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Die fabelhafte Welt der Visionen

In Cottbus zeigt die Künstlerinnengruppe »Endmoräne« ihre große Jubiläumsausstellung

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wer in diesen desillusionierten, weil düsteren Zeiten von Visionen und Utopien spricht, erntet häufig das Gelächter zynischer Zeitgenossen, denen jeder umwälzungswillige Empörungsfuror naiv, weltfremd, kindisch erscheint. Es ist aber auch schwer, dem realpolitisch orientierten Zeitgeist ein Schnippchen zu schlagen, wenn die massenmediale Aufmerksamkeitsökonomie unablässig neue Horrorsäue durchs globale Digitaldorf treiben muss.

Eine Künstlerinnengruppe wie die »Endmoräne«, die ausgehend von einer gescheiterten Utopie namens DDR seit nunmehr 25 Jahren in ihrer Kunst noch ganz analog das Visionäre zur Schau stellt, wandelt da auf dem schmalen Grat zwischen Kauzigkeit und Subversion. Jedes Jahr lässt sich an wechselnden Orten in Brandenburg begutachten, ob es gelungen ist, Idealbilder in Szene zu setzen von der Gesellschaft, die es geben sollte.

Die in Cottbus stattfindende Jubiläumsausstellung bietet Gelegenheit, das Vierteljahrhundert zu überblicken und sich ein Gesamturteil zu bilden. Im Museum Dieselkraftwerk sind ausgewählte Werke seit Gründung des Vereins zu sehen, derweil daneben, in einer wasserkraftbetriebenen Wollgarnspinnerei, die aktuelle Sommerausstellung residiert. Unter dem Motto »...und die wunderliche Welt dreht sich weiter« haben sich 25 Künstlerinnen mit ortsbezogenen Geschichten befasst und raumfüllende Installationen geschaffen.

Auf drei Stockwerken gibt es so viel zu entdecken, dass allein die Aufzählung der spannendsten Werke diesen kleinen Text in epische Breite ausdehnen würde. Ob die Hinterlassenschaften der südbrandenburgischen Industrie, das in den Ruinen des ehemaligen Naturkundemuseums entdeckte Mammutgemälde oder Wandzeichnungen zur 2024 geplanten Flutung eines früheren Tagebaugeländes, das zum See werden soll: Hier laufen biografisch eingeübte Selbstorganisation, sprühender Ideenreichtum und politische Neugier produktiv zusammen.

1991 auf dem Lietzener Kunsthof von Erika Stürmer-Alex entstanden, versteht sich die »Endmoräne« auch als Deuterin der untergegangenen DDR-Industriegesellschaft. Da erscheint die Vorliebe der Gruppe für morbide Orte logisch: Zugewucherte Schlösser, stillgelegte Kasernen und heruntergekommene Ställe dienten ihr schon als Kunstdomizile, in denen der Blick in die Vergangenheit auch eine kritisch-optimistische Sicht auf Gegenwart und Zukunft vermittelt. Die Ausstellungstitel aus 25 Jahren weisen dann auch eher in eine zuversichtliche Richtung. Sie reichen von »Modulation« (1997) über »Baustelle Romantik« (2002), »Happyland - Anleitung zum Glücklichsein« (2003), »Schönheit oder von der Vitalität des Vergänglichen« (2006) bis hin zu »Führungen ins Universum« (2011).

Widerstand und Anmut treffen sich bei den »Endmoränen« so, dass eine Kunst entsteht, die neue gedankliche Horizonte öffnet und absonderlich anmutende Verbindungen herstellt. Elke Postlers »Ankleidezimmer« (2007) mit über dem Boden schwebenden Plastikfolien im Look von Abendkleidern ist dafür ein ebenso bleibendes Beispiel wie die beeindruckende Installation »Rote Gefahr« von Tina Zimmermann, die 2011 in Neuhardenberg mit roter Farbe in chinesischen Schriftzeichen auf eine Kasernenfront schrieb: »Haus wird abgerissen.«

Genau das macht die »Endmoräne« unverwechselbar und beschert den zahlreich herbeiströmenden Gästen auch diesmal eine Perspektive, mit der sie sich in dieser fabelhaften Welt der Visionen schwelgend verlieren können und doch mit der profanen Realität konfrontiert sehen.

»Endmoräne 25 - ...und die wunderliche Welt dreht sich weiter«. Bis 7. August im ehemaligen Museum der Natur und Umwelt sowie im Museum Dieselkraftwerk, Am Amtsteich 15, Cottbus. Der Katalog ist im Vice Versa Verlag erschienen, 224 S., br., 25 €, Bestellung über: info@endmoraene.de.

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