Werbung

»Schon die leiseste Spur …

Kathrin Gerlof über die milchstraßenweite Entfernung zwischen Toleranz und Respekt

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

...von Verzweiflung ist hässlich. Wir müssen sie auf jeden Fall vermeiden.« In dem Roman »Gleißende Welt« lässt Siri Hustvedt die Protagonistin und ihre männlichen Begleiter all das sagen, was wir lieber für uns behalten. Übersetzt heißen die wunderbaren Sätze immer: Die Welt ist im Eimer und - jetzt wieder Roman - »Leben heißt, auf Zehenspitzen über Landminen gehen«.

Das ist aber nicht bei allen so. Andere sind viel, viel optimistischer und haben sogar Ideen, wie die Demokratie zu retten ist. »Wir bei polisphere e.V. fragen uns regelmäßig, was wir zur Stabilisierung der Lage beitragen können. Zum Glück scheinen wir nicht die Einzigen zu sein, die sich Gedanken dazu machen, deshalb stellen wir heute den Verein ›Artikel 1 Initiative für Menschenwürde e.V.‹ vor.«

Die Autorin bekommt täglich ungefähr zehntausend Newsletter und manchmal sind eben Fundstücke dabei. Vergessen wir mal polisphere e.V. und fragen uns stattdessen, was es mit der Initiative für Menschenwürde auf sich hat.

Dort haben sich, so die Selbstdarstellung, einige bekannte Kommunikatoren wie Kajo Wasserhövel, Michael Donnermeyer und Hans Langguth mit anderen Engagierten zusammengetan, um eine »Kampagnenstruktur für Demokratie« aufzubauen. Ziel sei, »bis zur Bundestagswahl eine ›wuchtige Kampagne für Demokratie und Menschenwürde in Deutschland‹ zu entwickeln und mit einzelnen Bausteinen aus der ›Demokratiefabrik‹ alle zu unterstützen, die ähnliche Ziele verfolgen und bei der Kommunikation noch etwas Hilfe brauchen. Wer sich angesprochen fühlt, kann einfach mitmachen.« So stand es im Newsletter und das hat der Autorin, die bis dahin noch hin und wieder im Zweifel war, zu der Überzeugung gebracht, dass es um die Demokratie wirklich geschehen ist. Nicht wegen der Leute, die sich da ehrenamtlich zusammensetzen, um eine Werbekampagne für die Dahinsiechende zu entwickeln. Die meinen es gut.

Es ist eher so, dass die Idee, eine Fabrik zu gründen, um »Kommunikation für Demokratie zu produzieren«, das Gefühl vermittelt, jetzt gehe es nur noch darum, einen richtig schicken Slogan zu finden, eine Plakatkampagne zu entwerfen, (vielleicht in der Art von »Deutschland - Land der Ideen«), einen Touren- und Anzeigenplan zu entwickeln, passende Testimonials zu casten, Sönke Wortmann zu bitten, »Deutschland. Dein Selbstporträt« auf zweidreißig zusammenzuschneiden, damit es auch auf youtube funktioniert, einen Bildungs- und Werkzeugkoffer für das Lehrpersonal zusammenstellen, »Wir sind Helden« zu fragen, ob die Band eine Hymne schreibt, und dann funzt das schon mit der Demokratie. Natürlich werden die viel bessere und schönere Ideen haben und - wie bereits geschrieben - gut gemeint ist es allemal.

Trotzdem klingt es, als wollten da welche eine Halbtote für den Opernball schminken. Soll bloß keiner sehen, wie schlecht es ihr geht, der Demokratie. Das merkt man auch daran, dass die von dem Verein es sich zur Aufgabe gemacht haben, »für Toleranz und Menschenwürde zu werben«. Menschenwürde ist gut, obwohl man darüber streiten kann, ob es nicht eine falsche Prämisse gewesen ist, sie mit staatlicher Gewalt zu achten und zu schützen, wie es in Artikel 1 des Grundgesetzes heißt. Es ist und bleibt ein Kunststück, die Begriffe Menschenwürde und Gewalt in einem Satz unterzubringen.

Aber Toleranz. Da hört der Spaß doch wirklich auf. Auch der Nazi ist im Zweifelsfall bereit zu tolerieren, dass der Bimbo ihm die Straße fegt. Zwischen Toleranz und Respekt liegt die ganze Milchstraße. Toleranz ist, wenn ich nicht haue, stattdessen weggucke, und jeder besorgte Bürger (die besorgte Bürgerin auch) fängt seine Sprüche gern mit »Ich bin ein toleranter Mensch, aber ...« an. Möglicherweise haben die Kampagnenentwickler für Demokratie auch begriffen, dass man erst mal ganz klein anfangen muss. Dafür wiederum ist Toleranz saugut geeignet. Tut nämlich gar nicht weh.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!