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Jetzt aber mal zackig

An Ideen zur Gleichstellung mangelt es nicht. Dennoch glauben Frauen, dass die Politik blockiert. Kein Wunder.

  • Von Josephine Schulz
  • Lesedauer: 5 Min.

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Eine Studie hat junge Frauen zu ihren gleichstellungspolitischen Forderungen befragt. In der Bundesregierung werden derweil alle Fortschritte ausgebremst.

Sie sind gut ausgebildet, unabhängig und selbstbewusst. Genauso wie ihr Partner. Doch wenn Gespräche sich um Fragen der Familienplanung drehen, stellen viele junge Frauen in heterosexuellen Beziehungen fest: So progressiv wie gedacht sind die Einstellungen beim Gegenüber dann doch nicht. Plötzlich fallen Sätze à la »Am Anfang braucht das Kind eben vor allem seine Mutter«. Noch immer sehen sich junge Frauen mit Rollenerwartungen konfrontiert, die mit ihrem Selbstbild nicht viel zu tun haben. In einer Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung wurden zahlreiche Frauen zwischen 18 und 40 befragt, welche Forderungen an Gleichstellungspolitik sich aus ihren Lebenssituationen ergeben. Ein zentrales Ergebnis: Viele praktizieren nach der Geburt von Kindern noch immer ein weitgehend klassisches Rollenmodell - obwohl sie das gar nicht wollen. Das Thema Kinder ist daher vor allem mit Ängsten verbunden - Angst vor finanzieller Abhängigkeit und ungewollten Rollenmodellen in der Partnerschaft. Meist, weil viele noch kinderlose Frauen genau das in ihrem Freundeskreis beobachten.

Die Ursache dafür sehen die Frauen der Studie zufolge in der Lohnlücke. Denn der Rückzug in das Muster, wonach »der Mann das Geld bringt und die Frau die Sorgearbeit erledigt«, bleibt finanziell oft die rationalste Entscheidung. Die Angleichung des Entgelts ist daher eine zentrale Forderung der Frauen. Darin sehen sie auch eine Lösung der ungleichen Aufteilung von Sorgearbeit.

Durchschnittlich verdienen Frauen in Deutschland rund 21 Prozent weniger als Männer. Die Lohngleichheit wurde zwar im schwarz-roten Koalitionsvertrag festgeschrieben, getan hat sich aber bisher wenig. Ein entsprechender Gesetzesentwurf von Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) hängt seit sieben Monaten im Kanzleramt fest. Denn die Koalitionspartner von der Union stellen sich quer. Der Entwurf sieht unter anderem vor, dass Beschäftigte ein Auskunftsrecht über die Bezahlung in ihrer Gehaltsgruppe erhalten. Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern sollen ihre gesamte Lohnstruktur in Hinblick auf die Lohngerechtigkeit überprüfen. Vom Parlamentskreis Mittelstand der Unionsfraktion wurde das Vorhaben als »überflüssig« und »schädlich« bezeichnet. Und noch ein weiteres Projekt von Schwesig, das die klassische Rollenteilung weniger attraktiv machen könnte, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr in dieser Legislaturperiode umgesetzt. 300 Euro Familiengeld sollen junge Eltern demnach bekommen, wenn beide nach der Elternzeit ihre Vollzeitstellen auf 28 bis 36 Wochenstunden senken, um gleichberechtigt für ihren Nachwuchs zu sorgen und dabei weiter zu arbeiten. Auch diese Idee trifft auf massiven Widerstand.

Kein Wunder, dass die Mehrheit der Frauen in der Studie das Gefühl äußert, die Politik trete beim Thema Gleichstellung auf die Bremse und betrachte sie in der Arbeitswelt durch die Frauenquote als weitgehend erledigt. Anlässlich des 30. Geburtstags des Frauenministeriums sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Schwesigs Gesetzesvorhaben zur Lohngleichheit: »Gut Ding will Weile haben.« In der CDU wird der Gender Pay Gap zudem damit relativiert, dass Frauen angeblich nicht weniger Geld für gleiche Arbeit bekämen, sondern längere Auszeiten nähmen und andere Jobs wählen würden. Diese Faktoren erklären einen Teil der Ungleichheit, rechnet man sie jedoch heraus, bleiben noch sieben Prozent Gehaltsunterschied - für gleiche Arbeit. Dieser Unterschied lässt sich kaum anders als mit geschlechtsspezifischer Diskriminierung erklären, ob bewusst oder unbewusst. Vor allem Akademikerinnen erzählen in der Studie von ihren Erlebnissen solcher - meist unbewussten - Diskriminierungen.

