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Gegen die heteronormative Kackscheiße

»Was vom Vorhang übrig bleibt« - die nd-Serie zur Bilanz der Theaterspielzeit 2015/16. Teil 3: Maxim-Gorki-Theater

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 5 Min.

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Ganz am Ende, als das Personal der Konkurrenz während der Arbeitszeit schon verstohlen die Fensterplätze für den Flug ins Sommerurlaubsparadies gebucht haben dürfte, da drehte das Gorki-Theater noch einmal auf. Als großes Spielzeitfinale ließ man das »Zentrum für Politische Schönheit« einen Käfig am Festungsgraben errichten, vier Tiger darin einsperren und darüber schreiben: »Flüchtlinge fressen - Not und Spiele«.

Ein lupenreines Erpressungsprojekt: Durch ein Online-Voting ausgewählte syrische Flüchtlinge sollten in einem spendenfinanzierten Flugzeug nach Deutschland reisen. Falls die Bundesregierung die Maschine nicht durchlassen sollte, kündigten mehrere Flüchtlinge in Berlin an, sich von den Tigern fressen zu lassen. Selbstverständlich verhinderte das geltende Unrecht den Trip, und am Ende war alles nur Theater - aber eines von der Sorte, das ein Potenzial dieser Kunstform offenlegt; eines, das ihr so viele in Zeiten der Häppchenkultur absprechen. Denn am »Gorki« schien in diesen Tagen im Juni auf, dass Kunst eben doch noch über die Zuschauerreihen hinweg in die Gesellschaft hineinwirken und Fragen aufwerfen kann, die politische Aktivisten bestenfalls in einschläfernden Debattenzirkeln verhandeln können.

Bemerkenswert erschien die Aktion auch, weil sie mehr wollte als jene ästhetisch begrenzt ambitionierte Selbstbestätigung großstädtischer Linker, die Shermin Langhoff und Jens Hillje seit dem Beginn ihrer Intendanz 2013 dem »Gorki« als Alleinstellungsmerkmal verpasst haben. Sie setzen überwiegend auf Inszenierungen, die niemandem weh tun - außer Rassisten, Homophoben und Sexisten, die sich ohnehin nie in dem Haus blicken lassen. Bevor sich der Vorhang hebt, stellt sich an beinahe jedem Gorki-Abend das familiäre Gefühl ein, sich am moralisch richtigen Ort mit den moralisch auf der richtigen Seite stehenden Menschen zu befinden.

Stoffe wie Hans Falladas »Kleiner Mann, was nun?«, Friedrich Schillers »Jungfrau von Orleans« und William Shakespeares »Othello« verwandelte die Gorkigemeinde auch in der nun abgelaufenen Spielzeit 2015/16 mit der Schablone des postmigrantischen Theaters in identitätspolitisches Schauspiel, das den Gegensatz »Wir Guten gegen die Bösen« bedient.

Falladas beinharte Wirtschaftstragödie transformierte Hakan Savaş Mican zum behaglichen Einfühlungstheater, in »Othello« reduzierte Christian Weise vor allem durch das wohlfeile Umdichten des Schlusspunktes den strukturellen Rassismus in Deutschland so deutlich zum Problem eines ausländerfeindlich-sächselnden Mobs, dass seine Inszenierung mehr Kolportage denn Kunst zu nennen ist.

Am augenfälligsten wurde dieser Zugriff auf das gesellschaftspolitisch Brodelnde in »Je suis Jeanne d’Arc« unter Leitung des Pariser Regisseurs Mikaël Serre. Im Titel an das Attentat auf »Charlie Hebdo« anspielend und den alten Text von Schiller mit sich herumschleppend, vermengt dieser Abend die Kritik an der Unterdrückung der Frauen mit Bekennerschreiben des IS und gettoisierten Banlieue-Jugendlichen. Wie spannend hätte dieser Mix werden können! Doch Serre verliert sich in Assoziationsketten zu nationalistischen Weltbildern von Stalin bis Le Pen und stellt durch die Verulkung seines ernsten Themas ein Verständnis von Idealismus heraus, das Schiller wohl gescholten hätte, dem die »Emancipation des Menschengeschlechts« nie über elitär gepuderte Possierlichkeiten machbar erschien, sondern nur über die »Wirkmacht der Vernunft«.

Weil sie unbestritten über ein schauspielerisch herausragendes Ensemble um Thomas Wodianka, Till Wonka oder Sesede Terziyan verfügen und außerdem das Witzemachen brillant beherrschen, bringen die Künstler des »Gorki« jedes Jahr aber auch gelungene Produktionen zur Aufführung, die nicht jedes Sujet auf Gedeih und Verderb in ihr politisches Korsett zwängen. Denn da, wo die Stücktexte tatsächlich auf Identität, auf die Innerlichkeit, auf das Seelenleben abzielen, da kristallisieren sich wahre Programmperlen heraus.

Bei der Bühnenversion von Olga Grjasnowas Roman »Die juristische Unschärfe einer Ehe« geht es etwa um einen schwulen Mann und eine lesbische Frau aus Aserbaidschan, die in Berlin heiraten, damit die Familie zu Hause beruhigt ist. Nurkan Erpulats theatrale Adaption trifft perfekt das Lebensgefühl vieler Mittzwanziger, denen neben dem unvermeidbaren Tod eine große Orientierungslosigkeit die einzige Gewissheit ist.

Ein Segen sind auch die Stücke von Sibylle Berg: Nach dem grandiosen »Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen« schickte die Autorin in der abgelaufenen Saison unter Regie von Sebastian Nübling in »Und dann kam Mirna« wieder ihre vier sich die Wut aus der Seele tanzenden Frauen ins Rampenlicht. Sie sind um einige Jahre älter und Mütter geworden, aber immer noch die biestig gegen die heteronormative Kackscheiße anstinkenden Gören, die sich nicht von abgemagerten und unpolitischen Selbstverwirklichungskarrierefrauen den feministischen Rang ablaufen lassen wollen.

Politisches Theater, das ist dann auch die zentrale Erkenntnis der Spielzeit, funktioniert am »Gorki« immer dann, wenn das Politische im Privaten verhandelt wird. Der dementsprechend größte Gorki-Kracher 2015/16 feierte bereits im September vergangenen Jahres seine Premiere: Hausregisseurin Yael Ronen hat es mit ihrer Stückentwicklung »The Situation« verdient zum Berliner Theatertreffen geschafft. Sie bringt darin Menschen aus Syrien, Palästina und Israel in einem Berliner Deutschkurs zusammen - und dann geht es um alles andere als Grammatik und Rechtschreibung. Ein Nahostkonflikt der ganz eigenen Art einwickelt sich im Seminarraum, und Ronen lässt die Migranten munter zwischen den Sprachen hin- und herswitchend mit dem grün-alternativen Klischeedeutschlehrer einen verbalen Kampf der Kulturen ausfechten.

»The Situation« ist ein kluges und ästhetisch anspruchsvolles Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit, das paradigmatisch stehen sollte für ein Theater mit einem solch ostentativ zur Schau gestellten politischen Anstrich wie dem »Gorki«. Langhoff und Hillje können es ja, das Konzipieren eines Theaters, das nicht nur der eigenen Gemeinde predigen will. Sie sollten es in den kommenden Spielzeiten häufiger zeigen, um nicht im Brackwasser der Beliebigkeit zu versinken.

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