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»Was soll nur aus der deutschen Sprache werden?«

Sind Binnen-I, Sternchen, Gender-Gap wirklich das Problem? Argumente gegen gängige Mythen und abwehrende Behauptungen - Teil V

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»Das ist doch kein Sexismus, das ist doch ein Kompliment …« Wer Sexismus zum Thema macht, hört nicht selten solche Sätze. Eine nd-Serie in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung will den Blick dafür schärfen, dass Sexismus ein strukturelles Problem unserer Gesellschaft ist. Wer Sexismus thematisiert, stellt immer auch die Frage nach der Macht, nach ihrer ungleichen Verteilung und nach den Strategien, mit denen diese Verhältnis­se aufrechterhalten werden. Es geht um Argumente gegen gängige Mythen und abwehrende Behauptungen, mit denen Kritik an Sexismus zum Schweigen gebracht werden soll.

»Der Gender-Krampf verhunzt die deutsche Sprache.«
Ingrid Thurner, Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien, Februar 2013

Was ist dran?

Binnen-I, Sternchen, Gender-Gap: Es gibt viele verschiedene Formen, mit denen versucht wird, Sprache geschlechtergerechter beziehungsweise geschlechtersensibler zu machen. Diese unterschiedlichen Formen existieren in Deutschland nebeneinander, in den Mainstream-Medien finden sie allerdings selten Verwendung. In amtlichen Schreiben und Geschäftspost taucht gelegentlich der Schrägstrich auf. Und im Duden heißt es sogar: »Die Verwendung des großen I im Wortinnern (Binnen- I) entspricht nicht den Rechtschreibregeln.«

All den Versuchen, eine geschlechtergerechte beziehungsweise geschlechtersensible Sprache zu verwenden, liegt die Idee zugrunde, dass Sprache unsere Vorstellung von unserer Lebens- und Alltagswelt, zum Beispiel von Berufen und wer sie ausübt oder dafür geeignet ist, formt. Sie basieren auf der Überzeugung, dass durch das einseitige Benutzen der männlichen Form Männer auch zur Norm werden (Androzentrismus). Eine andere Sprache kann dazu beitragen, das Denken zu verändern, Realität präziser und differenzierter abzubilden und alle, die nicht der vermeintlichen Norm entsprechen, also Frauen, Inter- und Transpersonen, sichtbarer zu machen. Kämpfe um Repräsentation und Teilhabe sind stets auch mit Kämpfen um Sprache verbunden.

Frauen sind in der männlichen Form doch mitgemeint

Folgendes Rätsel: Wie lässt sich diese Geschichte erklären? Ein Vater fährt mit seinem Sohn im Auto. Sie verunglücken. Der Sohn wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und muss notoperiert werden. Der diensthabende Arzt eilt in den OP, tritt an den Operationstisch heran, auf dem der Junge liegt, wird kreidebleich und sagt: »Ich bin nicht imstande zu operieren. Das ist mein Sohn.«

Auf die Antwort kommen die wenigsten auf Anhieb: Hinter dem diensthabenden Arzt steckt die Mutter des Jungen, sprich die diensthabende Ärztin. Dieses Beispiel zeigt, dass wir zwar automatisch etwas oder jemanden mit einem bestimmten Wort verbinden, hier den diensthabenden – selbstverständlich männlichen – Arzt, uns dieser Verbindung aber selten bewusst sind. Studien belegen, dass Versuchsteilnehmende bei der Verwendung der männlichen Form, wie zum Beispiel »Sozialarbeiter«, zuerst an einen Mann denken.

Häufig betonen auch Frauen, dass sie für sich selbst auch die männliche Form benutzen und sich dadurch nicht diskriminiert fühlen. Viele Frauen stören sich aber sehr wohl daran. Auch und gerade für Frauen ist das Experiment aufschlussreich, einmal einen ganzen Tag lang konsequent nur die weibliche Form zu benutzen und zu beobachten, wie sehr das die Menschen irritiert oder vielleicht sogar wütend macht. Als die Universität Leipzig 2013 beschloss, in ihrer Grundordnung ausschließlich die weibliche Form, wie zum Beispiel Professorinnen, Studentinnen und so weiter, zu verwenden, äußerten sich viele ablehnend, und die Online-Kommentare fielen sehr wütend aus. Es war von »Beleidigung« und »Entwürdigung« zu lesen. Männlichen Studierenden sei es nicht zumutbar, in der weiblichen Form mitgemeint zu werden.