Allzu oft merken sie: Bestimmte Fähigkeiten werden bei ihnen ganz anders bewertet. So erzählt eine Juristin: »Ich erlebe das oft bei Gerichtsverhandlungen. Wenn sich Richter und Anwälte gegenüber sitzen, hört man mich schon ganz gut. Aber wenn ich lauter werde, da heißt es: Beruhigen Sie sich.« Ähnlich erklären auch mehrere Studien die Lohnunterschiede bei gleicher Arbeit. Gleiches Auftreten wird bei Männern und Frauen anders bewertet. Fordern Frauen ein höheres Gehalt, wirkt das unsympathisch, bei Männern dagegen kompetent. Frauen sind auch deshalb oft zögerlicher bei Gehaltsverhandlungen.

Diese subtilen Diskriminierungen haben für Frauen verschiedene Auswirkungen, beispielsweise auf eine effiziente Zeitpolitik. Laut der Studie wünschen sich vor allem Akademikerinnen mehr Flexibilität im Job, selbstbestimmte Arbeitszeiten und Arbeitsorte. So meint eine Frau: »Das ist die typische Betriebskultur in Deutschland: Arbeiten muss ungemütlich sein, damit sie etwas wert ist. Also muss die Arbeit am Büroschreibtisch stattfinden. Ich kann aber auch auf dem Sofa arbeiten; da bekomme ich viel mehr und bessere Ideen als im Büro.« Eine andere erzählt, dass sie mit Wünschen nach Homeoffice in ihrer Werbeagentur oft angeeckt sei, obwohl Männer solche Regelungen zugestanden bekamen. Daraus entsteht der Eindruck, dass ihnen seltener zugetraut wird, auch in Eigenregie gute Leistungen zu bringen.

Natürlich sind die Frauen - ebenso wie jede andere gesellschaftliche Gruppe - keine homogene Masse. Je nach sozialem Hintergrund unterscheiden sich die Eindrücke und Forderungen an Gleichstellungspolitik. Der Studie zufolge sind es vor allem Frauen aus sozial benachteiligten Milieus, die im Unterschied zu den meisten anderen nicht den Eindruck haben, dass sich in Sachen Gleichstellung grundsätzlich etwas zum Besseren entwickeln. Im Gegenteil. Sie erleben einen immensen finanziellen Druck, erwirtschaften oft das Familieneinkommen, finden kaum Zeit für ihre Kinder und fühlen sich in Partnerschaften oft als der Teil, der in jeglicher Hinsicht die Hauptlast trägt. Ihr Appell an den Staat lautet vor allem: mehr Kinderbetreuung - auch für die Abende und Wochenenden, für Geringverdiener kostenlos.

Schwesig hatte im vergangenen Jahr mehr Förderung für sogenannte 24-Stunden-Kitas versprochen, bis 2018 sollen 100 Millionen Euro fließen. Die Union fantasierte von einem DDR-Szenario, in dem die Kinder den Eltern für eine ganze Woche weggenommen werden. Auch sonst fielen die Reaktionen sehr emotional aus. Wieder waren es vor allem die Frauen und mehr noch die Alleinerziehenden, die sich dem Vorwurf ausgesetzt sahen, eine Rabenmutter zu sein.

Gleichstellung, da sind sich die Frauen jenseits aller Unterschiede einig, ist in Deutschland keinesfalls erreicht. Nur zehn Prozent glauben, dass bereits genug getan ist. Trotzdem: Gleichstellungspolitik als Frauenförderung sehen viele als eine weitere Form von Diskriminierung. Statt Kampf der Geschlechter wollen sie auch die gestiegenen Belastungen und Interessen der Männer in den Blick nehmen.

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