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Die Leiden der jungen Polen

Über die Hälfte der 25- bis 35-Jährigen lebt immer noch bei den Eltern

  • Von Wojciech Osinski, Warschau
  • Lesedauer: 6 Min.

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Eine eigene Wohnung wäre für viele junge Polen ein materieller Rückschritt. Grund: die geringen Einkommen. Sie erschweren einen erträglichen Übergang ins eigenständige Berufsleben.

Junge Erwachsene, die sich zusehends weigern, ihr Elternhaus zu verlassen und ihre bequeme Situation aufzugeben, beschäftigen europäische Soziologen nicht erst seit heute. In Italien etwa waren die «bamboccioni» in den letzten Jahren herber Kritik ausgesetzt. Auch in Großbritannien analysierten Experten in Seminarräumen die Ursachen der Passivität der sogenannten boomerang kids. Was relativ neu zu sein scheint, ist die Bandbreite des Phänomens, die allmählich zu einer gesellschaftlichen Belastung wird.

Nach jüngsten Angaben des Statistikamtes der Europäischen Union (Eurostat) sind die skandinavischen Länder am wenigsten davon betroffen (jeweils 4 Prozent), wohingegen in den Balkan-Staaten das Problem besonders ausgeprägt ist (Kroatien: 58,9 Prozent). Dies gilt gleichfalls für andere Länder, die sich einst hinter dem Eisernen Vorhang befanden. In Polen beispielsweise lebt mehr als die Hälfte der 25- bis 35-jährigen «maminsynki» (Muttersöhnchen) noch bei ihren Eltern, jeder vierte von ihnen ist sogar gänzlich auf das Einkommen von Papa und Mama angewiesen.

Im Mittelmeerraum lässt sich diese Entwicklung zum Teil auf Familientraditionen zurückführen. Jenseits der Oder spielten sie gewiss auch eine Rolle, werden aber zweifelsfrei von dem vorherrschenden System «begünstigt». Die wirtschaftliche Misere ließ Eltern und Kinder in den zahllosen Plattenbauten näher zusammenrücken. Ein Haushalt mit Kindern und Enkeln auf engstem Raum waren keine Seltenheit. Nach 1989 scheint allerdings noch eine weitere Komponente hinzuzukommen: eine Art Bequemlichkeit. Zwar erschweren die wirtschaftlichen Verhältnisse im heutigen Polen immer noch einen nahtlosen Übergang ins eigenständige Berufsleben. Junge Polinnen und Polen warten oft mit dem Argument auf, sie hätten zu wenig Geld, um unabhängig zu leben. Das Problem ist nur, dass sie sich offenbar auf diesem Argument ausruhen. Fraglos geraten sie damit in einen Teufelskreis, der ihnen nach einer gewissen Zeit aber sogar zusagt. Sie verdienen zu wenig, um eine eigene Bleibe zu finanzieren, aber doch genug, um bei den Eltern (wo sie oft keine Miete zahlen müssen) ein weitgehend stressfreies Leben zu führen.

«Viele von diesen jungen Erwachsenen sind im Zeitalter des Kapitalismus und Konsums aufgewachsen. Sie haben gelernt, ihr Geld für Kleidung und Handys auszugeben. Eine eigene Wohnung, geschweige denn ein eigenes Leben wäre für sie ein materieller Rückschritt», erklärt Tomasz Grzyb, Psychologe und Dozent der Hochschule SWPS in Warschau. «Für 1500 Zloty (umgerechnet derzeit 340 Euro) kann ich keine Wohnung finanzieren. Schluss, Punkt», sagt wiederum Agnieszka, Mitarbeiterin eines hauptstädtischen Reisebüros. Tatsächlich geht auch das Einkommen von begabten Hochschulabsolventen häufig nicht über diese Summe hinaus. «Ich musste einen Kredit aufnehmen, habe Familie und muss für eine teure Wohnung aufkommen, die sowieso viel zu klein ist», sagt Ewa, eine 31-jährige Architektin aus Poznan.

Einer Studie des Forschungsinstituts TNS Polska zufolge beträgt das durchschnittliche Einkommen eines jungen Akademiker-Paares ca. 3200 Zloty (730 Euro), wobei oft schon die Hälfte an den Immobilien-Kreditgeber überwiesen werden muss. In unsicheren Zeiten gilt der Kauf einer Wohnung nämlich immer noch als sicherer als eine Mietwohnung. Wenn dann noch Kinder dazukommen, ist die finanzielle Schmerzgrenze rasch erreicht - meistens schon zur Monatshälfte. Nicht auszudenken, wenn einer der jungen Ehepartner in einer solchen Situation den Job verlöre. In diesem Licht erscheint eine Verlängerung des Aufenthalts im Elternhaus nur allzu verständlich.

