Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Flug des Adlers und Fluch der Armut

Die Mongolei hält ihre Traditionen hoch und möchte die Armut niedrig halten - eine neue Regierung soll’s nun richten

  • Von Andreas Landwehr, 
Khui Doloon Khudag
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Mongolei gilt als »Insel der Demokratie«. Das Nomadenvolk lebt seine jahrhundertealten Traditionen. Aber jeder dritte Mongole steckt in Armut - ob die neue Regierung daran etwas ändern kann?

Nichts lässt tiefer in die Seele der Mongolen blicken als das Naadam-Fest. Ringen, Reiten und Bogenschießen sind die »drei männlichen Spiele« - auch wenn bei den letzten beiden heute ebenso Frauen antreten. Nur Ringen bleibt Männersport. Der Legende nach soll einmal eine Frau als Mann verkleidet angetreten sein und ihre Gegner allesamt geschlagen haben. Das soll den Männern nicht noch einmal passieren: Seither ist die Jacke der Ringer vorne offen. Die Männer zeigen stolz ihre nackte Brust - und den meist dicken Bauch, um den das kleine Schulter-Jäckchen mit einer Kordel festgebunden wird.

Jedes Jahr im Juli feiern die Mongolen das Naadam-Fest. Zum einen in Ulan-Bator, aber zeitlich versetzt auch im weiten Grasland des größten Binnenstaates der Erde. Beim Asien-Europa-Gipfel (ASEM) feierten mit den Mongolen sogar 34 Staats- und Regierungschefs, darunter Kanzlerin Angela Merkel. Es war die größte Ansammlung von Staatenlenkern in der Mongolei seit Dschingis Khan vor 800 Jahren.

Spannte sich das mongolische Reich unter dem großen Herrscher einst von Asien bis Europa, lässt sich die Mongolei heute in wenigen Zahlen fassen: Drei Millionen Mongolen und 50 Millionen Tiere - Rinder, Schafe, Kamele, Ziegen und Pferde. Viermal so groß wie Deutschland liegt die Mongolei zwischen den großen Nachbarn Russland und China. Die Russen sind ihnen näher.

In Khui Doloon Khudag kündigt eine Staubwolke am Horizont die Reiter eines Rennens an. Neunjährige Kinder, oft ohne Sattel, treiben die Pferde mit Lederriemen an, jagen unter dem Jubel des Publikums durchs Ziel. Zu dem Spektakel sind Tausende Zuschauer gekommen. Die Menge strömt zur Ankunft des mächtigen Ringers Sanjaadamba, der in Ulan-Bator zum neuen Landesmeister gekürt worden war.

Den Flug des Adlers nachahmend, breiten die Ringer die Arme aus, präsentieren sich mit einer leichten Drehung, als wenn sie fliegen. Die Zuschauer johlen. Die Ringkämpfe beginnen. Der Ablauf scheint unübersichtlich, aber das kundige Publikum und die Ringrichter in traditionellen langen Mänteln wissen genau, was passiert. Wer verliert, taucht demütig unter dem Arm des Gegners, der »Adlerschwinge«, durch. Alte Rituale und Regeln, die die Zeit um Jahrhunderte zurückzudrehen scheinen.

In der Politik der Mongolei, die mit dem Ende der Sowjetunion den Kommunismus 1990 abgeschüttelt hat, wird heute mindestens so heftig gerungen. Vieles wirkt chaotisch, undurchsichtig. Doch gilt das Land als »Insel der Demokratie« in Zentralasien. Bei der Wahl Ende Juni wurde die alte Regierungspartei der Demokraten abgewählt, weil die Wirtschaft am Boden liegt. Die Arbeitslosigkeit steigt.

Lag das Wachstum durch den Rohstoffboom vor fünf Jahren bei 17 Prozent, stagniert die Wirtschaft durch den Preisverfall und die geringe Nachfrage der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt in China. Begünstigt durch eine Wahlreform zum Mehrheitswahlrecht gewann die Volkspartei (MPP) sogar 65 der 76 Sitze im Parlament.

Überraschend wurde Erdenebat Jargaltulga zum neuen Ministerpräsidenten ernannt. International wenig bekannt ist der »frühere Landrat«, wie ihn ein Diplomat beschreibt, erst 2012 ins Parlament gekommen, war mal ein halbes Jahr Finanzminister.

Parteichef Miyegombo Enkhbold selbst wird lieber Parlamentspräsident. Er weiß: Das Amt bietet ihm im politischen Alltagsgeschäft der Mongolei erfahrungsgemäß mehr Macht. Auch liebäugelt Enkhbold mit dem Amt des Präsidenten, der in der Mongolei wie im französischen Modell den Ton angibt und nächstes Jahr neu gewählt wird. Der jetzige Präsident Tsakhia Elbegdorj strebt dann auf die globale Bühne. Der freundliche Machtpolitiker der geschassten Demokraten suche »ein Amt in einer internationalen Organisation«, wie ein Diplomat zu berichten weiß. Da war seine Rolle als Gastgeber des gut organisierten ASEM-Gipfels eine gelungene Bewerbung für den in Harvard studierten, fließend Englisch sprechenden Berufspolitiker.

Auf die neue Regierungspartei warten schwierige Aufgaben. Wie hoch das Land verschuldet ist, weiß wohl selbst die neue Regierung noch nicht so genau. Weiter lebt jeder dritte Mongole in Armut. »Die Kluft zwischen Arm und Reich ist unanständig«, sagt ein Diplomat empört. dpa

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln