprozess angehalten und die Notiz »negativer Test« in den Akten festgehalten wurde.

Mindestens 319 Mal sagte Nagornich zwischen 2011 und 2015 »Save« - und »rettete« damit einen Athleten vor der Dopingsperre. Einmal, so legen es E-Mails nahe, griff sogar sein Chef, Sportminister Witali Mutko, höchstpersönlich ein und bewahrte den ausländischen Profi eines Fußballklubs der ersten russischen Liga vor einer Dopingsperre. Mutko war einst selbst Mitarbeiter vom Champions-League-Teilnehmer Zenit Sankt Petersburg,

Am Donnerstag war nun einem dreiköpfigen Panel des Internationalen Sportschiedsgerichtes CAS die Cäsarenfunktion zugefallen: Dürfen russische Leichtathleten an den Olympischen Spielen in Rio teilnehmen oder nicht? Sie entschieden klipp und klar »nein« und bestätigten die zuvor vom Antidopingtribunal des Weltverbands IAAF beschlossene Nichtzulassung von 67 der 68 nominierten russischen Sportler, die sich nach der Komplettsperre ihres Landesverbands um eine Ausnahmegenehmigung bemüht hatten.

»Das Schiedsgericht hat die Gültigkeit der Entscheidung der IAAF bestätigt. Dies geschah unter Anwendung der der Regeln 22.1 und 22.1A der IAAF-Wettkampfregeln, die besagen, dass Athleten, deren nationale Verbände von der IAAF suspendiert worden sind, nicht für Wettkämpfe unter Obhut der IAAF zuzulassen sind«, hieß es in einer Mitteilung des CAS. Die IAAF hat also rechtmäßig gehandelt.

International wurde die Entscheidung sehr begrüßt. Sprint-Superstar Usain Bolt lobte die »starke Botschaft«, die von dem Entscheid ausgehe. »Es gibt Regeln. Wer betrügt, wird bestraft. Das ist die richtige Botschaft. Es wird viele abschrecken und zeigt, dass der Sport sauber sein will«, erklärte er weiter. Bolt vergaß bei seinem Applaus offensichtlich, dass die Antidopingagentur seines Heimatlandes Jamaika vor wenigen Jahren auch wegen erschreckender Unregelmäßigkeiten kritisiert worden war, eine Kollektivsperre der Sprinternation aber niemals zur Debatte stand.

In Russland selbst wurde das Urteil mit Bestürzung aufgenommen. Stabhochsprung-Olympiasiegerin Jelena Issinbajewa, eine der 67 nun ausgeschlossenen Sportlerinnen und Sportler, bedankte sich höhnisch für die »Beerdigung der Leichtathletik«. Sie kritisierte das Urteil als »rein politische Entscheidung«. Ins gleiche Horn stieß Sportminister Witali Mutko. »Dieses beispiellose Urteil erniedrigt den gesamten Sport«, meinte der einstige Herr über den Save & Quarantine-Modus.

Issinbajewa, bislang eine Coverfigur der internationalen Leichtathletik, sah allerdings noch einen Ausweg. »Die maßgebliche Entscheidung wird von Thomas Bach kommen«, meinte sie.

Ob Bach wirklich entscheidet, ist allerdings fraglich. Klar, der Ball liegt jetzt in seinem Spielfeld. »Das Urteil des CAS hat dem IOC eine Tür geöffnet«, sagte CAS-Generalsekretär Mathieu Reeb, nachdem er selbst die Tür zu dem Chateau geöffnet hatte, in dem das CAS-Panel tagte. Reeb sagte bei der improvisierten Pressekonferenz im Schlosshof kaum mehr, als der Pressemitteilung über den Entscheid zu entnehmen gewesen war. Auch eine ausführliche Begründung des Urteils fehlt bislang. Bis zum Sonntag sollte sie aber vorliegen. Denn dann, so heißt es, will sich das IOC zusammensetzen und über den kompletten Ausschluss aller russischen Athleten von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro beraten. Das IOC selbst hatte erklärt, bei seiner Meinungsfindung erst das CAS-Urteil abwarten zu wollen.

Nicht unbedingt der schlauste Schachzug, meint Sportjurist Michael Lehner. »Das IOC hat sich selbst unter Druck gesetzt, weil man ausdrücklich die CAS-Entscheidung abwarten wollte. Jetzt muss es zur Kenntnis nehmen, dass die juristische Basis für einen Gesamtausschluss besteht«, so der Experte im Dopingrecht. Der Weg ist also gebahnt. Vor allem, wenn man sich in Erinnerung ruft, welches Bild des russischen Sports zuletzt der Bericht der McLaren-Kommission gezeichnet hatte. Danach entschied nicht nur die höchste Ebene der russischen Sportbürokratie darüber, welche Dopingstöße verfolgt und welche vertuscht werden sollten. In Zusammenarbeit mit dem Sportministerium, dem Geheimdienst FSB und dem russischen Kontrolllabor in Sotschi wurde während der Olympischen Winterspiele auch ein Programm zum Austausch potenziell dopingbelasteter Urinproben durch saubere entwickelt.

Allerdings nahm nicht automatisch jeder russische Leistungssportler an diesem Programm teil. Zumindest ist es längst nicht jedem nachgewiesen worden. Vor der Einleitung individueller Dopingverfahren scheute sich auch die McLaren-Kommission, obwohl ihr Namen von positiv getesteten Sportlern vorlagen. Und als Mathieu Reeb in den Schlosshof des CAS trat, kritisierte der Generalsekretär auch das sehr kurze Zeitfenster, in dem Athleten ihre Sauberkeit hätten beweisen sollen, um doch noch nach Rio fahren zu dürfen. »Die Umstände ließen diesen Athleten de facto keine Möglichkeit, diese Beweise zu erbringen«, sagte er. Trotz dieseer Bedenken bestätigte das Gericht das Verdikt der IAAF.

Im Fall des Olympischen Taktierers Thomas Bach wird erwartet, dass er den Ball von seinem Feld in das der Fachverbände weiterpassen wird. Die sollen dann - ähnlich wie die IAAF - entscheiden, ob sie russische Athleten bei ihren Wettkämpfen in Rio haben wollen. Lehner kritisierte dies vorab als »Feigheit vor dem Feind«. Mal sehen, ob der oberste Olympier sich zu einer souveräneren Rolle aufschwingt. »Save or Quarantine«, das ist hier die Frage.

Eine Chronologie des »nd« zeigt den Konflikt um die russischen Sportler detalliert auf

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