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»Wenn Du einen Minirock trägst, ...«

Wie bitte? Argumente gegen Mythen und Abwehrbehauptungen - Teil III

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»Das ist doch kein Sexismus, das ist doch ein Kompliment …« Wer Sexismus zum Thema macht, hört nicht selten solche Sätze. Eine nd-Serie in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung will den Blick dafür schärfen, dass Sexismus ein strukturelles Problem unserer Gesellschaft ist. Wer Sexismus thematisiert, stellt immer auch die Frage nach der Macht, nach ihrer ungleichen Verteilung und nach den Strategien, mit denen diese Verhältnis­se aufrechterhalten werden. Es geht um Argumente gegen gängige Mythen und abwehrende Behauptungen, mit denen Kritik an Sexismus zum Schweigen gebracht werden soll.

»Durchsichtige Tops oder Blusen, kurze Shorts oder Miniröcke könnten zu Missverständnissen führen.«
Martin Thalhammer, Direktor des Wilhelm-Diess-Gymnasiums Pocking, Juni 2015

Im Sommer 2015 schwirrte das sogenannte Hot-Pants-Verbot durch die Medien. Mehrere Schulleitungen hatten ihren Schülern, vor allem aber ihren Schülerinnen, vom Tragen bestimmter Kleidung, etwa kurzen Hosen oder Röcken, abgeraten.

Was ist dran?

Grundsätzlich ist es sehr nachvollziehbar, dass Eltern ihre Kinder schützen möchten und auch Schulen sich hier in der Verantwortung sehen. Diese gesteigerte Sensibilität ist zu begrüßen. Deshalb ließe sich argumentieren, dass es sich bei solchen Warnungen um vielleicht unglücklich formulierte, aber dennoch sehr gut gemeinte Ratschläge handelt, die Mädchen und Frauen schützen möchten.

Auch wenn die gute Absicht gar nicht in Abrede gestellt werden soll, sind die Ratschläge trotzdem kritisch zu sehen. Ein erstes Problem: Mädchen und Jungen werden unterschiedlich behandelt. Zwar richteten sich die Kleidungsvorschriften mitunter auch an die Schüler, doch nur gegenüber den Schülerinnen schwang eine Warnung mit, dass ihre Kleidung sexualisierte Gewalt provozieren könnte. Wenn aber nur Mädchen und Frauen in den Fokus der Sorge gerückt werden, werden Jungs und Männer als Betroffene von sexualisierter Gewalt unsichtbar, ebenso wie Transfrauen und -männer oder intersexuelle Menschen.

Das grundsätzliche Problem bei diesen Ratschlägen ist aber, dass sie ein bestimmtes Erklärungsmodell für sexualisierte Gewalt bejahen, das nicht nur sachlich falsch ist, sondern auch hoch problematische Folgen hat. Es war und ist ein zentrales Anliegen der Frauenbewegungen, die dominierenden Erklärungen für sexualisierte Gewalt zu hinterfragen und aufzuzeigen, dass sie Einfluss darauf nehmen, ob Opfer überhaupt als solche gesehen werden, wie mit ihnen umgegangen wird und was als (strafrechtlich relevante) Tat gilt. Vergewaltigung in der Ehe war beispielsweise bis 1997 kein Straftatbestand und ist es nur durch das jahrzehntelange Engagement zahlreicher Aktivist_innen geworden.

Eines der wirkungsmächtigsten und problematischsten Erklärungsmuster nimmt als Ursache für sexualisierte Gewalt nicht den Täter, sondern das Opfer in den Fokus: Das Opfer selbst habe durch bestimmte Faktoren wie etwa Kleidungsstil, Verhaltensweise oder Alkoholkonsum sexualisierte Gewalt ausgelöst, so die Annahme. Dem Opfer wird suggeriert, es hätte eine Mit- oder sogar Hauptschuld daran, dass ihm Gewalt angetan wurde. Das führt nicht nur dazu, dass Betroffene sehr häufig nicht die Hilfe und Unterstützung bekommen, die sie benötigen, sondern auch dazu, dass viele Opfer die Schuld bei sich suchen und sich nicht trauen, über ihre Erfahrungen zu sprechen oder sie zur Anzeige zu bringen.

Der Täter wiederum wird entlastet, da er argumentieren kann, er habe sich aufgrund der Kleidung oder des Verhaltens des Opfers nicht beherrschen können. Diesem Erklärungsmodell liegt also auch ein problematisches Bild von Männern als animalischen Tätern zugrunde. Seit den 1970er Jahren hat sich für diese Strategie der Schuldumkehr, die die Opfer zu Täter_innen macht, die Bezeichnung »victim blaming« (engl.: das Opfer beschuldigen) durchgesetzt.