Indes: Ereilt die erwachsenen Kinder gar kein Schamgefühl, wenn sie bis zum 35. Lebensjahr ihren Eltern auf der Tasche liegen? «Bei den Eltern zu wohnen ist doch nicht beschämend. Ich schäme mich allerdings, in einer Wirtschaft zu leben, die europäisch sein will, aber stattdessen junge Sklaven heranzüchtet, die zeitlebens ihre Kredite nicht abbezahlen können», meint Marek, der es ebenfalls nicht eilig hat auszuziehen. «Wenn ich später bei meinen Eltern ausziehe und nach einigen vorher absolvierten beruflichen Stationen sowie mit besserem Einkommen einen Wohnkredit aufnehme, kann ich mir nicht nur mehr leisten, sondern spare auch an den Zinsen», so der junge Ingenieur.

Die Scheu junger Polen vor Mietwohnungen ist durchaus begründet. In Warschau kostet eine vergleichbare «kawalerka (etwa »Junggesellenwohnung«) monatlich 1500 Zloty. Das macht aber schon beinahe 90 Prozent des durchschnittlichen Einkommens in Polen aus. In Berlin zum Beispiel liegt der Wert erheblich darunter.

Was aber sind die eigentlichen Motive der »maminsynki«, die ausgedehnt von der Bügel-Kunst der Mama profitieren? Sind sie raffiniert und sparsam, träge oder einfach Opfer ihrer sozialen Verhältnisse? Die Gründe sind offenbar vielschichtig. In der polnischen Provinz zum Beispiel sind die Merkmale einer Bürgergesellschaft oft verschwindend gering. Hier ist das polnische Volk noch atomisiert: Es gibt keine Nichtregierungsorganisation, kein Vereinswesen, und die Jugendarbeitslosigkeit liegt hier nicht selten bei 50 Prozent. Der Bildungsdrang der dörflichen Jugend hält sich in Grenzen, auch wenn es mitnichten immer nur an ihnen liegt. In solchen Ortschaften gibt es keine Perspektive oder Vorbilder, zu denen man aufschauen könnte. Diejenigen, die hier von Lehrern auf ihr Potenzial hingewiesen werden, gehen rasch in die Großstädte oder ins Ausland. »Diese jungen Erwachsenen sind wirklich nicht in der Lage, sich von der Familie zu lösen. Die Gründe sind häufig ganz banal. Um neue Möglichkeiten zu entdecken, müssen sie in die nächste Stadt fahren, aber schon dafür können sie kein Geld aufbringen. Sie sitzen in der sprichwörtlichen Zwickmühle«, sagt der Soziologe der Universität Warschau, Marcin Sinczuch.

Gewiss, auf dem Land mag die Jugend in bestimmen sozialen Strukturen gefangen sein, andererseits gibt es auch in Warschau, Poznan oder Wroclaw junge Arbeitnehmer, die bei wohlhabenden Eltern ihr Dasein fristen, ohne auf materielle Privilegien zu verzichten. Doch auch hier gilt es zu unterscheiden. Es gibt nämlich noch eine dritte Gruppe, die nur vordergründig zu den »reichen Faulpelzen« gehört. Viele der 25- bis 30-jährigen sind schlechtweg nicht auf ihr Erwachsensein vorbereitet. Die Eltern erwarten von ihren Kindern mehr, als sie sich selbst zugemutet haben. »Wir hatten es im Kommunismus schwerer und haben es trotzdem geschafft«, heißt es dann.

Freilich tragen junge Menschen die Verantwortung für eigene Entscheidungen, aber eben nicht ausnahmslos für ihre Misserfolge. Das neoliberale Diktum lässt aber nur diese Interpretation zu, was jedoch das Gegenteil bewirkt und die Spirale der Angst verstärkt. Davon bleibt die Gesellschaft nicht unberührt - im Übrigen auch nicht die deutsche. Auch in der Bundesrepublik verließen junge Erwachsene ihr Elternhaus, weil sie hofften, einen höheren Lebensstandard zu erreichen und vor allem unabhängig von den Eltern zu sein. Heute scheint sich der Trend umzukehren: Man wäre schon froh, irgendwann eine sichere Bleibe nach elterlichem Vorbild zu haben. In dieser Hinsicht hat sich Polen tatsächlich an Europa angenähert.

Leider gibt es keine Hinweise, die auf eine Verbesserung hindeuten. Einer Prognose des Instituts GUS zufolge wird die Zahl der »maminsynki« in den nächsten zehn Jahren steigen, was zu einer demografischen Katastrophe führen könnte - von den Auswirkungen auf das ohnehin reformbedürftige Rentensystem ganz zu schweigen. Der einzige Hoffnungsschimmer: Die Situation wird sich in Polen gewiss nicht derart zuspitzen, wie in Italien, wo mancherorts den Eltern nur der Weg zum Gericht bleibt, um ihre hartnäckigen »bamboccioni« per Dekret aus dem Hause zu drängen.

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