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Das Große lässt sich nicht bitten

»Was vom Vorhang übrig bleibt« - die nd-Serie zur Bilanz der Theaterspielzeit 2015/16. Teil 2: Deutsches Theater

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Eigenliebe, Verstand und Gewohnheiten sind die Baumeister jener Fassaden, die wir für die Realität halten. Realität aber ist nicht repräsentierbar. Ich glaube kaum einem Künstler, dass er im Außenauftrag Gesellschaftskritik betreibt. Ich glaube eher jenem, der ein Problem mit sich selber hat, und wenn ich Zuschauender rufen kann, mir gehe es auch so, dann wächst meine Vermutung, anderen auch. So verallgemeinerbar halte ich mich, wenn ich ins Theater gehe und wenn es um Ohnmacht, Ratlosigkeit, Unsicherheit geht. Und sofort sehe ich die trippelnden KiKA-Gestalten aus Andreas Kriegenburgs »Nathan«-Inszenierung am Deutschen Theater vor mir, aus dem Urschlamm gekrochen, erdig beklumpt: der Anfang der Welt. Das Kindische, Drollige - welch ein Kontrast zu jener Entzauberung, die heute alle Weltsichten durchzieht. Abnabelung von ranzig gewordenem Humanpathos.

Ich sah dies Märchentapsige zur Premiere kritischer als beim nochmaligen Besuch der Aufführung - ein Verweis auf Brüchigkeit und Anzweifelbarkeit auch der eigenen Urteilskraft. Aber: kein Platz, keine Zeit, kein Geld, um den Kern des Theaters zu genießen - seine Lebendigkeit, also Veränderungsenergie. Die eben nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Herzkopf, im Kopfherz des Zuschauers wirkt.

Das DT kämpft noch immer mit seiner legendären (auch DDR-)Geschichte? Nein. Nur das Gedächtnis von uns Alten kämpft noch. Warum nur? Uns bricht niemand was aus der Krone der Erinnerung. Ja, immer ist Vielfalt (Ibsen und Schimmelpfennig, Labiche und Lenz, Schirach und Schmalz und und und) auch Konturfraß, aber zuallererst: Vielfalt. Weitergehen bei gleichzeitigem geduldigem Wartestand: Das Große lässt sich nicht bitten und bolzen. Friels »Väter und Söhne« (Regie: Daniela Löffler), Petras’ »münchhausen« (Regie: Jan Bosse), Döblins »Berlin Alexanderplatz« (Regie: Sebastian Hartmann): starke Erlebnisse, punktum. Hartmanns expressive Arbeit: Ein Episodenbogen, ein Assoziationskreislauf. Der Mensch wie ein Stein, der hochgeworfen wird, hoch in die Illusion des leichtesten, engelhaften Flugs - und der herabstürzt und da ganz sein Wesen erfüllt: Er erschlägt. Biberkopf zwiefach: die mitreißende Grummeligkeit eines Andreas Döhler und dann Felix Goeser, der keinen Kopf hat, sondern eine Eisenschädelstätte.

Das Deutsche Theater ist insofern ein exemplarisches Theater geblieben, als es Kennzeichen des allseits Gewärtigen aufweist. Wahrscheinlich war auch 1015/16 die gefühlte Anzahl der Produktionen so hoch, dass anreizende Produktivität und künstlerisch abträglicher Stress unweigerlich in Streit geraten mussten. Wahrscheinlich durchmischen sich Ensemblemitglieder mit Gästen so, dass weckender Frischwind und unguter Durchzug gleichermaßen wirken. Auch Regiehandschriften schrieben am unruhigen Wechsel - dessen Ruhepol mit Andreas Kriegenburg und Stefan Kimmig inzwischen auch ein mahnendes Gran Absehbarkeit einbringt. Aber auch hier wieder, wie bei jedem Urteil: sofortiger Einspruch - denn da war zum Beispiel Kimmigs stark flimmernde »Clavigo«-Adaption!

Das grelle, hysterische Spiel mit der eigenen Bedeutungsgier unter den Bedingungen des Pop. »Gott ist Gott, und ich bin ich.« Kräht Clavigo aufgekratzt. Ja, du bist der Rezept-Experte von Paris und Nizza und Brüssel, du weißt die Lösung der Flüchtlingskrise, du bist der schnellste Kommentator gegen deutsche Politiker. Im Spannungsfeld zwischen einem Zorn, der wehtun soll, und einer Ironie, die nichts bewirken wird, wird das Herz aller heutigen Zustandskritiker schmerzlich zerrissen. Susanne Wolffs Clavigo rumorte panisch selbstgefällig, über die Bühne. Aber für Momente zeigte die Faszinierende einen Anhauch von Sehnsucht: endlich von Ruhmsucht geheilt zu sein.

Besagte Premierenflut und also Arbeitsschnelligkeit, dies emsige Experimentieren mit Stoffen und (jungen!) Autoren hat eine spezielle Tücke: Wie lange braucht ein Theater, damit uns Schauspieler - inmitten modernen Transitverhaltens - vertraut werden, wir uns ihretwegen auf den Weg machen? Hier keine Namen zu nennen, ist Eingeständnis: Die Zahl wächst (wieder). Ich denke die Spielzeit und sehe Schau-Spiel. In »Väter und Söhne«: dreizehn Akteure, dreizehnmal Staunen und ergebenes Stummsein vor schmerzendster Freude. Einer der Dreizehn muss doch genannt sein: Bernd Stempel, kauzig, kummertief - am Hause der kolossalste Vernichter des Vorurteils, es gebe bei Theatertruppen eine zweite Reihe.

Das Schlimmste am Theater sind Mitteilungssätze. Situationen auf der Bühne, die genau das sind, was mit ihnen bewiesen werden soll. Wirklichkeit besteht vordringlich aus Menschen, die unverkennbar unerkennbar sind. Ulrich Matthes, übernehmen Sie! Für einem großen Abend, mit einem großen Regisseur - es ist das, was in der jüngsten Spielzeit fehlte.

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