Auch die Forschung hat sich mit dieser Art von Erklärungsmustern beschäftigt und das bestätigt, was Aktivist_innen seit langem sagen. Es gibt keine Studie, die belegt, dass eine bestimmte Kleidung, etwa ein kurzer Rock, das Risiko, sexualisierte Gewalt zu erleben, tatsächlich erhöht. Es gibt aber Studien, die belegen, dass viele Menschen denken, dass es einen Zusammenhang gäbe, obwohl er nicht besteht.

Der Bielefelder Sozialpsychologe Gerd Bohner spricht hier, angelehnt an feministische Begriffe, von »Vergewaltigungsmythen«. Laut Bohner erfüllen diese »Vergewaltigungsmythen« eine bestimmte Aufgabe innerhalb der Gesellschaft. Deshalb sind sie so weit verbreitet und halten sich so hartnäckig, trotz der jahrzehntelangen Aufklärungsarbeit von Aktivist_innen.

Einerseits dienen sie dazu, Taten innerhalb der bestehenden Geschlechterordnung erklärbar zu machen (Frauen müssen vorsichtig sein, Männer können sich nicht beherrschen). Andererseits dienen sie für Frauen dazu, eine Art Schutzillusion zu kreieren – solange ich mich richtig verhalte, kann mir nichts passieren. Diese Schutzillusion wird auch gesellschaftlich bestärkt. Das kann so weit gehen, dass potenzielle Vergewaltigungen als eine Art Drohung gegen Mädchen und Frauen funktionieren, die sich dann – in vorauseilendem Gehorsam – vermeintlich »weniger riskant« verhalten und einschränken (zum Beispiel zu bestimmten Zeiten zu Hause bleiben).

Was Studien belegen können, ist das Ausmaß sexualisierter Gewalt gegen Frauen. In einer EU-weiten Umfrage kam die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte 2014 zu folgenden Ergebnissen: Jede zehnte Frau in der EU hat, seitdem sie 15 Jahre alt ist, sexualisierte Gewalt erfahren, jede zwanzigste wurde vergewaltigt. In 97 Prozent der Fälle handelt es sich bei den Tätern um Männer. Unter den deutschen Frauen, die in einer Beziehung mit einem Mann leben oder gelebt haben, hat mehr als jede fünfte körperliche und/oder sexualisierte Gewalt von ihrem derzeitigen oder früheren Partner erfahren. Etwas mehr als jede Zehnte der 42.000 befragten Frauen hat angegeben, dass sie vor ihrem 15. Lebensjahr Opfer einer Form von sexualisierter Gewalt durch eine erwachsene Person geworden ist. Dennoch meldeten weniger als 14 Prozent der Frauen ihre schwerwiegendste sexualisierte Gewalterfahrung der Polizei.

2012 hat die Online-Aktion »ichhabenichtangezeigt.de«, die es ebenfalls in England, Frankreich und Schweden gab, auf die hohe Dunkelziffer im Bereich der sexualisierten Gewalt aufmerksam gemacht. Betroffene konnten auf der Website sowie auf Facebook und Twitter ihre Beweggründe, die erfahrene sexualisierte Gewalt nicht zur Anzeige gebracht zu haben, veröffentlichen.

Sehr häufig war zu lesen, dass sie fürchteten, dass ihnen niemand glauben werde, oder dass ihnen tatsächlich niemand geglaubt hat, oder sie dachten, sie seien selbst schuld, weil sie beispielsweise betrunken waren, oder sie meinten, dass es sich nicht um eine richtige Vergewaltigung gehandelt hätte, weil sie zum Beispiel den Täter kannten. Aktionen wie diese zeigen, dass Betroffene von sexualisierter Gewalt viel zu selten die Hilfe und Unterstützung bekommen, die sie benötigen, und stattdessen mit ihren Erfahrungen alleingelassen werden.

Konsequent gegen sexualisierte Gewalt vorgehen lässt sich nur, wenn über ihre Alltäglichkeit sachlich aufgeklärt wird. Denn es sind gesellschaftliche Überzeugungen, die zu verkehrten Täter- und Opferbildern führen und dadurch bestimmte Formen (sexualisierter) Gewalt ermöglichen und ihr Fortbestehen stützen.

Die Broschüre, auf der diese Reihe basiert, ist gerade als »luxemburg argumente« von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegeben worden. Die Autorin ist Anna Schiff. Ein Interview mit ihr gibt es hier zum Nachhören. Die llustrationen stammen von Marie Geissler.

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