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Ein Camp am Übungsplatz

Kriegsgegner wollen das Gefechtsübungszentrum in Sachsen-Anhalt delegitimieren

»Schnöggersburg« erhält Besuch. Ab Montag protestieren Militärgegner vor dem modernsten Übungsplatz der Bundeswehr.

Der modernste Truppenübungsplatz Europas heißt »Schnöggersburg«. Er liegt in der Altmark. Es handelt sich zumeist um eine unbewohnte Kleinstadt mit U-Bahn, Sportanlagen, Brücken, einem Sakralbau und einem Slumgebiet. Hier können 1500 Soldaten gleichzeitig trainieren, ohne dass ihnen die Öffentlichkeit dabei über die Schulter schauen kann.

Dort in der Colbitz-Letzlinger Heide haben seit 80 Jahren Soldaten trainiert. Nun bauen nicht weit davon entfernt anti-militaristische Gruppen ihre Zelte auf. Sie wollen an der Legitimität des militärischen Standortes rütteln, denn: Das Gefechtsübungszentrum spielt eine herausragende Rolle für die Kriegsvorbereitung der NATO. Es üben dort Soldaten und Soldatinnen für ihren Einsatz in Afghanistan, die aktuelle Mission dort heißt »Resolute Support« und ist nicht nur eine - wie man versprach - reine Trainingsmission. Soldaten aus den Niederlanden sind Dauergäste in »Schnöggersburg«, weitere NATO-Staaten sowie Soldaten aus Partnerstaaten wie Georgien nutzen den Platz. Auch US-amerikanische Panzer- und Spezialtruppen trainierten auf dem weiten Gelände unweit von Stendal.

Zwölf Kilometer von der Geisterstadt entfernt, nahe des Dorfes Potzehne in Sachsen-Anhalt, entsteht das antimilitaristische Zeltlager mit Unterstützung der örtlichen Bürgerinitiative Offene Heide. Die Campdramaturgie sieht politische Bildung und Kultur sowie Vernetzungstreffen während der Woche vor, bevor die Teilnehmer und Teilnehmerinnen am kommenden Samstag bei einem antimilitaristischen Aktionstag den Ablauf des regulären Betriebes im GÜZ »Schnöggersburg« stören wollen.

Zu Anfang des reichhaltigen Workshop-Programm werden Christoph Marischka und Jacqueline Andres, beide von der Informationsstelle Militarisierung (IMI), in die Themen der Militarisierung Deutschlands sowie des Einsatzes von Armeen in die Flüchtlingsabwehr einführen.

Marischka wird dabei auch von einem relativ jungen wissenschaftlichen Diskurs berichten, innerhalb dessen der Zusammenhang zwischen Militärbasen und sozialen Kämpfen untersucht wird. So hat die Wissenschaftlerin Amy Austin Holmes analysiert, wie sich im Laufe der letzten Jahre die US-amerikanische geopolitische Strategie der Einrichtung von Militärbasen verändert hat. Holmes fand heraus, dass bei der weltweiten Standortwahl für die Stützpunkte Arbeitskämpfe und gewaltfreien Proteste durchaus auch eine Rolle spielten, insofern die politisch Verantwortlichen Konflikte mit der Bevölkerung scheuten und in andere Regionen auswichen.

In diesem Sinne wurde auch in Deutschland eine anti-militaristische Kampagne gestartet, bei der militärische Einrichtungen, Rüstungsfirmen und militärisch genutzte Kommunikationsmittel benannt und markiert werden. Mit rosafarbenen Kreuzen und der Aufschrift »War starts here?« (Hier beginnt der Krieg) wird auf die kriegerische Funktion bestimmter Orte und Gegenstände hingewiesen. »Statt in der Freizeit an den See zu fahren oder fernzusehen, wird hier also der Vorschlag gemacht, Ausflüge an konkrete Orte der Kriegsführung zu machen«, liest man auf der Camp-Webseite.

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