Wird der Alltag dadurch gerechter?

Ja und Nein. Geschlechtergerechte Sprache allein kann Sexismus nicht abschaffen. Sexistische Strukturen verschwinden nicht, nur weil geschlechtergerechte Sprache verwendet wird. Wird zum Beispiel eine öffentliche Diskussionsrunde nur mit Männern besetzt, dann hilft es wenig, wenn im Ankündigungstext oder in der Berichterstattung von »Expert_innen« die Rede ist. Diese Beschreibung würde die Missverhältnisse sogar verschleiern. Sprache muss im gesamtgesellschaftlichen Kontext gesehen werden. In diesen Kontext gehört nicht nur die Frage, welche Worte benutzt werden, sondern auch, wie gesprochen wird.

Ein dominantes, eher männlich konnotiertes Redeverhalten bleibt dominant, auch wenn geschlechtergerechte Sprache verwendet wird. Dennoch ermöglicht es geschlechtergerechte Sprache, Lebenswirklichkeiten sichtbar zu machen und unsere Wahrnehmung zu verändern. Damit ist sie ein wichtiger Beitrag auf einem Weg hin zu einer sexismusfreien Gesellschaft, aber eben nur einer von vielen. Sie ist auch ein klares Zeichen dafür, dass eine gerechte Gesellschaft und ein Hinarbeiten auf diese erwünscht sind.

Bin ich jetzt ein Sexist, weil ich mal die falsche Endung verwende?

Nein, denn geschlechtergerechte Sprache braucht Übung, und »Fehler« gehören zum Üben dazu. Es wird allerdings problematisch, wenn sich öffentlich über die Versuche, Sprache gerechter zu machen, lustig gemacht wird oder sich konsequent geweigert wird, sie zu verwenden. Denn hier stellt sich die Frage, woher diese Weigerung kommt. Manchmal hat sie damit zu tun, dass nicht klar ist, wozu die unterschiedlichen Versuche, Sprache geschlechtergerechter zu machen, dienen sollen. Hier braucht es politische Bildungsarbeit. Doch manchmal verbirgt sich hinter der Weigerung auch schlichtweg ein Nicht-Verstehen-Wollen.

Geschlechtergerechte Sprache ist schlechter lesbar

Die Umstellung auf eine andere Schreibweise von Begriffen ist zunächst umständlich und auch etwas unbequem. Das stimmt. Texte, die in einer geschlechtersensiblen Sprache verfasst wurden, mögen auf den ersten Blick irritieren, doch es stellt sich relativ rasch ein Gewöhnungseffekt ein. Geschlechtersensible Sprache fällt auch deshalb als irritierend auf, weil sie zwar häufig in Institutionen oder von politischen Initiativen verwendet wird, aber bis auf wenige Ausnahmen nicht von den deutschen Medien. Wären alle oder zumindest mehr Texte geschlechtersensibel verfasst, würde es uns schlichtweg nicht mehr auffallen, sondern wäre zu einer neuen Norm geworden.

Geschlechtergerechte Sprache ist eine künstliche Veränderung und eine Anordnung von oben

Ja, es stimmt. Geschlechtergerechte Sprache ist ein Eingriff in die deutsche Sprache. Aber Sprache verändert sich nun einmal, schließlich wird sie nicht nur von Menschen genutzt, sondern auch von Menschen gemacht. Vor 20 Jahren hat noch niemand »gegoogelt«, und heute findet kaum jemand mehr etwas »goldig«. Nun kann man einwenden, dass es sich bei diesen Veränderungen ja um organische Entwicklungen handele und eben nicht um Verordnungen »von oben«, die den Menschen aufgezwungen würden.

Die Forderung, die Sprache zu verändern, stammt aber gar nicht »von oben«, sondern aus einer sozialen Bewegung, dem Feminismus, und wurde von Institutionen wie Behörden erst aufgegriffen, nachdem sich Aktivist_innen sehr lange dafür eingesetzt hatten. Geschlechtergerechte Sprache ist damit durchaus eine Idee »von unten« und eine »organische« Weiterentwicklung – soweit »organisch« in diesem Zusammenhang überhaupt eine hilfreiche Beschreibung darstellt.

Die Broschüre, auf der diese Reihe basiert, ist gerade als »luxemburg argumente« von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegeben worden. Die Autorin ist Anna Schiff. Ein Interview mit ihr gibt es hier zum Nachhören. Die llustrationen stammen von Marie Geissler.

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